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Leserbrief Rezension Röder-Biografie
Röder kann man so nicht entlasten

Rezension Röder-Biografie

In der Regel freut es einen Autor, wenn sich Kollegen auf sein Buch beziehen. Anders verhält es sich, wenn die eigene Position auf den Kopf gestellt wird. Dieses Schicksal ist meiner Habilitationsschrift widerfahren. Auf sie bezieht sich Hans-Christian Herrmann in seiner Biographie über Franz Josef Röder, und zwar im Zusammenhang mit dessen Tätigkeit in den Niederlanden zwischen 1937 und 1945. Aus der Tatsache, dass der spätere saarländische Ministerpräsident in meinem Buch über die Politik von Arthur Seyß-Inquart nicht erwähnt wird, glaubt Herrmann ableiten zu dürfen, dass Röder keine Bedeutung für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit besessen habe, die die deutsche Besatzungsmacht während des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden zu verantworten hatte. Dabei bleibt außer Acht, dass ich nicht einmal ansatzweise alle NSDAP-Mitglieder unter die Lupe nehmen konnte, die in den Niederlanden aktiv geworden sind. Dabei hätte Herrmann dem Vortrag, den ich am 27. Oktober 2017 in der Stiftung Demokratie gehalten habe, entnehmen können, dass ich Röders NS-Vergangenheit kritisch betrachte. Wie auf YouTube nachzuhören ist, sehe ich in Röder einen jener Parteigenossen, die sich freiwillig und engagiert in die nationalsozialistische Besatzungspolitik eingebracht haben. Es ist somit widersinnig und unzulässig, meine wissenschaftliche Arbeit für eine Entlastung Röders in Anspruch zu nehmen. Herrmann bleibt weit hinter dem aktuellen Forschungsstand zurück, zu dem insbesondere Erich Später und Julian Bernstein wichtige Beiträge geliefert haben. Um endlich zu einem angemessenen Bild von Röders Biographie zu gelangen, wäre es bitter nötig, systematisch niederländische Archive zu durchforsten. Gut acht Jahrzehnte nach Entfesselung des Zweiten Weltkriegs käme ein derartiges Unterfangen keineswegs zu früh.


Johannes Koll, Wien