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„Pferdeflüstern“ in Saarbrücken
Von Indianern, Pferdeohren und neuem Mut

  Auf der Stone-Hill-Ranch in Ensheim gibt es „Pferdeflüstern für Frauen“ – mit dabei: Therapeutin Alicia Müller-Klein und Stute Chumani.
Auf der Stone-Hill-Ranch in Ensheim gibt es „Pferdeflüstern für Frauen“ – mit dabei: Therapeutin Alicia Müller-Klein und Stute Chumani. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Beim „Pferdeflüstern“ auf der Stone-Hill-Ranch in Saarbrücken-Ensheim lernen Menschen, zu sich selbst zu finden – mit tierischer Hilfe. Von Ilka Desgranges

Der Indianer kommt nicht mehr. Gawany Ponyboy sei in den Weiten Amerikas verschwunden, um sich um Wildpferde zu kümmern, sagt Alicia Müller-Klein. Die blonde junge Frau ist Psychologin und Reit-Therapeutin. Während sie über den Indianer spricht, sitzen fünf Frauen vor ihr in einem geräumigen Holzhaus. Sie haben sich auf der Stone-Hill-Ranch in Saarbrücken-Ensheim getroffen, um das „Pferdeflüstern“ zu lernen.


Alle sind alt genug, um Robert Redford zu kennen und den Film von 1998, in dem er der Pferdeflüsterer war. Der Mann, der Pferde (und auch Menschen) heilen konnte. Auf der Stone-Hill-Ranch hat man denselben plakativen Titel gewählt. Hier allerdings soll es anschließend nicht den Pferden besser gehen, sondern den Teilnehmerinnen. Der Saarbrücker Frauennotruf bietet den Kurs an, der Frauen Selbstvertrauen geben und jenen, die Gewalt erfahren haben, helfen soll.

Der Titel macht neugierig, und es ist noch ein Platz frei: also anmelden und auf zur Ranch. Der Weg dorthin führt durch eine schmale Allee. Schön ist es hier, ein gutes Stück entfernt von den Häusern Ensheims. Idyllische Landschaft, Ruhe – bis auf das Knattern eines Traktors. Dennoch: Auf der Fahrt durch die Allee zur Ranch kommen die ersten Bedenken auf. Man wird dort doch nicht reiten müssen… Der letzte Ritt liegt sehr lange zurück, und es gibt gute Gründe dafür, dass das Reiten nie zum Lieblingssport wurde.



Beim Vorgespräch im Holzhaus dann Erleichterung. Nein, reiten soll heute niemand. Sprechen wir also erst einmal über die Ranch und über die Pferde, die wir gleich kennenlernen sollen: Manche von ihnen verbringen auf der Stone-Hill-Ranch ihr Lebensende. In Ruhe. Artgerecht. Hunkapi, der Verein zur Förderung der Mensch-Tier-Beziehung, hat auf der Ranch seinen Sitz. Der Name bedeutet „Allem, was lebt, bin ich verwandt“.

Gawani Ponyboy, der Halb-Indianer, den Ranch-Betreiber Walter Rauch über das Internet kennengelernt hat, würde das wohl auch so formulieren. Vor knapp zehn Jahren war er in Ensheim. Hier hat der Pferdekenner und mehrfache Bestseller-Autor damals vier Tage lang unterrichtet. Zentrale Übung: Wie bringt man, nur mit Körpersprache, ein Pferd zum Gehen, Traben und Stehenbleiben. Zentrale Anweisung: ruhig bleiben!

Die Menschen auf der Ranch eint das Interesse an Tieren, besser gesagt: der Respekt vor Tieren. Vor den Katzen in ihrem knallbunten Haus ebenso wie vor den Pferden und Eseln, die friedlich auf der Weide grasen.

Und die Menschen, die hierher kommen, setzen auf gegenseitiges Verständnis von Mensch und Tier. Ob das nun in den Reitstunden ist oder in den Kursen zum Pferde­flüstern, die auch für Kinder und Jugendliche angeboten werden. Das Ziel: sich konzentrieren, sich zurücknehmen, klar kommunizieren, konsequent vorgehen. Und am Ende: mehr Selbstvertrauen haben.

Der Weg dahin ist anstrengend. Zunächst einmal klärt Alicia Müller-Klein, dass manches, was man über Pferde zu wissen glaubt, gar nicht stimmt. Vor Augen hat man etwa das Bild von Turnierreitern, die nach erfolgreichem Parcours ihren Pferden den Hals tätscheln. Oder die Warnung, die man als Kind oft hörte: Nie von hinten an ein Pferd herantreten.

Auf der Stone-Hill-Ranch lernt man anderes. Auf die Ohren achten! Mit fester Stimme sprechen. Auch mal energisch mit der Leine knallen. Das klingt so einfach und ist es doch nicht. Woher kommt die Scheu, sich direkt vor ein Pferd zu stellen und eine klare Ansage zu machen?

Die Tiere, die den Kursteilnehmerinnen für die Übung im Pferdeflüstern zugeteilt werden, sind alle recht friedlich. Chumani scheint gar Profi zu sein im Umgang mit Menschen, die was über Pferde lernen wollen. Im unteren Teil der Ranch läuft alles bestens. Erst einmal langsam im Kreis gehen. Nach der dritten Runde fühlt man sich recht gut. Weiß ja auch keiner, was noch kommt.

Oben auf der Wiese mit dem einen oder anderen Hindernis aus Holz ist die neu geschlossene Freundschaft zwischen Pferd und Frau akut gefährdet. Chumani will grasen. Alicia Müller-Klein sagt, was zu tun ist. Es tut sich – nichts. Kurz wünscht man sich einen schattigen Platz auf der Wiese und möchte das Pferd Pferd sein lassen.

Daraus wird nichts, denn jetzt sollen Frau und Tier über einen kleinen wackligen Steg gehen. Wer das zu zaghaft angeht, scheitert. Das Pferd bleibt stehen. Oder es macht sich auf den Weg zu einen anderen Teil der Wiese. Also: energischen Schrittes voran. Und Chumani macht tatsächlich mit, läuft los, rauf auf den Steg, zack, drüber. Mag sein, dass das die ersten Lernfortschritte im Pferdeflüstern waren. Möglicherweise hat Chumani die Entscheidung aber auch ganz alleine getroffen. Immerhin lockt noch immer das grüne Gras, und es ist ja schließlich nicht der erste Kurs der weißen Stute.

Als alle die Hindernisse gemeistert haben, geht es wieder nach unten. Über einen schmalen Weg, die Leine fest im Griff und kurz. Man hätte es wohl selbst gar nicht gemerkt. Alicia Müller-Klein spricht es aus. Chumani geht diesen Weg auch an der langen Leine sicher. Loslassen also.

Man lernt viel über Pferde, aber auch viel über sich selbst in diesem Kurs. Nach ein paar Stunden sind die meisten Teilnehmerinnen müde, aber auch zufrieden.

Eine der Frauen, die dabei ist, hat eine erstaunliche Wandlung hinter sich. Am Morgen in der Vorstellungsrunde war sie noch die Scheue, die Unsichere, gab den anderen das Gefühl, dass schon einiges schiefgegangen sei in ihrem Leben. Später dann: aufrechte Haltung, klarer Blick, strahlende Augen.

Auf der Rückfahrt durch die Allee in der schönen Landschaft am Rande Ensheims ist klar: Das ist nicht der letzte Besuch gewesen auf der Stone-Hil- Ranch. Dort hat man übrigens klare Regeln für Besucher: Nicht einfach durchspazieren, vorher bitte anmelden! Pferdeflüsterer brauchen ihre Ruhe.