Syrerin schafft Abitur Abitur von Null auf Hundert

Saarbrücken · Ohne Deutschkenntnisse ist Yamama Khatko 2013 ins Saarland gekommen. Mit großem Ehrgeiz schafft die Syrerin in diesem Jahr das Abitur.

 Ohne Deutschkenntnisse kam Yamama Khatko aus Syrien 2013 ins Saarland. Jetzt hat die 19-Jährige ihr Abitur bestanden und will im Herbst an der Saar-Uni studieren.

Ohne Deutschkenntnisse kam Yamama Khatko aus Syrien 2013 ins Saarland. Jetzt hat die 19-Jährige ihr Abitur bestanden und will im Herbst an der Saar-Uni studieren.

Foto: Iris Maria Maurer

Stolz spielt Yamama Khatko ein Video auf ihrem Smartphone ab. Es zeigt die 19-Jährige in elegantem rosafarbenen Abendkleid auf einer Bühne, an dem Tag, als sie ihr Abiturzeugnis erhält. Eine Szene, wie sie sich vor den Sommerferien unzählige Male abspielt. Und doch ist sie besonders: Denn vor dreieinhalb Jahre sprach Yamama noch kein einziges Wort Deutsch.

Der Bürgerkrieg führt die Familie, die als Aramäer zur christlichen Minderheit in Syrien zählt, zunächst aus der Stadt Qamischli an der türkischen Grenze in den Libanon, in den sie als Besucher einreisen. Mit Visa der deutschen Botschaft steigen die Khatkos – neben Yamama sind das ihre jüngeren Geschwister Christian und Perla sowie ihre Eltern – am 7. September 2013 in Beirut in ein Flugzeug nach Deutschland.

In Lebach geht dann alles ziemlich schnell. Nach nur fünf Tagen in der Landesaufnahmestelle bezieht die Familie ein Haus in der Stadt, eine Woche später besuchen die drei Kinder bereits die Schule. Yamama kommt an der Gemeinschaftsschule in eine Förderklasse. „Dort waren viele Araber. Das hat dazu geführt, dass ich in den ersten sechs Monaten fast kein Deutsch gelernt und nur Arabisch gesprochen habe“, erinnert sich die junge Frau.

Doch Mitarbeiter der Caritas setzen sich dafür ein, dass Yamama im April 2014 auf das Geschwister Scholl-Gymnasium in Lebach wechseln kann. Denn sie bringt exzellente Noten von der Privatschule für Aramäer in Syrien mit. Auf dem Gymnasium verbessert sich ihr Deutsch in nur wenigen Monaten von Null auf Hundert – heute spricht sie es akzentfrei.

Über ein Stipendium der Roland-Berger-Stiftung bekommt sie Nachhilfe. Nicht nur in Deutsch. In vier Monaten paukt sie mit einer Bekannten die Französisch-Bücher von der fünften bis zur neunten Klasse durch und verbessert ihre Note von sechs auf zehn Punkte. In der zehnten Klasse belegt sie zusätzlich Latein und schafft das kleine Latinum.

Schwierigkeiten bereiteten der ehrgeizigen Schülerin vor allem die deutsche Geschichte, über die sie nichts weiß, aber auch die Lektüren im Deutschunterricht: „Über 400 Seiten des Romans ,In Zeiten des abnehmenden Lichts’ von Eugen Ruge oder Goethes ,Faust’ waren wirklich nicht einfach zu verstehen“, sagt Khatko. Mit ihrer Nachhilfelehrerin arbeitet sie sich Absatz für Absatz durch, versucht, den Faust auf Arabisch zu lesen, um mit der Klasse mithalten zu können.

Erfolg hat sie auch beim Wettbewerb „Jugend forscht“. Für ihre Arbeit zum Thema Stottern erhält sie einen Sonderpreis der Jury.

Einen Flüchtlings-Bonus bekommt sie nicht. „Ich habe mir immer gesagt: Ich gebe nicht auf.“ Dankbar ist sie für die Unterstützung durch ihre Lehrer sowie die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer und die Nachbarn. „In Lebach waren wir wirklich verwöhnt durch die guten Leute“, sagt ihre Mutter, die Deutsch sowohl in Sprachkursen als auch auch alleine über die Internetplattform Youtube gelernt hat.

Vor Kurzem ist die Familie von Lebach nach Saarbrücken-St. Arnual gezogen. „Jetzt wird vieles einfacher“, meint Yamama. Vor allem ihre Mutter, die als Kinderärztin im Klinikum auf dem Winterberg arbeitet, müsse nach Nachtschichten nun nicht mehr so weit fahren. Ihr Vater arbeite weiterhin als Brandschutzsachverständiger in Tholey. Auch für sie selbst soll es so ab Herbst einfacher werden, wenn sie ein Studium beginnt. „Ich möchte Pharmazie studieren, aber ich glaube nicht, dass es in diesem Jahr klappt“, sagt Yamama. Das Fach hat derzeit einen Numerus Clausus von 1,9, ihr Abischnitt liegt bei 2,8. Daher will sie sich zunächst für Chemie einschreiben.

Yamama – im Arabischen bedeutet der Name Friedenstaube. Frieden wünscht sie sich für ihre Heimat. „Es muss endlich aufhören, dass unschuldige Menschen getötet werden“, fordert sie. Auch wenn das bedeuten könnte, dass ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert wird und sie nach Syrien zurückkehren muss. „Die Angst, dass sie nicht verlängert wird, ist unheimlich groß“, sagt Yamama Khatko. „Ich habe alles in Syrien aufgegeben, als ich weg bin.“ Einen weiteren Neustart möchte sie nicht erleben müssen. „Das kostet so viel Kraft.“

Sie denkt oft mit Wehmut an Syrien und ihre Freunde, mit denen sie aufgewachsen ist. „Sehr viele sind jetzt in Schweden“, sagt sie. Sie weiß, dass nicht alle in Deutschland Flüchtlinge und Migranten willkommen heißen. Umso mehr freut sie die Nachricht, die ihr eine Mitschülerin zum Abi schreibt: „Durch dich habe ich sehr viele Vorurteile gegen Ausländer abgelegt.“