30 gewonnene Jahre: Barbara Wackernagel-Jacobs will Alter neu bewerten

Barbara Wackernagel-Jacobs will Alter neu bewerten : Wider die Mär vom Bilderbuch-Ruhestand

Die frühere saarländische Ministerin und Filmemacherin Barbara Wackernagel-Jacobs setzt sich für ein neues Altersbild ein.

Man erwischt Barbara Wackernagel-Jacobs (68) immer auf dem Sprung, meist im Auto. Mal kommt sie aus einer Jury-Sitzung der Hamburger Körber-Stiftung, mal ist sie auf dem Weg nach Straßburg zu EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Der Terminkalender der Ex-Ministerin und Filmproduzentin ist knackevoll. Das liegt insbesondere an ihrem Film über „30 gewonnene Jahre“, in dem Gesellschaftswissenschaftler und Altersforscher Auskunft gaben über neue Altersbilder. Denn Wackernagel-Jacobs hat sich selbst den Ruf einer Expertin für das Thema Älterwerden erarbeitet. Dazu befragen wir sie in ihrem St. Arnualer Haus.

Sie waren 2014 auf Recherchereise zu Ihrem Film „Sputnik Moment. 30 gewonnene Jahre“ und kamen geradezu euphorisiert zurück: „Älter? Später!“, so beschrieben Sie Ihr Gefühl. Wie fühlt sich das Ganze jetzt für Sie an?

WACKERNAGEL-JACOBS Das ist nicht ganz richtig. Ich kam nicht euphorisiert von den Dreharbeiten zurück, aber optimistisch, mit einer ganz neuen Perspektive auf das Thema Älterwerden, auf die Gesellschaft und auf mich. Dieser Perspektivwechsel ist geblieben. Einen konstruktiven Blick halte ich für unabdingbar. Das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt. Und das hat nichts mit rosaroter Brille zu tun!

Die Professorin und Beraterin des New Yorker Bürgermeisters, Linda Fried, sagt, es gebe noch keinen Fahrplan für die 30 gewonnenen Jahre. Hätten Sie denn einen?

WACKERNAGEL-JACOBS Es gibt noch nicht so viele Vorbilder, wie man länger lebt, wie man anders älter wird. Unsere Generation ist so etwas wie eine Avantgarde. Das waren wir schon einmal, als wir vor 35 Jahren Familie und Beruf vereinbaren wollten – heute eine Selbstverständlichkeit, damals aber nah am Rabenmutterdasein. Für mich persönlich will ich keinen wohlverdienten Ruhestand, ich möchte eher verdientermaßen eingebunden bleiben. Damit bin ich nicht alleine. Viele wollen noch gesehen werden mit ihrer Kompetenz. Vielen gelingt das, aber bei weitem nicht allen. Diejenigen, denen es nicht gut gelingt, sprechen aus Scham nicht darüber, denn da steht erst mal die gesellschaftliche Haltung: Dem geht’s doch jetzt gut, der braucht nicht mehr zu arbeiten, kann jetzt machen was er will. Was ist, wenn alle Rosen im Garten geschnitten sind, wenn nicht so viele Enkelkinder in der Umgebung einen auf Trab halten, wenn man keinen Spaß am Malen hat oder keine Kohle fürs Golfspielen? Das sind doch Dinge, die uns anregen sollten, über das Älterwerden neu nachzudenken.

Sagen Sie, wie.

WACKERNAGEL-JACOBS Die Wissenschaftlerin Laura Carstensen sagt: Let’s make midlife longer – lasst uns die mittlere Altersphase verlängern. Wir sollten über die Verteilung von Stressphasen, Karriereüberlegungen, Kinderbetreuungsphasen, die Pflege von Angehörigen, über Auszeiten im Berufsleben neu nachdenken und vor allem nicht gebannt auf den Renteneintritt schauen, um das Leben nicht in eine Zeit vorher und eine Zeit nachher einzuteilen.

Die Idee, die 30 Jahre plus nicht einfach an die Altersstufe 65 plus dranzupappen, sondern sie auf das ganze Leben zu verteilen, klingt einleuchtend, ist aber als Denkmodell im gesellschaftspolitischen Diskurs noch überhaupt nicht angekommen. Was erschwert den Durchbruch?

WACKERNAGEL-JACOBS Das Älterwerden unterliegt Vorurteilen und starken Normierungen: Mit 65 hat man draußen zu sein und hat das gefälligst zu genießen. Auch ist Älterwerden mit Defiziten konnotiert: Verlust von Attraktivität, von Gedächtnis, von Einkommen, alles Befürchtungen und Ängste. Positivere Altersbilder haben wir sehr stark in den skandinavischen Ländern. Das hängt damit zusammen, dass diese Länder seit Jahren einen „Rentenkorridor“ haben, der die Schutzfunktion der Rente in nichts einschränkt, aber individuell für die, die wollen, ein längeres Arbeiten zulässt, bis in die Mitte der siebziger Lebensjahre. Kein Muss, nur wer will. Es gibt ein berechenbares Datum – wie bei uns –, ab wann jemand erst mal seine Rente erhalten kann, seine erworbenen Ansprüche abrufen kann. Diese Freiheit führt dort dazu, dass viele Ältere länger arbeiten und so in der Gesellschaft sichtbar sind, dass sie bedienen an Schaltern, in Geschäften, morgens im Bus sitzen. Wer länger arbeitet, erwirbt auch weitere Rentenansprüche. Solche Vorschläge, die absolut sozialstaatlich sind, wurden mehrfach hier in den Rentenkommissionen eingebracht. Früher wurden sie abgelehnt wegen der vielen Jugendlichen, die keine Ausbildung und Arbeitsplätze bekamen, deren Ablehnung heute aber, wo wir einen Fachkräftemangel haben und – zumindest in der Vergangenheit – rückläufige Geburtenraten, gar keinen Sinn mehr macht.

Die Wissenschaftler, die Sie interviewten, haben ein relativ homogenes Altersbild, eines, in dem fast nur knackig-vitale Menschen vorkommen. Dagegen steht die Realität, dass im Alter auch die Krankheitsrate ansteigt, Hochbetagte demenzgefährdet sind und bei nicht wenigen Altersarmut herrscht...

WACKERNAGEL-JACOBS Fassen wir mal sachlich die Fakten zusammen: Unsere Lebenserwartung ist in den letzten 100 Jahren um mehr als 30 Jahre gestiegen. Die Menschen sind länger gesund oder in gutem Zustand. Die Pflegebedürftigkeit bei den 65- bis 70-Jährigen liegt bei 3,2 Prozent, bei den 70- bis 75-Jährigen bei 5,4 Prozent und bei den 75- bis 80-Jährigen bei 9,9 Prozent. Und das Durchschnittsalter der Menschen in Pflegeheimen liegt bei 85, die durchschnittliche Verweildauer bei eineinhalb Jahren. Früher hatten wir mit Renteneintritt noch zehn Jahre zu leben. Bei Bismarck hat kaum einer überhaupt das Rentenalter erreicht, und heute bleiben uns 20, 30 oder 40 Jahre. Das sind positive Fakten, da lohnt es sich, über Gestaltung nachzudenken.

In Ihrem Film und Buch ist häufig vom „schwarzen Loch“ die Rede, das angeblich bei jedem nicht mehr arbeitenden Menschen auftaucht. Haben Sie das selbst erlebt?

WACKERNAGEL-JACOBS Ich habe immer einiges dafür getan, das zu vermeiden. Ich hatte ja mit Ende 40 einen gewaltigen Umbruch, als durch den Regierungswechsel meine Ministerzeit zu Ende war, und musste damals überlegen, was ich in den nächsten 30 Jahren machen wollte. Jeder Mensch, der mal arbeitslos war, weiß, wovon man spricht mit diesem „schwarzen Loch“: Es ist etwas anderes als eine geplante Auszeit: Man weiß nicht, wann es aufhört. Ich glaube, dass Arbeiten oder allgemeiner gesagt, Eine-Aufgabe-Haben, absolut wichtig für Menschen ist. Ob dies das Ergebnis unserer Kultur oder unserer persönlichen Sozialisation ist, sei dahingestellt. Reden Sie mit Ärzten und Psychologen, der Mensch braucht eine Resonanz, braucht andere Menschen und auch Kommunikation. Es gibt vielleicht Menschen, die das ablehnen, aber das ist oft Ergebnis tiefer Verletzung und Enttäuschung.

Kann es nicht genug Sinn machen, das erarbeitete Geld auszugeben? Sinn lässt sich auch im Lebensgenuss finden. Was spricht gegen einen hedonistischen Ansatz und warum vertritt ihn niemand in Ihrem Buch?

WACKERNAGEL-JACOBS Weil wir keinen Experten gefunden haben, der das für einen gelungenen Lebensentwurf hält. Professor Ursula Lehr, die den Heidelberger Lehrstuhl für Gerontologie hatte und dann auch Familienministerin war, sagte uns mal: Nur Schokolade essen, will man das? Die Saarbrücker Zeitung berichtete erst kürzlich, dass jeder vierte Rentner wieder arbeiten möchte und sich im Ruhestand nicht besonders wohlfühlt, und zwar unabhängig vom Status arm oder wohlhabend.

Und wie erklären Sie sich dann, dass die Babyboomer-Generation einer Studie zufolge am liebsten nur bis 60 arbeiten würde beziehungsweise so früh wie möglich in Rente ginge?

WACKERNAGEL-JACOBS Das muss kein Widerspruch sein. Untersuchungen sagen, dass, je näher man dem Rentenalter kommt, umso größer ist die Bereitschaft, den Ruhestand rauszuschieben. Und wer sagt denn, dass die Babyboomer, wenn sie denn tatsächlich in Rente sind, nicht auch irgendwann sagen: Ich würde gerne wieder arbeiten?

Ein Halleluja auf die ewige Arbeit? Die meisten Menschen empfinden den Renteneintritt wie eine Befreiung.

WACKERNAGEL-JACOBS Dass viele Menschen die Rente mit 63 nehmen, ist noch kein Indikator dafür, dass sie damit fortan glücklich sind. Alle Langzeituntersuchungen weisen nach, dass die Rente, ob mit 63, 65 oder 67 erstmal wie ein großer Urlaub empfunden wird, die kleinen Irritationen aber nach einem halben Jahr oder Jahr beginnen. Manche machen sich dann noch einmal auf, suchen sich eine Aufgabe, ehrenamtlich oder bezahlt, andere werden zurückgezogener, stiller, trauriger, schlimmstenfalls krank. Wie viele Menschen haben uns in Interviews erzählt, dass sie sich auf die Rente ausschließlich freuen, aber der Nachbar, der Onkel, die Kollegin, die seien tatsächlich sehr schnell krank geworden nach Rentenbeginn. Das ist ein großes Tabu, darüber wird wenig gesprochen. Ich jedenfalls kenne nicht so viele quietschvergnügte Rentner, aber wenn die quietschvergnügt sind, dann haben sie in der Regel eine Aufgabe. Wunderbar, wenn einer Nichtstun kann. Aber katastrophal ist es für die, denen das nicht gelingt und die sich blöd fühlen, weil sie glauben, dass sie nicht phantasievoll oder begabt genug sind, um die Rente zu genießen. Sie glauben, es sei ihr individuelles Problem, aber ich behaupte, es ist ein strukturelles Problem, weil wir den Klischees glauben wollen und nicht zur Kenntnis nehmen, dass der Bilderbuchruhestand so nicht für alle passt.

Ist das nicht auch wieder eine Normierung? Lässt sich darin nicht auch eine neoliberale Ausdehnung des Leistungsanspruchs bis ins Grab sehen?

WACKERNAGEL-JACOBS Ganz und gar nicht. Es ist eher ein Angebot an den Einzelnen, dass eine Gesellschaft das wertschätzt, was Ältere einzubringen haben. Es ist ja eher umgekehrt ein Skandal, dass eine Gesellschaft die Potenziale der Älteren links liegen lässt, sie noch zu wenig aktiv einbindet in das Gemeinwesen, in die Unternehmen, sondern sie aus Altersgründen ausschließt, ohne zu fragen wie der reale Zustand zum Beispiel eines 68-Jährigen ist. Wir haben den 80-jährigen Marathonläufer und die 50-jährige kranke und unglückliche Frau. Individualisieren hat nichts mit liberalisieren zu tun. Und noch ein Aspekt: Axel Börsch-Supan verantwortet eine große Langzeitstudie in 21 europäischen Ländern, mittlerweile wurden mehr als 80 000 Menschen befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass bei Menschen im gleichen Alter, mit gleichem Ausbildungsniveau, der Vergleich von Noch-Arbeitenden zu Nicht-mehr-Arbeitenden auffallend ist: Die kognitiven Leistungsfähigkeiten gehen bereits ein halbes Jahr nach Ruhestandsbeginn dramatisch nach unten.

Wird dem Thema Alter in der Politik überhaupt genügend Gewicht eingeräumt? Der Diskurs dreht sich um Digitalisierung, Klimaschutz und über Flüchtlinge, und wenn ums Alter, dann um den Pflegenotstand.

WACKERNAGEL-JACOBS Ja, das ist genau der Punkt. Niemand hat den Mentalitätswandel schon auf dem Schirm, das gilt parteiübergreifend. Im Politischen finden Sie nur Debatten über Pflege und Demenz. Diese Probleme können wir aber doch schultern, wir haben Gestaltungsmöglichkeiten. Der Umgang mit diesen Themen ist eine Pflichtaufgabe, absolut wichtig, aber eben auch politisches Basisgeschäft. Das müssen wir gut machen! Das kann ich als Bürger erwarten. Was komplett fehlt, ist der „positive Blick auf das Älterwerden“. Ministerin Bachmann, die ebenfalls den Film gefördert hat, findet das Thema sehr spannend und greift es immer wieder auf. Ein kleines Beispiel: Mit ihrer Unterstützung und der von Saarland Medien haben wir jeweils „Filmwochen“ mit sechs Filmen, die sich positiv mit dem Älterwerden auseinandersetzen, in allen sechs Landkreisen organisiert. Sechs kleine „Filmfestivals“., es war immer voll. Endlich mal eine andere Debatte, hieß es. Die Menschen waren richtig erleichtert. Oder ein anderes Beispiel: Im Laufe eines Lehrauftrages über Altersbilder mit Auszubildenden in sozialen Berufen sagte mir eine Studentin: „Mir ist zum ersten Mal klar geworden, dass der demografische Wandel an sich erst mal eine neutrale Sache ist und keine Katastrophe.“ Das ist es doch, wir sollten nicht in diesen Katastrophenmodus fallen, manchmal klingt es ja so, als sei Demenz eine ansteckende Krankheit! Nein, wir müssen nach den Chancen schauen. Der Mensch braucht Resonanz, und die Resonanzerfahrung kommt aus dem Kontakt zu anderen Menschen, und auch Arbeit ist eine Resonanzerfahrung. Arbeit allein darf nicht alles für die Identitätsfindung sein. Aber Arbeit ist eben auch nicht nur Bürde.

Eine der Haupterkenntnisse aus allen Interviews ist, dass Arbeit eine bisher unterschätzte Bedeutung im Leben der Menschen hat, auch in Bezug auf die Fitness. Trotzdem wird von den meisten die Arbeit immer noch als Bürde empfunden. Was müsste sich ändern?

WACKERNAGEL-JACOBS Selbst die Gerontologen sind heute unisono der Auffassung, dass sie selbst den Wert der Arbeit in einem Leben bisher unterschätzt haben. Die Menschen sind immer tätig gewesen, haben etwas hergestellt, ausgetauscht. Dass Arbeit entlohnt wird, begann mit der Industrialisierung. Die Arbeitsbedingungen waren zunächst grausam hart, belastend, eine Bürde. Da hat sich vieles verändert. Aber noch heute haben wir Arbeitsplätze mit schlimmen Bedingungen zu schlechtester Bezahlung. Das bedeutet, dass wir Wege finden müssen, die Menschen von schlechter Arbeit zu befreien, nicht aber von Arbeit oder einer Aufgabe an sich. Die Digitalisierung lässt sich nutzen, um harte und schlechte Arbeitsbedingungen zu beenden. Diese große derzeitige Transformation mit guter Vision zu gestalten, nicht mit Dystopien, die Zukunftsangst schüren. Damit anzufangen, das ist wichtig.

Welche Veränderungen in der Rentengesetzgebung schlagen Sie vor?