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Abgeschobene in Afghanistan
Zurück in der fremden, unsicheren Heimat

Arasch Alokosai, 22, abgeschoben im Januar.
Arasch Alokosai, 22, abgeschoben im Januar. FOTO: Christine-Felice Röhrs / dpa
Kabul. Seit einem Jahr schiebt Deutschland wieder nach Afghanistan ab – nicht unumstritten. Drei Männer berichten, wie es ihnen seither in Kabul ergeht. Von Christine-Felice Röhrs

Badam Haidari lebt weiter wie gelähmt in der Hütte am Rande der Hauptstadt Kabul. Arasch Alokosai kommt nicht voran mit seiner deutschen Hochzeit. Matiullah Asisi hat Arbeit gefunden, aber kämpft mit Depressionen. Wie geht es jenen, die Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten nach Afghanistan abgeschoben hat?



Vor gut einem Jahr, am 14. Dezember 2016, hat die Bundesregierung damit begonnen, afghanische Flüchtlinge mit Direktflügen abzuschieben. 155 abgelehnte Asylbewerber sind seitdem nach Afghanistan zurückgebracht worden. In acht Flugzeugen saßen Männer, die in Deutschland Job und Wohnung hatten, die monatelang in Lagern saßen und nie Deutsch gelernt haben, die abgeholt wurden aus dem Gefängnis, aus dem Job oder der Berufsschule. Und in Deutschland ist eine emotionale Debatte entbrannt: Ist es rechtens – oder human – Menschen in ein Kriegsland abzuschieben?

In diesem einen Jahr hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan noch einmal drastisch verschlechtert. Die Taliban, die schon kurz nach dem Einmarsch der internationalen Streitkräfte in Afghanistan vor 16 Jahren als geschlagen galten, kehren zurück. Mit Macht. Gleichzeitig wächst ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Allein in Kabul gab es in diesem Jahr rund 20 große Anschläge mit Hunderten Toten und Verletzten.

Matiullah Asisi wurde mit dem ersten Abschiebeflug im Dezember 2016 nach Afghanistan zurückgebracht. Er hat als einziger der drei Männer einen Job gefunden  – bei einer internationalen Organisation, die psycho-soziale Hilfe für rückkehrende Migranten anbietet. Mehr als 250 000 Afghanen sollen 2016 das Land verlassen haben, noch sehr viel mehr sind im eigenen Land auf der Flucht vor dem Krieg – 660 000 im vergangenen Jahr, mehr als 400 000 in diesem.

Asisi, dem Ärzte in Deutschland seelische Probleme bescheinigten, hatte bei dieser Organisation anfangs selber Hilfe gesucht. Jetzt versucht der 23-Jährige, anderen zu helfen – aber das tut ihm nicht immer gut. „Ich sehe alle diese Leute nach Kabul kommen, weil bei ihnen Krieg ist“, sagt er mit Blick auf Flüchtlinge aus anderen Landesteilen. „Aber wo gehen wir hin, wenn der Krieg nach Kabul kommt?“ Asisi fürchtet sich vor Autobomben im dichten Verkehr, vor Überfällen auf dem Weg nach Hause – Afghanistan, das gefährliche Land, ist ihm nach der Jugend in Deutschland gründlich fremd. „Ich fühle mich oft so traurig“, sagt er.



Menschen wie Asisi säßen heute allerdings nicht mehr auf Abschiebeflügen, denn die deutsche Abschiebepraxis hat sich in den vergangenen Monaten drastisch verändert. Nachdem im Mai vor der deutschen Botschaft in Kabul eine Lastwagenbombe explodiert war, hat die Bundesregierung Abschiebungen auf drei Kategorien von abgelehnten Asylbewerbern beschränkt: auf Straftäter, Gefährder und Flüchtlinge, die „die Mitarbeit an der Feststellung ihrer Identität verweigern“.

„Das ist so ungerecht“, sagt Badam Haidari. „Vor ein paar Monaten wir, die in Deutschland Miete und Steuern gezahlt haben und jetzt nur noch Verbrecher und Terroristen?“ Der 34-Jährige hat acht Jahre lang in Würzburg gelebt. Er hatte Arbeit. Im Januar wurde er trotzdem abgeschoben. Seit der Ankunft lebt er bei einem Freund der Familie in einem Häuschen außerhalb von Kabul. Wind, Berge, Matsch, sonst nichts. Haidari hat nie aus der Lähmung nach der Abschiebung herausgefunden. In seine Heimatprovinz Gasni kann er nicht. Cousins sind da bei den Taliban – sie waren vor Jahren der Grund für seine Flucht nach Europa. Seine Frau, die Kinder und Eltern leben heute in Pakistan, aber Pakistan wirft derzeit Afghanen hinaus, und das Geld für Reise und Visum hat Haidari nicht. Hätte er Geld – er wäre sofort wieder auf dem Weg nach Deutschland. Die Vergangenheit könne man nicht vergessen. „Ein Jahr in Deutschland vielleicht – aber acht?“

Der Traum, zurückzugehen, ist vielen Abgeschobenen gemein. Das hängt auch damit zusammen, dass die meisten nicht einfach wieder in ihr altes Leben zurückschlüpfen können. Für einige geht es um Schulden und Scham. Die Flucht hatte sie viel Geld gekostet – die Abschiebung die Achtung der Familie. Vor allem wer lange in Deutschland war, hat Probleme, sich wieder an Afghanistan zu gewöhnen. So auch Arasch Alokosai. Der 22-Jährige wurde nach fast sieben Jahren in Deutschland abgeschoben. Er hatte in Nürnberg gelebt, war dort zur Schule gegangen, hatte Karosseriebauer werden wollen. In Kabul fand er bislang keine Lehrstelle. Er hat eine Verlobte in Deutschland. Die Hochzeit ist sein Fluchtplan B.  Vor Monaten schon hatte das Paar alle Papiere bei der deutschen Botschaft in Kabul eingereicht, aber die war bei dem Bombenanschlag im Mai so schwer beschädigt worden, dass sie nun geschlossen ist. Jetzt sind Ämter in Deutschland zuständig. Bedeutet: Warten. Wenn es nicht klappt, will sich Alokosai wieder auf den Weg machen. Als Flüchtling.

Matiullah
Asisi, 23, abgeschoben im Dezember 2016.
Matiullah Asisi, 23, abgeschoben im Dezember 2016. FOTO: Christine-Felice Röhrs / dpa
Badam Haidari, 
34, abgeschoben im Januar.
Badam Haidari, 34, abgeschoben im Januar. FOTO: Christine-Felice Röhrs / dpa