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Werbung für Lena Nitro
Abfuhr für die Kicker im Porno-Trikot

Selfie mit dem Porno-Star: Vorstand Torsten Nelz (hinten links) und Torwart Mark Lang mit Lena Nitro im Trikot des SV Oberwürzbach.
Selfie mit dem Porno-Star: Vorstand Torsten Nelz (hinten links) und Torwart Mark Lang mit Lena Nitro im Trikot des SV Oberwürzbach. FOTO: nitro
Saarbrücken. Der Saarländische Fußballverband verbietet dem SV Oberwürzbach, auf seinen Shirts mit der Sex-Darstellerin Lena Nitro zu werben.

Es ist ein Bild, das um die Welt ging: Torsten Nelz steht in einem Fußballtor. Sein Haar ist sorgsam zerzaust, er hat an alles gedacht. Rote Turnschuhe, Hose und Hoodie in Schwarz. Nelz trägt die Vereinsfarben des SV Oberwürzbach. Neben dem Sportvorstand lächelt der Torwart des Amateurvereins, die Arme in die Hüften gestemmt. Sie präsentieren den Trikotsponsor der Kreisliga-Kicker: Lena Nitro, eine Pornodarstellerin. Nitro, 1,57 Meter klein, baumelt über den beiden Männern an der Torlatte. Ihr blondiertes Haar verdeckt das knallrote Trikot, auf dem verschnörkelt ihr Name prangt.

Am späten Montagabend hat der Vorstand des Saarländischen Fußballverbandes (SFV) entschieden: Von den Sportplätzen der Kreisliga A Saarpfalz muss dieses Trikot verschwinden. „Es war eine knappe Entscheidung“, erklärt Verbands­präsident Franz Josef Schumann.

Oberwürzbach ist ein kleiner Verein, tiefste Spielklasse, ohne Pressesprecher. Also erzählt Nelz, wie sie sich auf einer Abschlussfahrt ins Hambachtal überlegten, ein wenig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Wir wollten einen Trikotsponsor, den nicht jeder hat“, sagt Nelz. Nitro hatte er im Fernsehen gesehen, auf Pro Sieben, auch beim „Frauentausch“ von RTL II. Er habe sie witzig gefunden, authentisch, so frei Schnauze, schwärmt Nelz. Also schickten sie eine E-Mail an das Management der Porno-Darstellerin. Drei Tage später kam die Antwort.

Das filmische Werk von Lena Nitro umfasst Produktionen wie „Der Porno-Praktikant“ oder „Heftig durchgeknallt“. Nach zwei Treffen mit ihr stand fest: Oberwürzbach wirbt für sie. Geld gab es keines, dafür einen Satz Leibchen – und möglichst viel Presse. So lautete der Deal. Also fuhren Nelz und Mark Lang, der Torwart, zur Porno-Darstellerin nach Köln. Der Lebensgefährte von Nitro knipste mit seinem Handy. Nelz schickte die Fotos an die „Bild“-Zeitung. Das war Ende September.

Das Boulevardblatt zog mit. Schlagzeile: „Porno-Star wird Trikot-Sponsor.“ Als Nelz aufstand, ploppten auf seinem Mobiltelefon 123 Nachrichten auf, allein bei WhatsApp. Über das Internet verbreitete sich die Geschichte rasant. Die französische Sportzeitung „L’Equipe“, „Sports Illustrated“, „Vice“ und die New Yorker „Daily News“ – sie alle berichteten.

In dieser Situation erinnerte sich der Verband an seine eigenen Regeln. „Eigentlich müsste jede Trikotwerbung genehmigt werden“, sagt Präsident Schumann. Seit zig Jahren stehe das in den eigenen Vorschriften. Nur interessierte das niemanden – bis Lena Nitro kam.

Geht es um Fußball und Sexualmoral, dann ist das Saarland ein einschlägiger Ort. Knapp 30 Jahre ist es her, dass der FC Homburg, damals in der Bundesliga, für die Kondommarke „London“ warb. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verbot das Trikotsponsoring, es verstoße gegen „Ethik und Moral“. Die Funktionäre galten als weltfremd und gestrig.

Grundlegend geändert haben sich die Regeln des DFB seitdem nicht. Nur werden sie anders interpretiert. Der weltgrößte Sportverband verfügt über „Allgemeinverbindliche Vorschriften über die Beschaffenheit und Ausgestaltung der Spielkleidung“. In § 10 ist nachzulesen: „Die Werbung darf nicht gegen die allgemein im Sport gültigen Grundsätze von Ethik und Moral oder die gesetzlichen Bestimmungen oder die guten Sitten verstoßen.“ Aber was heißt das in der Gegenwart? Einerseits debattiert Deutschland über Sexismus. Andererseits erscheint Pornografie durch das Internet zunehmend gesellschaftsfähig.

In den Gremien des SFV sitzen meist ältere Herren, im Vorstand gibt es nur eine Frau – seit Juni 2017. Wie positionieren sie ihren Sport in gesellschaftspolitischen Fragen? Und was sagt das über die Funktionäre aus? „Ethik und Moral haben sich verändert“, sagte SFV-Geschäftsführer Andreas Schwinn – vor der jetzigen Entscheidung.

Kürzlich erlaubte der Hessische Fußballverband dem Fünftligisten Rot-Weiß Frankfurt die Werbung für einen Saunaclub. Nach den Regeln des DFB. Im Saarland legt der Landesverband die selben Paragraphen nun strenger aus. Doch das war nicht immer so. Bis 2011 konnte der SV Fraulautern unbehelligt für einen Bordellbetrieb werben, die „Villa Maxim“ – zehn Jahre lang.

Und wie geht es weiter in Oberwürzbach? Dort überlegen sie, ihre Kicker mit einem neuen Schriftzug auflaufen zu lassen: „Lena Nitro – Ethik und Moral“. „Bei diesem Verband müsste es Ethik und Doppelmoral heißen“, findet Torsten Nelz.

Bei der Vorstellung des Trikotsponsors hing Lena Nitro werbewirksam an der Torlatte.
Bei der Vorstellung des Trikotsponsors hing Lena Nitro werbewirksam an der Torlatte. FOTO: Verein