"Achten Sie mit Argusaugen auf Ihr Kind"

Saarbrücken. Nach Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention haben Kinder mit Behinderung ein Recht auf Bildung in einem inklusiven Schulsystem - einem System, in dem behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam lernen. Dennoch müssen Eltern einen Antrag stellen, wenn sie ihr behindertes Kind in eine Regelschule schicken wollen, sonst kommt es automatisch in eine Förderschule

Saarbrücken. Nach Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention haben Kinder mit Behinderung ein Recht auf Bildung in einem inklusiven Schulsystem - einem System, in dem behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam lernen. Dennoch müssen Eltern einen Antrag stellen, wenn sie ihr behindertes Kind in eine Regelschule schicken wollen, sonst kommt es automatisch in eine Förderschule. Was Eltern dabei zu beachten haben, darüber informierte der Verein Miteinander Leben Lernen (MLL) bei einem Abend unter dem Motto "Integration in der Schule". Auf dem mit sechs Experten besetzten Podium saß auch Sabine Köhler, Mutter einer achtjährigen Tochter mit Down-Syndrom. Neben ihr saß Gerlinde Garcia Cosa, Leiterin der Arnold-Ritter-Schule in Erfweiler-Ehlingen, die bereits 13 sogenannte Integrationskinder, darunter zwei Autisten, aufgenommen hat, unter anderem Köhlers Tochter Lena. Anfangs sei es schwierig gewesen, berichtete Köhler. Lenas Förderpädagogin und ihre Integrationshelferin seien nämlich der Meinung gewesen, das Kind gehöre in eine Förderschule. Beide wurden ausgetauscht, nachdem die Mutter sich an Stephan Lehberger, den Inklusionsbeauftragten des Bildungsministeriums und den Verein MLL gewandt hatte.Heute gehe Lena "mit einem Lächeln und freudestrahlend in die Schule", erklärte Köhler und appellierte an die rund 50 Eltern auf den Zuschauerbänken: "Kämpfen Sie, achten Sie mit Argusaugen auf Ihr Kind! Ich kann nur sagen, es lohnt sich." Grundlage für den gemeinsamen Unterricht ist die Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs.

Pascal Decker, Leiter des sonderpädagogischen Förderzentrums Saarlouis, erklärte, wie dieses Verfahren abläuft. Auch er riet den Betroffenen: Nicht abwarten, sondern aktiv werden. Eltern könnten eine Überprüfung auf Förderbedarf selbst in Gang setzen, sie sollten frühzeitig auf die künftige Schule des Kindes zugehen und dem Gutachter alle wichtigen Informationen liefern.

Außerdem hätten die Eltern ein Recht darauf, das Gutachten zu kennen. Da es im Wesentlichen aus einer Auswertung der Informationen bestehe, sollten die Eltern unbedingt die Richtigkeit der Fakten überprüfen, denn dafür fehle dem Ministerium die Zeit, betonte Inklusionsbeauftragter Stephan Lehberger. Überrascht nahmen die Eltern zur Kenntnis, dass einem Integrationskind nur zweieinhalb Stunden pro Woche ein Förderpädagoge zur Verfügung stehe und dass die Integrationshelfer nur begleitend geschult würden, aber nicht pädagogisch ausgebildet seien. "Halten Sie das im Hinblick auf Inklusion für ausreichend?", fragte ein besorgter Vater. "Nein", gestand MLL-Geschäftsführerin Traudl Hell, aber mehr könne nicht finanziert werden. Doch das Land arbeite daran. Lehberger verwies auf sieben Grund- und vier weiterführende Schulen, die jetzt zu inklusiven Modellschulen ausbaut werden.

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