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Zwei Schulen müssen nun zusammenwachsen

Auch die Erstklässler aus Besch waren gestern erstmals bei der Einschulungsfeier in der Turnhalle der Grundschule Perl dabei. Fotos: Rolf Ruppenthal
Auch die Erstklässler aus Besch waren gestern erstmals bei der Einschulungsfeier in der Turnhalle der Grundschule Perl dabei. Fotos: Rolf Ruppenthal
Perl. Darf eine Gemeinde eine Schule, die genug Schüler hat, gegen den Willen des Bildungsministers und der Bürger schließen? Diese Grundsatz-Frage steckt hinter einem erbitterten Streit, der sich um eine Grundschul-Dependance in Perl-Besch entwickelt hat – ein komplexer Konflikt, der auch das saarländische Kabinett spaltet. Cathrin Elss-Seringhaus

Den Eltern aus Besch müssen die Ohren gekribbelt haben. "Hurra, du bist ein Schulkind!", flötete der riesige Begrüßungs-chor älterer Schulkinder den Erstklässlern in Perl entgegen. "Uns gefällt es richtig hier!", so lautete eine andere Liedzeile. Und dann noch das: Schulleiter Christian Münster, der die Einschulungsfeier in der Turnhalle wie ein Showmaster moderierte, interviewte die Neuzugänge: "Warum seid ihr denn aufgeregt?" Gleich drei ABC-Schützen sagten hintereinander: "Weil es hier so schön ist!"


Tatsächlich präsentiert sich das Hauptgebäude der Perler Grundschule "Dreiländereck" direkt am Ortseingang als großzügig-helles, fröhlich eingerichtetes, offenes Haus. Trotzdem wollen die Bescher ihre Kinder nicht hierher schicken, lieber ihre eigene Schule behalten. Gegen die Schließung läuft seit März eine stramme, kompetent geführte Protestaktion. "Die Grundschule Besch muss bleiben!", steht nicht nur auf großen gelben Schildern in vielen Vorgärten des rund fünf Kilometer weit entfernten Ortes, auch die Autos der Bescher Eltern , die an diesem ersten Schultag in Perl vorfahren, tragen die selben Aufkleber. 94 Kinder werden "umgesiedelt" - aus Gründen, die rund 80 Prozent der Bescher für vorgeschoben halten, wie man in der dortigen Bäckerei Valentiny erfährt: "Hier herrscht Wut", heißt es. Aber noch keine Ohnmacht.

Am Wochenende hat Günter Munhofen, der, wie ein zweiter Kollege, die CDU-Fraktion im Ortsrat Besch ob des Schulschließungs-Streits verlassen hat, eine Beschwerde an die Kommunalaufsicht im CDU-Innenministerium abgeschickt. Die Behörde hatte vor rund einer Woche den Antrag des SPD-Bildungsministers abgelehnt, die Gemeinde zur Fortführung der Dependance zu zwingen, deren Schließung der CDU-dominierte Gemeinderat in Perl verfügte - gegen den einstimmigen Beschluss des Bescher Ortsrates. Der Konflikt hat also sehr tiefe lokalpolitische Wurzeln: 2015 verlor die SPD die Gemeinde Perl an den CDU-Bürgermeister Ralf Uhlenbruch. Der "erbte" das Schulproblem, seit Wochen steht er im Feuer. Trotzdem gibt er den Journalisten geduldig Auskunft, bemüht sich um eine staunenswerte Sachlichkeit. Ganz anders auf landespolitischer Ebene. Dort läuft, wie berichtet, ein kinoreifes Macht-Duell zwischen Innenminister Klaus Bouillon (CDU ) und Kultusminister Ulrich Commerçon (SPD ). Nach dem Eingreifen der Kommunalaufsicht hat sich das Ganze nun auch noch verwaltungsrechtlich verhakt.



In Besch selbst herrscht, wie man von Nachbarn rund um die Schule hört, eine "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns"-Stimmung. Verschwörungstheorien kursierten über den "Neid" der anderen Ortsteile, die längst keine eigenen Schulen mehr hätten. Auch in Besch steht seit gestern ein verwaistes Gebäude. Das letzte saarländische Schul-idyll? Himmlische Ruhe, direkt hinter dem Pausenhof Wiesen, auf denen Pferde grasen. Doch seit 2007 ist das 60er-Jahre-Gebäude sanierungsbedürftig, seit diesem Sommer auch nicht mehr brandschutzsicher.

Widersprüchliche Zahlen zu den Kosten kursieren: 500 000, 800 000 oder sogar mehr als eine Million Euro? Auf jeden Fall zu viel, sagt die Gemeinde, die bereits 2,2, Millionen Euro in das Haupthaus in Perl gesteckt hat und dort an die Einrichtung einer Gebundenen Ganztagsschule denkt. Freilich muss jetzt, nach dem Besch-Umzug, das alte Schulhaus (1928) auf dem Perler Gelände dauerhaft hinzu kommen - und ebenfalls saniert werden. Welch ein Irrwitz, sagen dazu nicht nur Alexandra und Michael Molnar aus Besch. Für sie ist klar: Ihre Kinder erleben eine "qualitative Verschlechterung". Den Perler Schulhof mit geregelten Spielzeiten an den Spielgeräten empfinden sie als Zumutung, die Park- und Verkehrssituation in der engen Einbahnstraße vor der Schule als "chaotisch".

"Besch ist familiärer", sagt auch Christine Rinnen, drei Kinder hat sie nun in Perl . Sie befürchtet unnötigen "frühkindlichen Stress". Außerdem fühlt sie sich durch falsche Versprechungen nach Besch gelockt. Dort würden Immobilien mit dem Argument der wohnortnahen Versorgung und der Ortskern-Schule verkauft. Ihre Familie sei 2008 deshalb dorthin gezogen.

Und die Kinder? "Ich will nicht hierher, weil hier überall Schimmel ist", sagt Marlon (9), der mit seinem gesamten Klassenverband und von seinen bekannten Lehrern in Perl unterrichtet wird. Auch für Fabio (9) riecht es "muffelig". Werden die Kinder instrumentalisiert?, wie das Eltern aus anderen Ortsteilen vermuten. Man müsse sich doch nur umschauen, wie prima alles in Perl hergerichtet sei, meint etwa Frank Sausy stellvertretend für viele, die mit ihren ABC-Schützen vor der Tür warten. Es gebe doch genügend Räume für alle. Keiner hat Probleme damit, dass die Schule durch den Besch-Zuwachs auf eine beachtliche Größe von 300 Schülern anschwillt. Alle wirken gut gelaunt und entspannt. Hier prallen ganz offensichtlich zwei Welten aufeinander.

Es werde sich schon noch alles einrenken, meint auch die Schulelternsprecherin Elisabeth Carl. Ihre einzige Kritik richtet sich an das viel zu lange Hinauszögern der Entscheidung, die Ungewissheit in den Ferien, das Hickhack der Verantwortlichen in den Medien. "Man sollte die Kinder jetzt mal in Ruhe lassen, es muss hier eine Gemeinschaft werden."

„Unsere Schule muss bleiben!“ So protestieren Bürger in Besch.
„Unsere Schule muss bleiben!“ So protestieren Bürger in Besch.