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"Wir legen den Finger in die Wunde"

Saarbrücken. Nein, die Sterne hat Ulrike Voltmer zum Wahlausgang noch nicht befragt. Auch wenn die Astrologie Inhalt vieler ihrer Studien ist. Doch Ratschläge wie "guter Tag für Investitionen" oder Horoskope in Form von Unterhaltung hält die promovierte Diplom-Psychologin sogar für problematisch bis gefährlich Von SZ-Redakteur Jörg Wingertszahn

Saarbrücken. Nein, die Sterne hat Ulrike Voltmer zum Wahlausgang noch nicht befragt. Auch wenn die Astrologie Inhalt vieler ihrer Studien ist. Doch Ratschläge wie "guter Tag für Investitionen" oder Horoskope in Form von Unterhaltung hält die promovierte Diplom-Psychologin sogar für problematisch bis gefährlich. Voltmer beschäftigt sich lieber wissenschaftlich mit dem Lauf der Gestirne.


Ganz weltlichen Herausforderungen muss sie sich dagegen derzeit stellen. Die 57-Jährige kandidiert auf Platz 15 der Bundesliste der Linken für die Wahl zum EU-Parlament. Kein wirklich guter Ausgangspunkt, wenn man bedenkt, dass die Linke derzeit gerade sieben Abgeordnete in Straßburg hat. Zudem ist die Linke in der Europapolitik zerstritten. Ein prominenter EU-Befürworter wie André Brie wurde auf dem letzten Parteitag nicht mehr als Kandidat berücksichtigt, und erst vor wenigen Tagen verließ die Linke-Europaabgeordnete Sylvia-Yvonne Kaufmann - die auch nicht mehr nominiert wurde - die Partei, um zur SPD zu wechseln. Sie warf ihrer Partei vor, "unbestreitbare Fortschritte" des Vertrages von Lissabon zu leugnen und dessen Inhalte zu verfälschen. Voltmer dagegen verweist auf deutliche Mängel" im Vertragswerk, die Linke-Positionen widersprächen. Der Mensch stünde nicht im Mittelpunkt. Deshalb habe die Linke als Ergänzung eine soziale Fortschrittsklausel gefordert - eine Forderung, die die SPD glatt übernommen habe. In der Klausel werde gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort gefordert. Weiterhin sollen europaweit Mindestlöhne in Höhe von mindestens 60 Prozent des jeweiligen Durchschnittslohns eines EU-Landes gezahlt werden. In 21 EU-Ländern von 27 gibt es ihn schon, Deutschland hinke da hinterher, meint Voltmer. Zudem müssten Arbeitnehmerrechte wie gestärkt werden. "Wir wollen Europa. Wir wollen auch einen Vertrag, besser eine Verfassung, die europaweit in einem Referendum abgestimmt wird. "Unsere Ablehnung des Lissabonvertrages darf nicht in den falschen Hals kommen", sagt Voltmer. Unterm Strich aber müsse der Lissabon-Vertrag in zwei Punkten überarbeitet werden: Zügelloser Wettbewerb und völlig offene Märkte soll es nicht mehr geben. Zudem müsse die Finanzwirtschaft reguliert werden. Zweitens müsse der Vertrag stärker auf ein Europa des Friedens hinwirken. "Da legt die Linke den Finger in die Wunde", betont Voltmer. Noch stehe im EU-Vertrag die Aufforderung, militärische Rüstung voranzutreiben. Das dürfe nicht sein. Europa müsse sein Friedensgesicht viel stärker nach außen tragen. Lob findet sie dafür für die Menschenrechtscharta, bedauert aber, dass diese nicht für alle verbindlich gelten soll. Weder Großbritannien noch Polen haben ihr zugestimmt. Sollte Voltmer der Einzug ins Parlament nicht gelingen, will sie ihre politische Arbeit in jedem Fall fortsetzen. In ein schwarzes Loch fällt sie jedenfalls nicht. Da ist schließlich noch ihre Familie und ihre Arbeit als Psychologin. Und die Astrologie wird sie sicher auch weiter verfolgen.