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Geschichte
Wiederauferstehung eines Kulturdenkmals

Trier. Seit fünf Jahren ist der Kreuzgang der Abtei St. Matthias eine Baustelle. Doch Abt Ignatius Maaß nimmt das Chaos gelassen hin. Seine Herzensangelegenheit, die Restaurierung des frühgotischen Gemäuers, läuft auf Hochtouren. Von Verona Kerl

Stoisch ragt das einsame Grab des früheren Abtes von St. Matthias aus dem Kreuzgarten. Rings um Eucharius Zenzens (1903-1963) letzte Ruhestätte kleben Baugerüste am Süd- und Westflügel des Kreuzganges. Metallstangen, Bretter, Eimer und Baumaterial liegen auf dem Gelände. Arbeiter schieben Schubkarren, Architekt Karl Feils inspiziert die Fortschritte, und Bauherr Abt Ignatius Maaß ist erleichtert, dass die Gerüste bald abgebaut werden können. Doch Ruhe kehrt auch dann keine ein.


Erst Ende 2018 sollen West- und Südflügel fertig sein, „bis auf die Böden und Lampen“, schränkt Architekt Karl Feils ein. Fünf Jahre haben die Baumaßnahmen dann gedauert, komplett fertig wird das Ensemble aber voraussichtlich erst in ein paar Jahren sein. Allein die Aussicht auf dieses Ziel ist verlockend. Immerhin ist der Kreuzgang der Abtei neben der Trierer Liebfrauenkirche und der Elisabethkirche in Marburg eins der wenigen Bauwerke in Deutschland, an denen französisches Formgut der Frühgotik zu finden ist. Das macht den Abt stolz. Und dafür füllt er gerne noch mehr Anträge auf öffentliche Zuschüsse aus. Drei Millionen Euro (ohne Voruntersuchung) werden bis Ende 2019 in das alte Kulturgut geflossen sein. Schon jetzt ist der Unterschied zwischen dem maroden, langsam zerfallenden Kreuzgang von 2012 und dem halbfertigen Ist-Zustand umwerfend.

„Im vergangenen Jahr haben wir in allen Flügeln die Böden rausgenommen. Die Bodenarchäologie ist somit abgeschlossen und dokumentiert. Die Funde werden wissenschaftlich ausgewertet“, resümiert der Feils (der TV berichtete). „Außerdem haben wir den kompletten alten Putz von allen vier Flügeln abnehmen müssen.“ Die nackten Wände untersuchte anschließend Bauforscherin Dr. Maren Lüpnitz und entdeckte etwa im Nordflügel Reste von Sakristei- und anderen Anbauten. „Die Arbeiten müssen ja wissenschaftlich begleitet werden“, betont Helmut Schröer, Alt-Oberbürgermeister von Trier und Kuratoriumsvorsitzender der St.-Matthias-Stiftung. Dafür wurde eigens ein wissenschaftlicher Beirat gegründet, dem so namhafte Experten wie der Archäologe Professor Winfried Weber, langjähriger ehemaliger Direktor des Dom- und Diözesanmuseums, angehören.



Die wechselvolle Geschichte der Abtei (siehe Info) hat Spuren an dem Gemäuer hinterlassen. Meist nicht zu seinem Vorteil. An die Fassade des Südflügels bauten die früheren Besitzer, die Kaufleute von Nell, einen Balkon an. Mit dem machte Architekt Feils kurzen Prozess – natürlich in Absprache mit der Denkmalpflege. Nun ist der Vorbau weg. Stattdessen lassen zwei neue Fenster die Front mit der frisch aufgetragenen Steinlasur einheitlich wirken.

Helmut Schröer, als Alt-Oberbürgermeister von Trier im Rechnen wie im Sparen versiert, freut sich, dass „die Ausschreibung für den Westflügel so günstig war, dass wir Teile der Mittel für die Innenrestaurierung des Südflügels verwenden können. Für dessen Außenfassade gibt es einen zusätzlichen Zuschuss von 100 000 Euro von der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz.“ In der Tat ist die Innenansicht des südlichen Kreuzgangs beeindruckend. Steinmetze und -restauratoren haben in mühevoller Kleinarbeit Schlusssteine, Kreuzganggewölbe, Figuren und Kapitelle sowie Bündelpfeiler akribisch „repariert“ – so, wie sie vielleicht im Mittelalter einmal ausgesehen haben.

Auf Hunderten von Quadratmetern haben sie drei- bis viermal hintereinander Kalkmilch auf einen Spezialputz aufgetragen. „Denn Mineralität und Tönung müssen genau stimmen“, weiß Bauherr Abt Ignatius. Und doch lassen die Arbeiter zwischendrin immer wieder Stellen im Putz frei, schaffen Raum für sogenannte Hackspuren, Überbleibsel von Restaurierungen vergangener Zeiten – damals eine probate Methode, damit das aufgebrachte Material besser am Untergund haften blieb. Hier und da blitzen stark verblasste Farbreste an der Decke auf. „Wir haben immer wieder mehrere Schichten übereinander entdeckt“, sagt Feils. Eine Epoche überdeckte die andere, farblich. Fast so wie heute.

Abt Ignatius Maaß blickt derweil in die Zukunft. „2019 hoffen wir, den Ostflügel außen und innen fertigzustellen. Im Nordflügel wollen wir das restaurieren, was historisch ist, also die Pfeiler- und Kapitellreste. Und auf die Böden in den vier Flügeln werden Steinplatten verlegt.“ Der Antrag für die Zuschüsse sei bereits gestellt. 850 000 Euro soll der zweite Teil von Phase zwei kosten.

Tatsächlich beinhaltet das Thema Nordflügel einige Brisanz, denn dieser wurde erheblich zerstört. Das Dach,1959 als Provisorium angebaut, muss weichen, ebenso die neuzeitlichen Ziegel- und Betonpfeiler. Eine Rekonstruktion – also eine Wiederherstellung nach altem Vorbild mit neuem Material – sei nicht erwünscht, sagen Architekt und Abt unisono. „Das ist zudem die teuerste Option“, wirft Feils ein. Eine Restaurierung ist aufgrund des miserablen Zustands unmöglich, doch nur für die gibt es Zuschüsse. Nun steht die Idee einer modernen Konstruktion im Raum. Eine riesige braun-graue Attrappe vermittelt einen ersten Eindruck davon, wie der Nordflügel in einem modernen Gewand einmal aussehen könnte.

Wenn in den kommenden Jahren planmäßig Bauphase drei beginnt, muss aus der Idee ein konkreter Plan erwachsen sein. Ohnehin wird noch viel Zeit vergehen, bis das Ensemble inklusive Brunnenhaus und Garten komplett ist. Doch wäre es zu schade, wenn dieses Kleinod hinter Klostermauern verborgen bliebe. Abt Ignatius hat dies offenbar erkannt und deutet an, den Kreuzgang sonntagnachmittags für ein paar Stunden der Öffentlichkeit zugänglich machen zu wollen. Noch ist das ferne Zukunftsmusik, aber eine sehr verheißungsvolle.