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Saarbrücken
„Wir werden im Wahlkampf verarscht“

Die Spitzenkandidatin der Linken, Sahra Wagenknecht, und ihr Mann Oskar Lafontaine sprachen gestern gemeinsam vor der Saarbrücker Europagalerie.
Die Spitzenkandidatin der Linken, Sahra Wagenknecht, und ihr Mann Oskar Lafontaine sprachen gestern gemeinsam vor der Saarbrücker Europagalerie. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Linken-Chefin Sahra Wagenknecht lässt bei ihrem Auftritt in Saarbrücken kein gutes Haar an der Bundesregierung. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Zunächst nichts als Regenschirme. Doch die Minuten vergehen, immer mehr Menschen bleiben vor der Europagalerie stehen. Schließlich tröpfelt es nur noch. Einige flüstern: „Sahra hat die Sonne mitgebracht.“ Sie flüstern. Denn „Sahra“ ist jetzt da. Und sie hat auch ihren Mann Oskar Lafontaine mitgebracht. Es hat schon fast etwas Prophetisches, als die Hebebühne die Beiden aufs Podest hievt. Und dann ist es 17.15 Uhr. Die Spitzenkandidatin der Linken, Sahra Wagenknecht, steht am Mikrofon. Mehr als 700 Menschen hören ihr zu. Großer Applaus. „Laut genug?“ Ja! Gut, dann müsse sie nicht schreien. Und schön, dass sie heute mal direkt von Zuhause kommen könne. Zuvor war sie in Trier. Wahlkampfendspurt. Müdigkeit? Keine Spur. Ihr erstes Statement ist eine Kampfansage: „Die Wahl ist noch nicht gelaufen! Wir wollen die drittstärkste Kraft im Bundestag werden!“ Und dann argumentiert sie. Strukturiert. Fokussiert. Zwischen 17.15 und 17.43 gibt es nur wenige Atempausen. Nur dann, wenn das Publikum klatscht. Und der Applaus ist gleich zu Beginn groß, als sie betont, dass 40 Prozent der Deutschen heute ein geringeres Einkommen hätten als noch Ende der 90er Jahre. „In einer Demokratie muss es allen besser gehen. Nicht nur einer Minderheit!“ Ein „Armutzeugnis“ nennt sie das. Und das stellt sie vor allem der Bundeskanzlerin aus. Angela Merkel sei „arrogant“ und „von der Lebensrealität der Menschen entfernt“, attackiert Wagenknecht. Und setzt noch einen drauf: „Diese Kanzlerin gehört in die Rente geschickt!“ Dafür gibt es Zugabe-Rufe. Doch so schnell ist sie mit Merkel nicht fertig. Das Duell zwischen der Kanzlerin und Herausforderer Martin Schulz bespöttelt sie als „komische Sendung“. Sie habe „90 Minuten lang auf das Duell gewartet“.



Wo bleibt die Veränderung? Diese Kernfrage filtert Wagenknecht immer wieder heraus, arbeitet sich minutiös von Merkel zu Schulz vor. Geht zurück bis zu seiner Nominierung. Nicht „sein nettes Lächeln“ habe den Ausschlag für die anfängliche Euphorie gegeben. Sondern die Hoffnung auf Veränderung. Eine Hoffnung, die die SPD selbst zunichte gemacht habe. Unter anderem, indem sie Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder zu ihrem Aushängeschild gemacht habe. „Ja, ausgerechnet Schröder. Der Mann, der den größten Sozialabbau in der Geschichte betrieben hat.“ Auch wer wolle, dass die SPD noch einmal sozialdemokratisch werde, müsse die Linke wählen. Jeder Fünfte sei im Niedriglohnsektor beschäftigt, immer mehr Jobs seien befristet, immer mehr Leiharbeit. Aus ihr spricht in den nächsten 20 Minuten die Wirtschaftswissenschaftlerin mit Herz. „Von Respekt kann keiner seine Miete bezahlen“, ruft sie. Die Zustimmung ist ihr sicher. Einige empören sich lautstark über Schröder.

Wagenknecht spricht weiter. Wer nur eine befristete Stelle habe, traue sich nichts. Frauen unterdrückten deshalb ihren Kinderwunsch. Wäre die Linke nicht in der Opposition gewesen, hätte es gar keinen Mindestlohn gegeben. Aber 8,84 Euro? „Lächerlich“, eine „Erniedrigung“. Frankreich, Belgien und die Niederlande hätten Deutschland da vieles voraus. Auch Österreich. 800 Euro mehr erhielten dort die Rentner. „Merkel hat einer Raumpflegerin empfohlen, einen Riester-Vertrag abzuschließen. Wo lebt die Bundeskanzlerin eigentlich?“ Deutschland brauche einen Renten-Topf, in den auch Abgeordnete einzahlen.

Dann spricht sie über Steuerpolitik. Der Ton wird derber. „So werden die Leute verarscht im Wahlkampf!“ Von der CDU, meint sie. Die wolle nicht „die Reichen“ belasten. „Enteignung nennen die das!“ Dabei würden die kleinen Leute systematisch „enteignet“.

Außenpolitisches und den Diesel-Skandal streift Wagenknecht nur. Sie gelangt immer wieder zur Kernbotschaft: weniger für die Wenigen, mehr für die Mehrheit. Und auch weniger für Parteien. „Parteispenden von Unternehmen gehören verboten!“ Es gebe viele Gründe, die Linke zu wählen. Aber einer sei unwiderlegbar: „Wir haben noch nie einen müden Euro von Großkonzernen bekommen.“ Das ist ihr letzter Satz. Ihr letztes Statement. Sie macht deutlich: „Wir sind anders.“