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Zittern um „Glasnost“ und „Perestroika“

Jelzin (l.) hält 1991 eine flammende Rede auf einem Panzer. Foto: dpa
Jelzin (l.) hält 1991 eine flammende Rede auf einem Panzer. Foto: dpa FOTO: dpa
Moskau. Vor 25 Jahren wollte eine Gruppe von Verschwörern die Sowjetunion retten. Den Reformer Gorbatschow setzten sie gefangen. Doch sie erreichten nur das Gegenteil: Das Riesenreich zerfiel unaufhaltsam. Klaus-Helge Donath (SZ),Friedemann Kohler (dpa)

Gegen halb sieben in der Früh klingelt das Telefon. "Hast du schon gehört? Gorbatschow krank, abgesetzt, ein Komitee will die Macht übernommen haben . . . ?", fragt die Freundin, die mit Politik nie viel am Hut hatte. Ungläubig schalte ich das Radio an. Tatsächlich, auf dem Sender, den ich meist höre: Funkstille. Auf den anderen drei russischen Wellen ist eine monotone Stimme zu vernehmen: "Landsleute, Bürger der Sowjetunion. Eine tödliche Gefahr schwebt über unserem großen Heimatland . . . dieses sind erzwungene Maßnahmen, die das lebenswichtige Bedürfnis diktiert, die Wirtschaft vor dem Ruin zu retten, Hunger abzuwenden und die Eskalation der sich ausbreitenden Bürgerkriegszustände zu verhindern . . ." Auf allen Kanälen dieselbe Bekanntmachung.


Voller Angst schaute die Welt vor 25 Jahren nach Moskau . Am 19. August 1991 putschten Militär und Geheimdienst in der Sowjetunion. Panzer rollten in die Hauptstadt. Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow saß unter Hausarrest auf der Halbinsel Krim. Seine Reformen schienen verloren, die Erneuerung der erstarrten kommunistischen Supermacht durch Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) schien brutal gestoppt.

Aber in der Sowjetunion hatte sich etwas verändert. Die Welt erlebte, dass Hunderttausende Bürger in den Städten Moskau und Leningrad zusammenströmten. Sie standen für ihre neue Freiheit ein. Der gerade erst gewählte russische Präsident Boris Jelzin hielt auf einem Panzer vor dem Parlamentssitz eine flammende Rede. Am dritten Tag brach der Putsch zusammen, die Verschwörer flüchteten, Gorbatschow kehrte zurück.

Doch was damals wie Russlands Durchbruch zur Demokratie wirkte, sieht im Rückblick weniger eindeutig aus. Das Ungeschick der Putschisten verhalf vor allem Jelzin zum endgültigen Sieg über seinen Rivalen Gorbatschow. Die konservativen Verschwörer beschleunigten den Zerfall des Sowjetreichs, den sie eigentlich abwenden wollten. Am 24. August 1991 spaltete sich die Ukraine als zweitwichtigste Republik ab. Es dauerte nur noch wenige Monate, bis Ende 1991 die rote Fahne über dem Kreml eingeholt wurde. Die Sowjetunion war zerfallen - aus Sicht des heutigen russischen Präsidenten Wladimir Putin die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. In einer Umfrage des Moskauer Lewada-Zentrums von 2015 sahen 41 Prozent der Russen den Putsch als tragisches Ereignis für das Land. Nur jeder Zehnte sprach noch von einem Sieg der Demokratie.

Tatsächlich schwankte Gorbatschow 1991 zwischen den Reformern in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und den Verfechtern einer harten Linie. Am 20. August wollte er einen neuen Unionsvertrag abschließen, der den Republiken mehr Freiheit gegeben hätte. Das war für die Verschwörer im "Staatskomitee für den Ausnahmezustand" das Signal zum Zuschlagen. Geheimdienstchef Wladimir Krjutschkow als Drahtzieher, Verteidigungsminister Dmitri Jasow und Innenminister Boris Pugo zählten zu den Putschisten .



Doch die mächtigen Männer waren nicht entschlossen genug. Sie verhandelten mit ihrem Gegner Gorbatschow, sie schalteten Jelzin nicht aus. 1991 lag in Europa das friedliche Ende der kommunistischen Regime in Polen, der DDR, der Tschechoslowakei und anderen Ländern erst zwei Jahre zurück. Auch in Moskau war die Lage explosiv. Doch Verteidigungsminister Jasow weigerte sich, Schießbefehl zu erteilen. Drei Demonstranten starben, als sie einen Panzer zu stoppen versuchten, der nur auf Patrouillenfahrt war.

Gorbatschow gewann gegenüber den Putschisten rasch seine Fassung zurück. Doch seine Macht war verloren. Wenige Tage später musste er sich im Parlament von Jelzin demütigen lassen, der mit einem Federstrich die KPdSU verbot. Für die Sowjetrepubliken war der gescheiterte Putsch das Signal, sich endgültig von Moskau loszusagen.