1. Saarland

Abstieg in den "Grand Canyon"

Abstieg in den "Grand Canyon"

Warndt. Die Vormittagstour hat uns von Völklingen nach Karlsbrunn geführt. Nun ist es 14 Uhr, die Zeit läuft - und das Ziel liegt immer noch hinter dem Wald, ungefähr zwei Kilometer weiter. Dieses Mal haben wir keinen offiziellen Fahrradweg vor uns, sondern ein Stück des Warndt-Wald-Wegs, eines Wanderwegs. Die leichte Steigung entlang eines Baches lässt sich aber mit dem Fahrrad gut fahren

Warndt. Die Vormittagstour hat uns von Völklingen nach Karlsbrunn geführt. Nun ist es 14 Uhr, die Zeit läuft - und das Ziel liegt immer noch hinter dem Wald, ungefähr zwei Kilometer weiter. Dieses Mal haben wir keinen offiziellen Fahrradweg vor uns, sondern ein Stück des Warndt-Wald-Wegs, eines Wanderwegs. Die leichte Steigung entlang eines Baches lässt sich aber mit dem Fahrrad gut fahren. Plötzlich schimmert Licht hinein in den dunklen Wald: Eine Aussichtsplattform, aus Holz und Metall gebaut, lädt zu einer Pause ein.

Sandsteinrot und Grün

Unterhalb der Plattform erstreckt sich eine vier Kilometer lange Sandgrube vor den Augen der Spaziergänger. Der rötliche Sandstein kontrastiert mit dem Grün der renaturierten Landschaft. 100 Meter unter der Aussichtsplattform, liegen in der Mitte des Geländes zwei schwarze Seen, die von oben winzig klein aussehen. Eine schiefergraue Halde, auf der noch Maschinen arbeiten, lässt ahnen, dass diese Landschaft nicht von der Natur geformte wurde - wir schauen auf einen ehemaligen Steinbruch. Seit den 1920er Jahren wurde hier tonnenweise Sand herausgeholt für den Versatz in den Gruben, also das Auffüllen ausgekohlter Stollen unter Tage. Die "Carrière", so heißt das französische Wort für "Steinbruch", war bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts in Betrieb. 2001 fingen die Baustellen für die Renaturierung an. Heute beherbergt die Sandgrube rare Tierarten, zum Beispiel den Uhu oder die Knoblauchkröte. Die zwei schwarzen Seen sind durch den Wiederanstieg des Grundwassers entstanden - die Pumpen, die früher die untertägigen Bergwerksstollen trocken hielten, wurden vor ein paar Jahren abgeschaltet. Der Wasseranstieg geht noch weiter; nach Auskunft der Gemeinde Freyming-Merlebach werden die Seen in einigen Jahren zu einem einzigen zusammengewachsen sein.

Grenzland-Charme

Renate Fox - blonder Bob und kleine Brille - kommt oft hierher. Sie lebt in Großrosseln und mag den Wald und die Carrière, weil sie an der Grenze sind. "Letztes Mal, als ich hier war, standen da zwei Männer, die sich auf Deutsch unterhielten. Zwei französische Frauen kamen hinzu, und plötzlich wechselten die Männer die Sprache, fingen an, perfekt Französisch mit den Damen zu sprechen", erzählt sie; "hier weiß man nie in welcher Sprache die Leuten gleich grüßen werden".

Von oben sieht man Menschen, so groß wie Fingernägel, die im Steinbruch spazierengehen. Wie sie es wohl geschafft haben, dahin zu kommen? Von der Aussichtsplattform geht ein Weg nach links und folgt der Felswand mit drei, vier Meter Abstand. Steine, Sand, die Fahrräder rutschen schnell; ein Mountainbike ist zu empfehlen.

In der Sandgrube selbst ist der Boden leicht und weich, er hinterlässt rote oder schwarze Spuren auf den Fahrradreifen. Seit 2010 ist die Sandgrube für das Publikum zugänglich. Die Leute kommen in den "Grand Canyon", wie ihn die zwei Läuferinnen Karin Buchheit und Christa Michels aus Karlsbrunn nennen, um spazierenzugehen, zu laufen oder zu wandern. "Grand Canyon, so haben Karlsbrunner die Sandgrube bei ihrem Schlossfest genannt", erzählen die beiden Freundinnen lachend.

Im Quartier Remaux

Trotz des starken Windes wird es wegen der Rückstrahlung schnell warm hier unten. Für den Rückweg ist die Asphaltstrecke auf der anderen Seite der Sandgrube, durch Freyming-Merlebach, viel angenehmer. Der Weg führt durch ein kleines Waldstück, an dessen Ende man nach links abbiegen sollte, in die Rue de Bourgogne. Dort beginnt nämlich das Quartier Remaux, eine alte Grubensiedlung, in den 1920er Jahren vom Bergwerk gebaut. Nur durch die verschiedenen, aber immer hellen Farben unterscheiden sich die nebeneinander geklebten kleinen Häuser. Am Ende der kurvigen Straße führt der Weg wieder nach links in den Warndtwald hinein.

Es ist fast 18 Uhr - Zeit, nach Völklingen zurückzufahren. Auf dem Rückweg erscheint der Weg entlang der Rossel ganz anders als am Morgen. Kurz vor Völklingen, rechter Hand, ein Kornfeld - es gibt der Tour einen südlichen Hauch. Als habe man eine sehr lange Reise unternommen. < Wird fortgesetzt.

Charlotte Stiévenard, 25, war vier Wochen lang Praktikantin in der SZ-Lokalredaktion Völklingen/ Warndt. Die junge Französin absolviert derzeit einen grenzüberschreitenden Master-Studiengang im Fach Journalismus an den Universitäten Straßburg und Freiburg.