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Verteidiger fordern Freispruch für Gröning im Auschwitz-Prozess

Lüneburg. Im Auschwitz-Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning haben die Verteidiger gestern einen Freispruch gefordert. Weder durch seine Anwesenheit an der Bahnrampe von Auschwitz-Birkenau noch durch das Zählen der Devisen habe Gröning "einen Beitrag geleistet, der offensiv den Holocaust gefördert hat", sagte Grönings Anwalt Hans Holtermann vor dem Lüneburger Landgericht. epd

Er könne deshalb nicht wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen verurteilt werden. Das Urteil soll heute fallen.

Sollte das Gericht den Angeklagten schuldig sprechen, forderten seine Anwälte, dennoch von einer Strafe abzusehen. Dem 94-Jährigen sei neben seinem hohen Alter anzurechnen, dass er offen über die Vorgänge in Auschwitz gesprochen habe. Er habe zudem in früheren Verfahren gegen andere NS-Täter zur Aufklärung beigetragen, sagte Verteidigerin Susanne Frangenberg. Angemessen sei deshalb die Mindeststrafe von drei Jahren. Diese sollte jedoch wegen Verfahrensverzögerung als verbüßt angerechnet werden, weil Gröning bereits 1978 als Beschuldigter vernommen wurde.

Die Staatsanwaltschaft hatte in der vergangenen Woche eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren für den früheren "Buchhalter von Auschwitz" gefordert. Viele Nebenanklage-Vertreter halten jedoch angesichts der Dimension des Massenmordes in Auschwitz das Strafmaß für zu niedrig. Sie sehen Grönings Schuld als erwiesen an.

Gröning hat im Frühjahr 1944 Spuren der Massentötung an ungarischen Juden verwischt. Er hat geholfen, an der Bahnrampe in Auschwitz-Birkenau Gepäck der dorthin verschleppten Menschen wegzuschaffen. Dadurch sollten nachfolgende Gefangene darüber getäuscht werden, was sie in Auschwitz erwartete. Er selbst hat eine moralische Mitschuld bekannt und eingeräumt, Gelder der Verschleppten verbucht zu haben.