Prophet einer „Hyperarbeitslosigkeit“

Prophet einer „Hyperarbeitslosigkeit“

Der amerikanische Technologiepionier, Autor und Internetkritiker Jaron Lanier (54) erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Erstmals geht der mit 25 000 Euro dotierte Friedenspreis damit an einen Wissenschaftler, der sich mit der Internet-Revolution auseinandersetzt.

"Wem gehört die Zukunft?" Diese Frage stellt der Computer-Wissenschaftler und Internet-Pionier Jaron Lanier in seinem jüngsten Buch - und vollzieht mit einem eindringlichen Appell gegen Unfreiheit, Ausbeutung und Überwachung im Netz erneut eine radikale Volte. Lanier gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der digitalen Gesellschaft. Der Deutsche Buchhandel ehrt ihn nun mit dem Friedenspreis, dotiert mit 25 000 Euro, der ihm zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse im Oktober verliehen wird. Damit wird erstmals eine Persönlichkeit aus der digitalen Welt geehrt - auch als Zeichen gegen die Überwachung im Internet und die Daten-Sammelwut großer Konzerne, wie der Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, sagte. Lanier weise auf die Gefahren hin, die der Gesellschaft drohten, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen werde und die Menschen auf digitale Kategorien reduziert würden.

1960 in New York geboren, besuchte er schon als Teenager Mathematik-Vorlesungen an der Universität, obwohl er die Highschool mit 15 Jahren ohne Abschluss verließ. Später lehrte er Mathematik und Informatik an verschiedenen Universitäten. 2010 kürte das "Time Magazin" den Forscher und Philosophen zu einem der weltweit hundert einflussreichsten Köpfe. In den 80er Jahren leistete Lanier als Computer-Programmierer Pionierarbeit. Er entwickelte eine Datenbrille und im Auftrag der Nasa einen Datenhandschuh, mit dem man in virtuelle Umgebungen eingreifen kann.

Immer wieder unterzieht Lanier das Internet-Zeitalter einem kritischen Blick. Das größte Problem seien derzeit die Arbeitsplätze, die durch die technische Revolution wegrationalisiert würden, sagte Lanier in einem Interview der "Zeit". Die Hochtechnisierung in den Betrieben führe möglicherweise in ein "Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit". Die Digitalisierung zerstöre die Mittelschicht der Gesellschaft, fürchtet er. Während die digitale Gesellschaft Errungenschaften wie die freie Enzyklopädie Wikipedia als Befreiung von Herrschaftswissen und Werkzeug der Demokratisierung feiert, geißelt Lanier sie als Instrumente von Schwarmintelligenz und Verbreitung von Durchschnittsmeinungen.