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Tornado in der Eifel
Aufräumen im Dauerregen

Ein Tornado hat in Roetgen fast 40 Gebäude beschädigt und einen Millionenschaden angerichtet. Im strömenden Regen versuchen die Betroffenen nun, das Chaos zu beseitigen. Peter Pappert und Anne Schröder

Wenn dieser Regen nur mal endlich aufhören würde! Die Menschen in der Hauptstraße in Roetgen, die ein Tornado am Mittwoch mit verheerender Kraft heimgesucht hat, sind nun wirklich genug geschlagen. Etliche von ihnen haben kein Dach mehr über dem Kopf oder zumindest erhebliche Schäden unterm Giebel – und nun am Tag danach auch noch dieses Sauwetter: nass, kalt, stürmisch.


Marina Albrecht steht am Donnerstagvormittag in der Haustür und schaut auf die Straße: überall Dachziegel, Regenrinnen, Blumentöpfe, Dachlatten, Reste von Dämmwolle, Trümmerteile aller Art . . . Sie wohnt im Haus Nummer 163. Am Mittwochnachmittag saß sie auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer und sah sich die Biathlon-Wettkämpfe im Fernsehen an. „Ich habe dann plötzlich so komische Geräusche gehört, ein Pfeifen, das immer lauter wurde.“ Sie habe das etwas eigenartig gefunden und die Terrassentür aufgemacht. „Da kommt der Tornado auf mich zu. Ich habe ihn gesehen. Es war ein grauer Wirbel, und er kam ganz schnell. Äste flogen durch die Luft.“ Angst habe sie nicht gehabt, aber sie sei sofort in den Keller gerannt. „Da war es schon vorbei. Das Ganze hat nur 20 bis 30 Sekunden gedauert. Dann war es wieder still.“

Albrecht ging wieder hoch und war beruhigt; es schien alles in Ordnung. Aber in den oberen Stock war sie da noch nicht gegangen, sondern erstmal aus dem Haus. „Draußen habe ich dann die Gardinen gesehen, die aus den zerbrochenen Fenstern im ersten Stock flatterten.“ Feuerwehr und Technisches Hilfswerk seien sehr schnell an der Unglücksstelle gewesen. Und rasch war auch klar, dass sie und ihr Mann das Haus verlassen müssen, weil die Starkstromleitung auf das Dach gefallen war. Die Arbeiten, um erst einmal eine provisorische Leitung zu legen, laufen am Donnerstag auf Hochtouren; die Anwohner warten auf Strom.



Sie und ihr Mann haben bei der Tochter, die ebenfalls in Roetgen wohnt, übernachtet. Jetzt sind sie wieder daheim; sie können wenigstens zurück in ihr Haus. Und sage noch einmal jemand, man müsse ewig auf Handwerker warten . . . Albrecht ist voll des Lobes – nicht nur über THW und Feuerwehr, sondern auch über Dachdecker, Elektriker, Glaser. Überall stehen am Tag danach deren Wagen auf der Hauptstraße. Marina Albrecht wirkt gefasst. Sie beklagt sich nicht – im Gegenteil. „Wir sind ja noch glimpflich davongekommen, wenn man sieht, wie andere Häuser aussehen.“ Da kann ihr niemand widersprechen.

Zwei Häuser weiter weiß Gabriele Weinz am Donnerstag nicht einmal, ob sie ihr Heim jemals wieder bewohnen kann. Das hängt davon ab, was der Statiker sagt, wenn er am Freitag kommt. Hier ist viel mehr zerstört; das halbe Dach ist weggerissen. Auf der ersten Etage hört man aus jedem Zimmer Wassertropfen, die auf den Boden fallen. Auf der schmalen Treppe zum Speicher bietet sich ein Bild der Verwüstung.

Mit ihrem Sohn Jannick räumt Gabriele Weinz die wichtigsten persönlichen Dinge und Unterlagen aus dem Haus. Jannick kam Vortag von der Arbeit zurück nach Roetgen, als ihm die Besitzerin einer Eisdiele ein ganz aktuelles Video von dem Tornado zeigte. Er fuhr sofort nach Hause. Es war noch hell, als er ankam. „Ich war geschockt“, sagt er. „Meine Mutter hat so viel Arbeit in dieses Haus gesteckt.“ Und die ist wirklich verzweifelt: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Das ist doch unser Zuhause. Da steckt viel Liebe drin.“ Sie war nicht daheim, als es passierte. „Um halb acht, als ich kam, sah ich überall auf der Straße Blaulicht und aufgeregte Menschen. Unser Dach war zum Teil ganz weg. Überall lagen Scherben und Dachziegel vor dem Haus. Sogar vom Gartenhäuschen hinterm Haus lagen die Bodenplatten jetzt vor dem Haus.“ Und da liegen sie immer noch.

„Man weiß gar nicht, wo man mit dem Aufräumen anfangen soll“, sagt eine andere Anwohnerin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie steht vor ihrem Haus, dessen Scheiben größtenteils von der Wucht zerborsten sind, und beobachtet den Trubel um sie herum. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir hätten hier doch nie mit einem Tornado gerechnet.“ Schockiert schaut sie die Hauptstraße hinunter, als könne sie die Zerstörung immer noch nicht richtig fassen.

Alles sei sehr schnell passiert. „Es hat vielleicht 20 Sekunden gedauert“, erinnert sie sich. „Ich lag auf der Couch und dachte erst, es sei nur starker Wind. Auf einmal habe ich etwas Schwarzes gesehen, und plötzlich zerbrach die Scheibe. Mit voller Wucht bin ich nach hinten bis in den Flur geschleudert worden. Danach war Stille.“ Die Splitter verletzten sie am Oberarm, sie trug Prellungen davon, musste auf Anraten der Feuerwehr ins Krankenhaus. „Gestern hatte ich keine Schmerzen. Erst heute merke ich, dass es wehtut.“ Dann erzählt sie etwas, worauf die Roetgener stolz sein können: „Kurz danach stand schon die Fußballmannschaft meines Sohnes bei uns auf dem Dach und hat uns geholfen, die Schäden einzudämmen. Es ist so eine große Hilfsbereitschaft hier; das ist wirklich fantastisch.“ Am Abend wurde noch das Nötigste abgedeckt und aufgeräumt.

„Es ist ein dramatisches Bild, was sich nach dem Tornado hier zeigt. Die emotionale Verarbeitung kommt erst später, jetzt funktioniert man eher“, sagt Roetgens Bürgermeister Jorma Klauss. „Wir gucken, wo der größte Hilfsbedarf besteht und koordinieren entsprechend. Die Anwohner fragen in erster Linie nach Entsorgungsmöglichkeiten für den ganzen Schutt, der sich über die Gärten verteilt hat. Wir müssen Container organisieren.“ Ansonsten sei der Andrang an der Anlaufstelle bisher übersichtlich. „Die Menschen helfen sich selbst, haben Freunde und Familie als Unterstützung. Ich bin sehr beeindruckt von der Solidarität“, sagt Klauss.

Nachbarn oder Angehörige bringen warme Getränke für die Betroffenen und Einsatzkräfte. Ein Ehepaar bringt dem Nachbarhof, dessen Stalldach komplett weggeweht wurde, Essen vorbei. „Wir wohnen nicht weit weg und sind verschont geblieben. Wo wir helfen können, helfen wir. Das muss einfach sein.“

In den Sozialen Medien zeigt sich auch die Hilfsbereitschaft der Gemeinde. Der Roetgener Karsten Kreitz hat die Facebook-Gruppe „Windhose Roetgen 2019“ am Donnerstagmorgen gegründet. Betroffen ist er nicht, „aber man kennt sich hier. Ich wäre auch froh über jede Hilfe, wenn ich betroffen wäre.“ In der Gruppe werden Hilfsangebote gesammelt und vermittelt. Motorsägen, Radlader und Fahrzeuge werden angeboten und Informationen ausgetauscht.

Gaby und Franz Reinartz vom Brunnenhof in Roetgen versorgten Betroffene in der Turnhalle der Grundschule mit Kaffee, Tee und anderen Getränken und stellten spontan Zimmer zur Verfügung, die aber nicht genutzt werden mussten. Gaby Reinartz hat den Tornado selbst gesehen. „Ich wollte eine Bekannte in der Rosentalstraße besuchen. Da sehe ich diese riesige dunkelgraue Wolke, einen Wirbel und höre ein ganz lautes Rauschen.“

Dieser Text ist zuerst in der „Aachener Zeitung“ erschienen.