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Interview Henning Meyer
„Wir sind jetzt in einem gefährlichen Bereich“

Henning Meyer
Henning Meyer FOTO: Meyer/DG Corporate / Henning Meyer / DG Corporate
Saarbrücken. Der Wahl-Londoner Wissenschaftler warnt, dass die deutsche Wirtschaft heute zu viele Menschen ausschließt und wie der Staat darauf reagieren muss. Von Pascal Becher
Pascal Becher

Für Karl Marx war klar: Irgendwann beuten die Kapitalisten die Arbeiter so sehr aus, dass die dagegen revoltieren. Passiert ist das nie. Logisch, findet Henning Meyer. Der Saarländer ist Politik- und Wirtschaftsexperte, lehrt an der London School of Economics. Warum wir dennoch Lehren aus dem „Kapital“ ziehen sollten, erklärt er der SZ.



Herr Meyer, die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher, die Kluft wird größer. Hatte Karl Marx mit dem „Kapital“ am Ende doch Recht?

MEYER Marx’ Analysen sind sicher auch heute noch sehr wertvoll. Was Marx daraus geschlussfolgert hat eher weniger.

Schaut man sich die politischen Debatten an, scheint es für jeden etwas anderes zu sein. Was ist eigentlich die Hauptaussage des Werkes?

MEYER Soweit ich das beurteilen kann wollte Marx generell zwei Dinge leisten: Einmal die frühen Anfänge des Kapitalismus analysieren und daraus dann Thesen für die Zukunft ableiten. Die Kernanalyse ist gut und sehr detailliert. Es geht um Kapital und Kapitalbesitzer, Produktionsmittel und Arbeiter. Letztere stehen in einer Abhängigkeit zu den Kapitalisten, für die sie aber nichts anderes als Produktionsmittel sind, wie Maschinen, Werkshallen, und so weiter. Nur was Marx daraus folgert, ist meines Erachtens falsch.



Wie meinen Sie das?

MEYER Für Marx war klar: Irgendwann wird dieses System instabil und führt unweigerlich zur Revolution des Proletariats.

Warum ist die Revolution der Proletarier ausgeblieben?

MEYER Karl Marx konnte sich nicht wirklich vorstellen, dass sich die Institutionen einer Volkswirtschaft tiefgreifend verändern und somit den von ihm beschriebenen Konflikt entschärfen können – als Gegenreaktion. Arbeiter haben sich aber irgendwann zu einflussreichen Gewerkschaften zusammengeschlossen und Wohlfahrtsstaaten sind entstanden. Heute gibt es in der Regel eine soziale Absicherung und kollektive Verhandlungsführung der Beschäftigten.

Die politische Ökonomie ist also fairer, als Marx gedacht hat?

MEYER Ihre Entwicklung ist ein hin und her aus Reaktion und Gegenreaktion, wie Karl Polanyi es beschrieben hat. Irgendwann führen zu große Verwerfungen zu Protest. Dann wird institutionell reagiert, zum Beispiel in dem der Sozialstaat nachgebessert wird. Damit sind natürlich die Kapitalisten unzufrieden, weil sie denken, dass sich ihre Position verschlechtert hat. Sie drängen wiederum als Gegenreaktion auf den Rückbau der neuen Institutionen, bis sich die Balance wieder verschiebt.

Und wo befinden wir uns jetzt in diesem Kreislauf?

MEYER In dem Bereich, wo es gefährlich wird. Allein, wenn man sich die Lohnquote anschaut, also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen, sieht man die Machtverschiebung. Es geht zu vielen zu schlecht. Hinzu kommt, dass sich ein Technologiesprung breit macht. Und der könnte gewaltig sein und die negative Entwicklung noch befeuern.

Viele Arbeiter haben Angst, dass sie ihre Jobs wegen der modernen Technologien verlieren.

MEYER Ehrlich gesagt: Keiner weiß, ob das so kommen wird. Es kann sein. Düstere Prognosen gehen von bis zu 47 Prozent wegfallender Stellen aus. Andere glauben, dass diese Technologien die Wirtschaft kräftig ankurbeln und Jobs schaffen werden. Wir dürfen aber jetzt nicht abwarten, was passiert, sondern müssen uns vorbereiten.

Würde da nicht das bedingungslose Grundeinkommen helfen?

MEYER So, wie es jetzt diskutiert wird, halte ich es für völlig kontraproduktiv. Jeder Bürger soll etwa 1000 Euro kriegen und damit seine Miete, Krankenversicherung, Haushalt, usw. bezahlen. Der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, würde in der Folge abgeschafft. Das wäre die völlige Individualisierung unserer kollektiven Sicherungssysteme. Dass das einigen Silicon Valley Technokapitalisten gefällt, kann ich mir vorstellen. Sie werden ja dadurch aus ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung entlassen. In Deutschland und Europa ist ein solches Modell meines Erachtens aber nicht konsensfähig.

Was wäre eine bessere Alternative?

MEYER Die breite Gesellschaft sollte von den Gewinnen des Technologiebooms profitieren, z.B. durch die Demokratisierung von Kapitalbesitz. Der Staat könnte über spezielle Finanzinstitutionen als Aktionär in Konzerne einsteigen. So könnten Kapitalerträge in die Gesellschaft geführt und investiert werden. Sie könnten beispielsweise Jobs schaffen im sozialen Bereich, der Pflege und den Vereinen.

Der Staat soll also zum Wohle der Gesellschaft an der Börse zocken?

MEYER Nicht zocken, sondern investieren und dadurch Teilhabe sichern. Wie ein Rentenfonds, der Norwegische Sovereign Wealth Fund oder ähnliche Akteure. Auch die Beteiligung des Landes Niedersachsens an VW geht in die Richtung. Es funktioniert, ist in der Tagespolitik aber bisher nicht angekommen.

Das Interview führte Pascal Becher