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Poltergeist aus Argentinien

Jörg Wingertszahn

Zwei Jahre sind vergangen, seit Jorge Mario Bergoglio zu Papst Franziskus wurde. Zwei Jahre, in denen der Papst Kirche und Kurie ganz schön durcheinander gewirbelt hat. Und noch heute ist Franziskus jede Woche für eine Schlagzeile gut.

Äußerlich - in Stil, Gestik und Mimik - hebt sich Franziskus deutlich von seinem Vorgänger Benedikt XVI . ab, den man vor allem als durchgeistigten Theologen wahrnahm. Franziskus dagegen gibt sich als Mann des Volkes, als einfacher Gemeindepfarrer, der den Sorgen und Nöten der Basis nahe ist. Das hat er durch zahlreiche Gesten untermauert, beispielsweise die Fußwaschung bei Strafgefangenen in einer römischen Haftanstalt oder den Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa. "Eine arme Kirche für die Armen" proklamiert Franziskus, mit Barmherzigkeit als zentraler Botschaft. Die katholische Basis hat er mit dieser Haltung im Sturm für sich gewonnen.

Auch seine Sprache ist klar und deutlich - ebenfalls ganz anders als die von Benedikt. Noch ein Jahr nach dessen Besuch in Deutschland 2011 rätselten selbst die deutschen Bischöfe, was genau ihnen Benedikt eigentlich ins Stammbuch geschrieben hatte. Franziskus' deftige Wortwahl hat ihn in jüngster Zeit aber auch in Schwierigkeiten gebracht. Der Kurie warf er wie ein Poltergeist "existenzielle Schizophrenie" vor. Eltern gestand er zu, Kindern als erzieherische Maßnahme "einen Klaps auf den Po" geben zu dürfen. Und auf eine Beleidigung seiner Mutter würde der Papst mit "einem Faustschlag" antworten. Es sind Äußerungen wie diese, die nicht nur die Gläubigen irritieren. Man mag diese Wortwahl mit seiner Herkunft erklären. In den Slums von Buenos Aires geht es eben nicht so gepflegt zu wie im Vatikan . Dennoch muss Bergoglio bewusst sein, dass jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird.

Strukturell dagegen hat sich nicht viel getan im Vatikan . Die angekündigte Reform der Kurie ist ins Stocken geraten, torpediert vom Widerstand des klerikalen Establishments. Franziskus, der als Schrecken der Kardinäle in den Vatikan einzog, hat sich womöglich übernommen. Er scheint festgefahren im Netz der Seilschaften, in dem sich schon Benedikt verfangen hatte.

Inhaltlich hat Franziskus zwar viel angestoßen, aber wenig umgesetzt. Immerhin rief er eine Bischofssynode zum Thema "Ehe, Familie und Sexualität" ins Leben, über die offen wie nie in der Kirche diskutiert wurde. Ob der Papst und die Kirche sich in der einen oder anderen Frage bewegen werden, ist allerdings völlig offen. Denn theologisch gesehen ist Franziskus genauso konservativ wie Benedikt XVI . Wenn sich aber am Ende seines Pontifikates die Kluft zwischen Kirchenleitung und Basis verringert hat, dann ist ihm schon etwas Großes gelungen.