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„Wir jammern hier auf hohem Niveau“

Saarbrücken. Das Thema soziale Gerechtigkeit beschäftigt nicht nur die Politik, sondern auch die Menschen in der Saarbrücker Innenstadt, wie eine SZ-Umfrage ergab. Fatima Abbas

Eine Mutter, die von Hartz IV zwei Kinder ernähren muss. Das verbindet der Saarbrücker Jürgen Schrinner mit sozialer Ungerechtigkeit. Aber was genau bedeutet gerecht? Der 79-Jährige findet: "Martin Schulz muss darauf eine Antwort liefern." Über seine Altersbezüge kann sich der pensionierte Jurist nicht beklagen. Ungerechtigkeit, das beschäftigt ihn trotzdem.

"Die Bundesregierung tut viel zu wenig, um die Steuerschlupflöcher zu beseitigen", sagt er. Ganz oben regiere die Lobby. Doch auch der Blick nach unten offenbare, "dass es in Deutschland Milieus gibt, denen der Weg versperrt bleibt". Bildungserfolg? Je nach sozialer Herkunft. "Das müsste die Politik schon längst angegangen haben." Versperrte Wege kennt auch die Syrerin Baraka. Seit einem Jahr und zwei Monaten lebt die 23-Jährige im Saarland. Daran, dass die Grundschullehrerin in Deutschland bald eine Stelle findet, glaubt sie nicht. "Egal, wo ich hingehe, heißt es: Du musst das Kopftuch ausziehen."

Ihre Freundin Nur kann sich in der fremden Sprache schon besser ausdrücken. Sie spricht sogar von "Vitamin B", das sie im Saarland unbedingt brauche, um irgendwann als Fotojournalistin arbeiten zu können. Jetzt habe sie sich erst mal als Kassiererin in einem Schnellrestaurant beworben: "Besser als in Syrien ist es hier allemal."

Den Vergleich zu anderen Ländern ziehen auch die Saarbrücker Studenten Nico Redlich (25) und Vinay Kukraja (21). "In Deutschland geht es gerechter zu als in vielen anderen Ländern. Du kannst einen deutschen Obdachlosen nicht mit einem amerikanischen vergleichen", sagt Redlich. Kukrajas Familie stammt aus Indien. Haben Migranten in Deutschland schlechtere Karten? Der junge Mann schüttelt den Kopf. Er glaubt, dass sich die Lage für diese Gruppe in den vergangenen Jahren deutlich verbessert habe.

Zufrieden ist auch Teresa Maria Thome. "Mehr als gerecht" gehe es in Deutschland für junge Mütter wie sie zu. Ob Hebamme, Elternzeit oder Mutterschutz: An Unterstützung mangele es nicht. Die 37-jährige Akademikerin ist davon überzeugt: "Wir jammern hier auf hohem Niveau." Ob die drei jungen Eritreer, die am Saarufer sitzen und ihre Asylpapiere sichten, das ähnlich sehen?

Der 25-jährige Fisha lebt seit einem Jahr und fünf Monaten im Saarland. Er ist zuversichtlich, dass er hier bald einen Job als Maler finden wird. Sein Freund Kobodoru hat bereits ein Praktikum in einer Schreinerei absolviert. Der schweigsame Ftahawi bangt derweil um seine Aufenthaltsgenehmigung. Muss er zurück nach Italien? Es sieht danach aus. Jetzt muss er aber erst einmal warten.

In Geduld geübt ist auch eine Saarbrücker Anwaltsgehilfin. Die 43-jährige Mutter zweier Kinder, die lieber anonym bleibt, sucht seit Jahren eine Vollzeitstelle: "Die Kanzleien wollen immer die Jüngeren." Ihre Rente laufe, wenn alles so bleibt, auf 400 Euro hinaus.

Mit diesem Betrag muss der 34-jährige Kristian Daniel jetzt schon monatlich auskommen. Als "Zubrot zu Hartz IV" verkauft er am St. Johanner Markt die Straßenzeitung Guddzje. Kulturelle Teilhabe? Für ihn unmöglich, sagt er. "Wie soll man von nur neun Euro kulturelle Teilhabe finanzieren? Hartz IV ist nicht Leben, Hartz IV ist Überleben."