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Putin sät Hass – und erntet den Mord an Nemzow

Moskau. Klaus-Helge Donath

Die Meldung vom Attentat auf Boris Nemzow war noch ganz frisch, als sich Wladimir Talismanow schon im Netz dazu ausließ: "Ein abscheuliches Miststück weniger!" So ergehe es "politischen Huren", meinte der Vizedekan der Moskauer Hochschule für Physik und Technologie. Viele Studenten solidarisierten sich mit ihm.

Diese Verrohung Russlands ist Präsident Wladimir Putins Werk. Seit mehr als zehn Jahren wird der Gesellschaft Moral ausgetrieben. Putin wird den Mord an dem Kritiker nicht in Auftrag gegeben haben. Schon gar nicht die hochsymbolische Inszenierung zu Füßen der Kremlmauer, die einem "Kleinen Kurs für Attentäter " aus der KGB-Bibliothek hätte entnommen sein können.

Nein, Nemzow war ein aussichtsloser Gegenspieler, der sich jederzeit zum Sündenbock aufblasen ließ. Seine West-Kontakte waren ein willkommener Beleg, ihm Verrat zu unterstellen. Der Oppositionelle war ein dankbarer Adressat für Misserfolge aller Art. Dutzende TV-Beiträge erklärten ihn für Russlands Übel verantwortlich. Jetzt ist er tot - und nichts wird besser. Warum sollte der Kreml diese Ressource vergeuden - für die Zeit etwa, wenn der Ukraine-Bonus in einen Malus umschlägt? Nein, Wladimir Putin ist wohl kaum der Auftraggeber, so schön es vielen ins Bild passen würde.

Auch Nemzows Enthüllungsgeschichten - über den Reichtum Putins oder die korrupte Elite - taten der Popularität des Präsidenten keinen Abbruch. Auch dies ist ein Ergebnis der Volkserziehung unter Putin: Faktenresistenz. Nein, es gab keinen Grund für Putin, den charismatischen Politiker aus dem Weg räumen zu lassen. Und doch trägt er die Verantwortung. Er hat die Gesellschaft in "wir" und "sie" gespalten. "Sie" sind die Andersdenkenden - die "Nationalverräter", die "Schlechten". Das sind Teile der russischen Mittelschicht wie die "kreative Klasse". Ihre Kinder besuchen eine "schlechte", weil liberalere Hochschule. Die "Kreativen" ziehen auch "schlechte" Theater vor, die das russische Biedermeier überwunden haben. Rund um die Uhr hämmern Medien dem Zuschauer Verachtung für das Andere ein. Putin sät Hass. Doch damit gibt er die Stabilität, das Leitmotiv der Vorjahre, endgültig preis. Zusammenhalt generiert nun die permanente Mobilisierung gegen imaginäre Feinde.

Tatsächlich sind in Armee und Geheimdienst Putins ideologische Versatzstücke populär. Doch die Landsknechte im Donbass träumen gleich von einem anderen Staatsaufbau. Unter ihren Anführern sind Anhänger der eurasischen Idee des rechten Philosophen Alexander Dugin und ähnlich obskurer Figuren. Putins Umfeld ebnete ihnen den Weg vom rechten Rand in die Politik. Sie wollen nicht nur "Neurussland", sondern gleich ein neues "Großrussland" errichten. Linke und rechte Ideologen haben in der Vision eines neuen totalitären Staatswesens Feindschaften überwunden. Diese rotbraunen Desperados legen es darauf an, Putin auch im Innern zum blutigen Durchgreifen zu zwingen. Nicht der Kiewer Maidan bedroht dessen Herrschaft. Die Kolonnen der "Schwarzhemden" sind es. Die düsteren Figuren der Anti-Maidan-Bewegung, die die Polittechnologen der Macht als Schutztruppen aufstellten. In diesem Umfeld könnten die Attentäter - professionelle, mit den Sicherheitsapparaten vernetzte Killer - zu suchen sein.