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Zuflucht für die Opfer im Abseits

Kiew. Immer wieder versuchen Idas große blaugraue Augen, ihr Gegenüber zu fixieren. Und gleiten dabei meist ins Leere. Ein Zwinkern - dann scheint sich der Blick zurückzuziehen, tief hinein in Idas Seele. Dorthin, wo die Bilder gestochen scharf sind Von SZ-Redakteurin Iris Neu

Kiew. Immer wieder versuchen Idas große blaugraue Augen, ihr Gegenüber zu fixieren. Und gleiten dabei meist ins Leere. Ein Zwinkern - dann scheint sich der Blick zurückzuziehen, tief hinein in Idas Seele. Dorthin, wo die Bilder gestochen scharf sind. Beklemmende Bilder der Erinnerung an eine überstürzte Flucht vor den Nazi-Schergen in die Wüste von Turkmenistan, an Malaria, Zerstörung, Armut, Angst. Ida Gurshpun ist blind. Seit 25 Jahren, sagt sie, habe sie das Haus nicht mehr verlassen. Und meint damit ihre Einzimmer-Wohnung in Vinnitsa, die für westeuropäische Verhältnisse allenfalls als Halbzimmer-Wohnung durchgehen würde. Mit dem Laufen tut sich die 83-Jährige nach zwei Schlaganfällen und einem Knochenbruch schwer, aber mit einer abgenutzten Gehhilfe kann sie sich in der drangvollen Enge zwischen Bad-Küchen-Kombination und Wohnzimmer hin und her bewegen.


Ohne fremde Hilfe hätte die jüdische Frau in der Ukraine keine Überlebenschance. Dort müssen inzwischen Arzneien und medizinische Leistungen vornehmlich aus eigener Tasche gezahlt werden. Die Rente der gelernten Betriebswirtin, die 37 Jahre bei der Post arbeitete, beträgt nicht einmal 100 Euro im Monat. Hinzu kommt, dass eine Inflation von über 20 Prozent die Preise für die Grundversorgung in der Ukraine inzwischen beinahe auf westliches Niveau katapultiert hat.

Allein für die Medizin, die sie benötigt, müsste Ida weit mehr als die Hälfte ihres kargen Ruhegeldes investieren. Und gäbe es da nicht Tatjana, wäre die alte Frau wohl gänzlich von unmittelbaren menschlichen Kontakten abgeschnitten. Gewiss, es gibt regelmäßige Telefonate mit Freunden. Und das Radio. Ida ist eine leidenschaftliche Hörerin und politisch auf dem Laufenden: "Wahrscheinlich hat uns die Finanzkrise mit am meisten getroffen", kommentiert sie die Situation in ihrem Land. Die junge Ukrainerin Tatjana kümmert sich vier Mal pro Woche um Ida. Sie ist Mitarbeiterin des jüdischen Hesed-Netzwerks, das soziale Zentren in allen osteuropäischen Ländern aufgebaut hat. Unterhalten und verwaltet wird das Netzwerk von der weltweiten Organisation American Jewish Joint Distribution Committee, finanziert von der Jewish Claims Conference (siehe Hintergrund).



Die mehr als 40 Hesed-Zentren in der Ukraine (Hesed ist das hebräische Wort für Güte, Freundlichkeit) versuchen, hochbetagte, oft mittellose und schwerstkranke jüdische Holocaust-Opfer zumindest mit dem Nötigsten zu versorgen. 35 000 Menschen sind es mittlerweile, die von Hesed betreut werden.

Die überlebenden Juden in Osteuropa traf meist ein in mehrfacher Hinsicht unbarmherziges Schicksal: Von den Nazis verfolgt, endete für viele die Flucht im Ghetto oder gar im Konzentrationslager. Nicht selten fanden sie sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs mutterseelenallein wieder. Eltern, Geschwister und andere Verwandte ermordet, die jüdischen Gemeinden zerstört. Und auch die Kommunisten meinten es danach nicht gut mit den Juden: Obwohl viele von ihnen trotz traumatischer Erlebnisse mit Erfolg Schule und Studium absolvierten, bekamen die besseren Jobs zumeist Nichtjuden. Folglich fielen auch die Renten osteuropäischer Schoah-Opfer oft kümmerlich aus.

Die Hesed-Zentren stellen heute je nach Grad der Bedürftigkeit Hilfskräfte zur Verfügung, die sich um Hausarbeit und Pflege der betagten und häufig sehr gebrechlichen Überlebenden kümmern. Das Netzwerk übernimmt - wenn nötig - auch einen Teil der Lebensmittel-Kosten. In den meisten Fällen aber zahlt es medizinische Versorgung und Arzneimittel.

Unter Umständen fahren Hesed-Mitarbeiter bis zu 400 Kilometer weit, um bedürftige Senioren zu erreichen. Die rüstigen unter ihnen werden nach Wunsch zwei Mal im Monat abgeholt, um den Tag in einem der Hesed-Häuser zu verbringen. Dort wird für Unterhaltung und Geselligkeit gesorgt. Und es werden gemeinsam Feste gefeiert. Vor allem die jüdischen, die auch unter dem kommunistischen Regime verboten waren. Die Sehnsucht nach jüdischem Leben - wenigstens hier wird sie ein wenig gestillt. Das gibt vielen neue Lebensfreude. So etwa Perel Geller aus Zhitomir, 130 Kilometer westlich von Kiew. Die 78-Jährige besucht regelmäßig das Hesed-Haus in Zhitomir, wo sie auch duschen und ihre Wäsche waschen kann. Ihr winziges Einzimmerhäuschen hat kein Badezimmer, nicht einmal fließendes Wasser.

120 Verwandte ermordet

Perel leidet unter starken Schmerzen in den Knien. Dennoch legt sie mehrmals täglich den Weg zum nächstgelegenen Brunnen am Ende der Straße zurück - auch wenn das Thermometer zweistellige Minusgrade anzeigt. Perels Leben hing an einem seidenen Faden, als sie gerade einmal elfjährig mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern 1942 vor den Nazis fliehen musste. Zunächst nach Stalingrad, dann nach Saratow an der Wolga und von dort aus nach Kirgisien. 1944 die Rückkehr nach Zhitomir. Rund 120 Mitglieder ihrer Familie, sagt Perel, hatten nicht so viel Glück - ihr Leben wurde von den Nazis gnadenlos ausgelöscht.

Für Genja Pissarevskaja aus Vinnitsa hieß die Rettung Tamara Savitskaja. Es war im August 1941, als die deutsche Todesmaschine mit der Ermordung der Juden in Vinnitsa begann. Genja und ihre Mutter wurden von Freundin Tamara versteckt. Trotz Tamaras couragierter Hilfe wurden Mutter und Bruder im April 1942 ermordet. Nur Genja selbst blieb am Leben. Sie wurde von einem Freund mit neuen Papieren versorgt und kam unter anderem Namen sogar nach Deutschland. Dort arbeitete die damals 19-Jährige in der Landwirtschaft. "Niemand wusste, dass ich Jüdin bin", verrät Genja. 1945 kehrte die junge Frau über Breslau nach Vinnitsa zurück, heiratete, blieb aber kinderlos.

Seit einigen Jahren bewohnt Genja nun ein Einzimmer-Appartement in einem heruntergekommenen Wohnheim der medizinischen Fakultät in Vinnitsa. Ihr eigenes Haus war unbewohnbar geworden, für Reparaturen fehlte das Geld. 50 Euro Rente erhält die 85-Jährige pro Monat. Sie trägt schwer an den Folgen ihrer Oberschenkelhalsbrüche, leidet an Herz- und Gefäßerkrankungen. Ihr Zustand, sagt ihre Hesed-Betreuerin, erlaubt es ihr kaum, das Bett zu verlassen. Dennoch will Genja Pissarevskaja ihre Geschichte nicht im Liegen erzählen. Sie hat sich eines ihrer besten Kleider angezogen und an einen Tisch mit einer Vase frischer roter Nelken gesetzt.

Den Fremden aus Deutschland über das eigene Schicksal berichten zu können - auch für Klavdia Knjazhevskaja ist dies ein ungeheuer bedeutender Moment. Und sie tut es, wie die anderen auch, ohne Anklage. Mit ihrem durch einen Grubenunfall gelähmten Mann Alexander (73) lebt die gebrechliche 80-Jährige in einem schäbigen Plattenbau am Rande von Kiew. Sie zittert am ganzen Leib, als sie von ihrer Flucht vor den deutschen Truppen erzählt, und wie dabei die Mutter vor ihren und ihrer jüngeren Schwester Augen in die Luft gesprengt wird. Die damals 13 und neun Jahre alten Mädchen landen zunächst im Kaukasus und werden von den Russen von einem Kinderheim ins nächste abgeschoben. Eine Tante in Kiew nimmt sie später auf, beide absolvieren Schule und Ausbildung.

Geld ist nur eine Geste

Wie fast alle Holocaust-Opfer in Osteuropa erhielten Klavdia und Alexander keine Entschädigung. Die Jewish Claims Conference verhandelt seit langem mit der Bundesregierung über eine Einmalzahlung von etwa 2500 Euro für Verfolgte in Osteuropa. Ein Betrag, der nach dem Ende des Kalten Krieges nur in den Westen emigrierten Holocaust-Opfern aus der ehemaligen Sowjetunion gewährt wurde. "Für uns", meint Alexander, "wird es vermutlich schon zu spät sein." Das Geld bedeute ihm nicht viel, sagt er, wichtig sei ihm nur die Geste: "Es würde bedeuten, wir haben euch noch nicht vergessen."

Georg Heuberger, Repräsentant der Jewish Claims Conference in Deutschland, kämpft seit Jahren gegen die "Ungerechtigkeit gegenüber osteuropäischen Schoah-Überlebenden". Sie resultiere noch aus dem Bundesentschädigungsgesetz von 1953, das alle NS-Opfer jenseits des eisernen Vorhangs kategorisch von Zahlungen ausgeschlossen habe.

Seit 1998 können, wie Heuberger erläutert, auch Holocaust-Opfer aus Mittel- und Osteuropa zumindest eine kleine Beihilfe aus einem von der Claims Conference und dem Bundesfinanzministerium eingerichteten Fonds beantragen. Diese lag bislang jedoch mit 178 Euro monatlich weit unter dem Satz von 270 Euro für westeuropäische Opfer. Ab 2010 sollen nun die Beträge auf 240 Euro angehoben werden. Aber auch diese Beihilfe ist für die Holocaust-Überlebenden an Bedingungen geknüpft: Erhalten kann sie nur, wer mindestens sechs Monate im Konzentrationslager oder 18 Monate in einem Ghetto verbracht hat.

Hintergrund

Die Jewish Claims Conference (JCC) ist ein Zusammenschluss von 23 jüdischen Organisationen. Sie setzt sich seit 1951 für Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer und Holocaust-Überlebender ein. Die JCC wendet jedes Jahr dreistellige Millionenbeträge für die Förderung von Sozialprojekten zu Gunsten von Holocaust-Überlebenden in 43 Ländern auf. Die Mittel stammen zum Großteil aus Erlösen, die aus dem Verkauf von erbenlosem jüdischen Vermögen in den neuen Bundesländern erwirtschaftet wurden. Weitere Quellen sind andere Holcaust-bezogene Entschädigungsfonds. ine