Radio ohne Hochkultur?

Saarbrücken · Seit zwei Monaten präsentiert sich SR2 Kulturradio mit neuem Sendeschema. Was nicht allen zusagt: Musiker aus der Region beklagen vor allem das „gleichmachende“ Crossover-Programm der Kulturwelle.

Einen Monat lang hörte Jörg Abbing zu - dann wurde es ihm zu bunt und er schrieb SR-Intendant Thomas Kleist einen offenen Brief. Nach fast 20 Jahren verabschiede er sich als Hörer von SR2 Kulturradio. Bei der "Gleichmacherei musikalischer Unterschiede zwischen sechs und 18 Uhr" auf der Ende Juni reformierten Kulturwelle, könne er nur noch eines: ausschalten. Und in der Tat: Wo ein Song von Elvis Costello auf einen Sonatensatz von Carl Philipp Emanuel Bach prallt, bleibt Moderatoren zwangsläufig oft nur das Monty-Python-Prinzip: "Und nun zu etwas völlig anderem". Nicht mal die durchkommerzialisierte Klassik Radio AG leistet sich derartige musikalische Sprunghaftigkeit. Man achte keine Genregrenzen mehr, klagt Abbing über SR2, diesem "Fastfood-Sender" wolle er nicht länger zuhören.

Nun, ein Hörer weniger, das mag selbst bei Kulturfunkern - in puncto Hörerzahlen Zwerge im Radioland - bestenfalls Achselzucken auslösen. Bis zu 22 000 Hörer schalten nach Angaben des Saarländischen Rundfunks täglich SR2 ein. Ein Abtrünniger belastet da nicht gleich die Bilanz. Doch Jörg Abbing ist nicht irgendwer, sondern ein renommierter Organist und Professor an der Saarbrücker Hochschule für Musik . Und er ist nicht allein. Via Facebook tat er seinen Unmut kund - und mehr als ein Dutzend Musikerkollegen und Musikfreunde applaudierten.

Eigentlich wollte man es auf dem Halberg ja nur neu und besser machen. Indem man etwa mehr Wortbeiträge sendet, um Hörer umfassender über die Kultur in der Region zu informieren. Dagegen hat Abbing auch nichts. Doch klassische Musik gäbe es nun bis auf die Abendstunden nur noch in Häppchen, ohne Rücksicht auf die innere Dramaturgie der Werke. Und was tagsüber an Klassik zu hören sei, gleiche einem Dauerwunschkonzert: Haydn, Mozart, Strauß und Brahms.

Auch im Sender selbst finden das neue Kulturradio nicht alle klasse. Den forschen Programmreformern gelte bereits eine Beethoven-Sonate als "Abschalter", stöhnt ein SR2-Mitarbeiter, der nicht genannt werden will. "Für einen Musiker ist das eine Zumutung", meint Abbing. "Ich liebe ja auch Jazz , aber ich möchte Musik in nachvollziehbaren Zusammenhängen hören." Abbing mahnt mit Verweis auf den verbrieften ARD-Kulturauftrag ein Programm an, das Zuhören und nicht bloß Reinhören fordert. Vertiefende Kultursendungen liefen aber bloß noch abends, zu Zeiten, wo das Fernsehen regiert. Überdies habe man die samstägliche Bastion des Regionalen, die "Musik an der Saar", geschleift.

Worte, die SR2-Programmchef Frank Johannsen, der die Radioreform verantwortet, ernst nimmt, wie er sagt. Seinen Kurs, der anderen Kultursendern in der ARD ähnelt, ändern will er freilich nicht. Gewiss werde es noch "Nachjustierungen" geben, räumt er ein, aber "wir machen Kulturradio mit Information und Musik , und kein reines Klassikradio". Jazz , Filmmusik , Klassik und auch Pop, das verträgt sich für den Hörfunkdirektor gut. Einen ähnlichen Mix sende man ja auch bereits seit Jahren, "ohne dass der Klassikanteil gesunken ist". Er glaubt sogar, so könne man bislang puristische Klassiker auch für Jazz und Pop interessieren - und umgekehrt. Wieviel Entdeckerfreude aber bei Edelpop aus den 80ern, der ebenfalls über den Sender dudelt, aufkeimen kann, sei mal dahingestellt. "Wir haben nie gesagt, dass wir ein Programm für Musikwissenschaftler machen", kontert Johannsen. Ihm liege ein "weiter Kulturbegriff" am Herzen, der auch Literatur, Kino, Bildende Kunst und Theater umgreife. "Und wir wollen Kultur vermitteln, Menschen an Kultur heranführen", sagt er.

Zu 90 Prozent seien denn die Rückmeldungen zur Programmreform positiv, bilanziert Johannsen. Das habe man aus rund 120 Telefonaten mit Hörern herauskristallisiert. Gewiss, Kritiker hätten sich auch gemeldet, teils harsch im Ton. Doch der Hörfunkdirektor hat jedem persönlich geantwortet: "Wir nehmen unsere Hörer ernst." So erwäge man etwa, ob es nicht ein Comeback "in modifizierter Form" für "Klassik mit Kunz" geben werde. Die Interpretationsvergleiche von Roland Kunz haben offenbar eine meinungsfreudige Hörergemeinde. Auch das Kabarett soll (wieder) mehr Platz bekommen, und "ici et là", das deutsch-französische Monats- zum Wochenmagazin werden.

Für das Wehklagen über das Ende von "Musik an der Saar" hat Johannsen aber wenig Verständnis. Jetzt widmeten sich doch viele "Musikwelt"-Beiträge ab 11.20 Uhr Künstlern aus der Region - allerdings ist das immer nur eine gute Viertelstunde.

Tatsächlich senden fast alle Kulturwellen der ARD mittlerweile einen Klassik-, Jazz-, Filmmusik- und Pop-Mix. Man spekuliert auf jüngere, mit Pop und nicht mehr mit Klassik sozialisierte Hörer. Auch etliche Programmverantwortliche selbst finden die Stones besser als Schostakowitsch, taugen daher schwerlich noch als Hüter anspruchsvoller Klassik. Bei WDR 3 eskalierte das unlängst sogar. Der Sender kündigte seiner langjährigen Moderatorin Christine Lemke-Mattwey, weil diese, zugleich "Zeit"-Autorin, in dem Hamburger Wochenblatt das mittlerweile "militante Desinteresse an der Hochkultur" auf diversen ARD-Kulturwellen geißelte.

So hoch werden die Wogen auf dem Halberg kaum schlagen. Doch es bleibt die Frage: Lohnt es sich, bisher treue Hörer zu vergrätzen, ohne zu wissen, ob man andere wirklich gewinnt? Und wieviele das neue SR2-Kulturradio denn tatsächlich gut finden, wird erst die kommende Media-Analyse beantworten. Diese Umfrage läuft allerdings erst im Juli 2015.

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