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Wolfsburgs Meister-Coup krönt furiose Saison

Saarbrücken. Mit dem Prädikat "denkwürdig" sollte man vorsichtig umgehen und es nicht über die Maßen strapazieren. Die abgelaufene Fußball-Saison jedoch hat es allemal verdient. So kurios, so überraschend und so spannend war ihr Verlauf.Im Siegestaumel verloren auch die VW-Manager ihre Zurückhaltung und feierten kräftig mit Von Andreas Hoenig, Michael Rossmann (dpa) und Jörg Wingertszahn (SZ)

Saarbrücken. Mit dem Prädikat "denkwürdig" sollte man vorsichtig umgehen und es nicht über die Maßen strapazieren. Die abgelaufene Fußball-Saison jedoch hat es allemal verdient. So kurios, so überraschend und so spannend war ihr Verlauf.Im Siegestaumel verloren auch die VW-Manager ihre Zurückhaltung und feierten kräftig mit. Bei der Meister-Party wurde deutlicher denn je, wie wichtig dem Autokonzern der Fußballclub VfL Wolfsburg ist. Der sonst eher steif wirkende Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch saß im Cabrio mit Torjäger Grafite, der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn fuhr mit VfL-Kapitän Josué zur großen Sause in der Stadt. Und Europas größter Autokonzern hat offensichtlich noch nicht genug. "Wir werden mit aller Kraft daran arbeiten, diese Erfolgsgeschichte fortzusetzen", versprach Winterkorn. Für Winterkorn ist es sogar ein persönlicher Erfolg. Der leidenschaftliche Fußball-Fan machte den VfL nach seinem Amtsantritt im Januar 2007 zur Chefsache und gilt als ein Architekt für das "Wunder von Wolfsburg". Damit das so bleibt, will man in Wolfsburg schon in den nächsten Tagen die Verträge mit den Top-Torjägern Grafite und Dzeko verlängern und einen weiteren Stürmer verpflichten. Meistermacher Felix Magath wird dann aber nicht mehr von der Partie sein, er wird ab der kommenden Saison Schalke 04 trainieren, wo er schon sehnsüchtig erwartet wird. Vorerst arbeitslos ist dagegen Ex-Bayern-Coach Jürgen Klinsmann, der nach nur zehn Monaten den Trainerstuhl räumen musste. Geblieben ist das neue Leistungszentrum in der Säbener Straße und die Erinnerung an einige Buddha-Statuen auf dem Dach, die aber schnell wieder in der Versenkung verschwanden. Rückblickend sagt Klinsmann: "Ein Fehler war ohne Zweifel, dass ich mich auf zu viele Kompromisse eingelassen habe." Und ergänzte: "Ich hätte von Anfang an auf drei, vier neue Spieler bestehen müssen." Allerdings machte Klinsmann auch deutlich, dass vor allem Widerstände in München und die Skepsis gegen seine Person das Konzept vom "neuen" FC Bayern zum Scheitern gebracht hätten. Und dass sein Nachfolger Jupp Heynckes beim letzten Spiel vor der Entlassung nur zufällig auf der Tribüne der Allianz Arena gewesen sei, mag Klinsmann bis heute nicht glauben.Unglaublich war in der vergangenen Saison auch der Auftritt der Spieler des TSG Hoffenheim, die nach einem Durchmarsch durch alle unteren Ligen frech und selbstbewusst in der Bundesliga auftraten - und die Bayern dabei mächtig ärgerten. Im direkten Duell der Hinrunde gab man sich nur knapp geschlagen, vielleicht das beste Spiel der ganzen Saison. Dafür wurde der Dorfklub Herbstmeister, Bayern dagegen schaffte es zu keinem Zeitpunkt auf Platz eins. Am Ende blieb aber auch für Hoffenheim nur Platz siebenWer weiß aber, was geworden wäre, wenn sich Hoffenheims Torjäger Vedad Ibisevic nicht im Januar schwer verletzt hätte. Bis dahin waren dem Bosnier bereits in der Hinrunde 18 Treffer gelungen. Alles sah danach aus, als könnte ihm keiner mehr die Torschützenkrone streitig machen.Nun darf sich der Brasilianer Grafite mit 28 Treffern bei nur 25 Einsätzen bester Torschütze der Liga nennen. Zusammen mit Dzeko bildet er das beste Sturmduo der vergangenen 35 Jahre und brach mit insgesamt 54 Toren den alten Torschützenrekord der Saison 1972/1973 mit 53 Toren von Gerd Müller und Uli Hoeneß (Bayern München). Rekord auch bei der Zuschauerzahl: Mehr als 13 Millionen Fans strömten in die Fußball-Arenen, so viele wie noch nie. Dafür verlor die "Sportschau" im Ersten an Zuschauern. Nur noch 5,27 Millionen Fans sahen im Schnitt zu, in der vorangegangenen Saison waren es noch 5,49 Millionen. Klarer Sieg für den Live-Fußball. "Ich habe es nicht verschüttet, ich trinke es lieber." Wolfsburgs Zvjezdan Misimovic zu seinem Fehlen bei der Bierdusche für Felix Magath"Günther Jauch hat Jürgen Klinsmann als Obama des deutschen Fußballs bezeichnet. Wenn er der Obama des deutschen Fußballs ist, bin ich Mutter Teresa."Bayern-Manager Uli Hoeneß zum TV-Auftritt von Ex-Coach Jürgen Klinsmann "Ich kann nicht die Spieler wechseln wie Kleenex." Lucien Favre, Trainer von Hertha BSC Berlin, zum Grund, warum Nationalspieler Arne Friedrich in Karlsruhe wieder nur auf der Bank saß "Ich ess' jetzt wieder bei der Mutter."Fußball-Nationalspieler Lukas Podolski über seine bevorzugte Küche nach der Rückkehr vom FC Bayern München zum 1. FC Köln



HintergrundKultobjekt: Eine von einem Fan auf den Rasen geworfene Papierkugel ebnete den Bremern im zweiten Uefa-Cup-Halbfinale gegen den HSV den Weg ins Finale. Die Kugel wurde zum Stolperstein: Statt zu Torhüter Rost spielte HSV-Verteidiger Gravgaard den Ball ins Toraus. Die anschließende Ecke nutzte Werder zur 3:1-Führung. Provokation: Nur wenige Tage vor dem Showdown im Meister-Drama gab Magath ein TV-Interview auf dem Rathausbalkon - nicht in Wolfsburg, sondern in München. "Wer so gute Arbeit leistet, darf ein bisschen frech sein", sagte Bayern-Manager Hoeneß. Wangenwischer: Nach dem 2:0 der Nationalmannschaft gegen Wales gab es nur ein Gesprächsthema: Der Wangenwischer von Podolski gegen Ballack. Aus Verärgerung über die Anweisungen des Kapitäns war der Bayern-Angreifer handgreiflich geworden. Torallergie: Auch nach seiner 181. Bundesliga-Partie hat der Bielefelder Abwehrspieler Schuler noch kein Tor geschossen. Damit überbot er den Rekord des Gladbachers Eichin, der in 180 Erstliga-Einsätzen zwischen 1985 und 1999 leer ausgegangen war. dpa