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Wie krank war Andreas L.?

Was könnte Andreas L. dazu getrieben haben, sich und weitere 149 Menschen in den Tod zu reißen? Bei der Suche nach den Motiven für den offenbar vom Co-Piloten ausgelösten Absturz der Germanwings-Maschine haben die Ermittler womöglich das entscheidende Indiz gefunden. Christian Schwerdtfegerund Marc Ingel (SZ)

Draußen ist es längst dunkel, als Polizisten mit mehreren Umzugskartons aus dem Mehrfamilienhaus am Düsseldorfer Stadtrand kommen. Mehr als vier Stunden haben sieben Fahnder die Mietwohnung von Andreas L. vorgestern Abend nach Hinweisen durchsucht, die Aufschluss darüber geben könnten, wieso der 27-Jährige den Germanwings-Flug offensichtlich bewusst in eine Felswand gesteuert und damit 149 unschuldige Menschen mit in den Tod gerissen hat. Einen Abschiedsbrief oder ein Bekennerschreiben finden sie nicht.

Dafür entdecken die Ermittler eine zerrissene Krankschreibung in einem Papierkorb. Der Todespilot soll für den verhängnisvollen Flugtag krankgeschrieben gewesen sein. "Das stützt nach vorläufiger Bewertung die Annahme, dass der Verstorbene seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat", heißt es später in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft.

Auch bei der Durchsuchung des Elternhauses von L., die zeitgleich im rheinland-pfälzischen Montabaur stattfindet, sollen die Ermittler Papiere sichergestellt haben, die auf eine Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen hinweisen. Ein Junge aus der Nachbarschaft bestätigt den Verdacht, den auch die Kriminalbeamten haben. Andere Anwohner wollen hingegen nichts von einem psychischen Leiden gewusst haben.

An welcher Krankheit L. genau litt, ist noch nicht bekannt. Fest steht, dass er Patient an der Universitätsklinik Düsseldorf war. Dort soll er zuletzt am 10. März gewesen sein. Einer Kliniksprecherin zufolge war er aber nicht wegen Depressionen in Behandlung. Den Grund wollte sie mit Verweis auf die ärztliche Schweigepflicht nicht nennen. Seine Krankenakten sind der Staatsanwaltschaft übergeben worden.

L. hat in Düsseldorf wohl gemeinsam mit seiner Freundin gewohnt, einer Lehrerin an einer weiterführenden Schule. Auf dem Klingelschild der Wohnung stehen zwei Namen. Nach Informationen des "Focus" soll L. vor Wochen in einem Autohaus in der Nähe von Düsseldorf zwei neue Audi gekauft haben. Ein Wagen soll für ihn selbst, der andere für seine Freundin bestimmt gewesen sein. Eines der Autos soll erst in der vergangenen Woche an L. übergeben worden sein.

Matthias Albers ist ein erfahrenen Psychologe und Experte für Suizid an einer Kölner Psychiatrie. Er kann sich nicht erklären, wieso Andreas L. die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht haben könnte. "So eine Handlung ist auch für einen Selbstmörder extrem untypisch und kommt eigentlich nicht vor", sagt er. Wer so etwas tue, müsse schon lange eine Lebenskrise oder schwere Depressionen gehabt haben. So etwas mache man nicht aus dem Bauch heraus, nicht spontan. "Eigentlich müsste seinen Kollegen oder Freunden in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten etwas an ihm aufgefallen sein, zum Beispiel, dass er sich verändert hat in seinem Wesen." Nach Informationen der "Bild" soll Andreas L. bereits seine Pilotenausbildung unterbrochen haben, weil er unter psychischen Problemen litt. Demnach wurde er mehrfach wegen Depressionen in seinen Flugschulkursen zurückgestuft. 2009 soll bei ihm zudem eine "abgeklungene schwere depressive Episode" diagnostiziert worden sein. Etwa anderthalb Jahre soll er in Behandlung gewesen sein. Lufthansa-Chef Carsten Spohr wollte unter Verweis auf die Schweigepflicht nichts zu den Gründen für die Auszeit sagen.

Sein Elternhaus in Montabaur wird nach wie vor von der Polizei bewacht, auch in den Seitenstraßen des noblen Wohnviertels stehen Streifenbeamte. Die Sorge, dass sich die Wut über die Tat auf seine Familie projizieren könnte, ist groß. Wichtige Erkenntnisse über die Beweggründe erhofft sich die Staatsanwaltschaft auf dem Computer von Andreas L. zu finden, den die Ermittler in seinem Elternhaus sichergestellt haben. Die Fahnder wollen wissen, welche Seiten er im Internet besucht hat, ob er an speziellen Chats teilgenommen hat, in denen sich Suizidgefährdete austauschen. Die Ermittler schließen nicht aus, dass er in Foren mit Gleichgesinnten möglicherweise über seine Absichten und seine Gefühlswelt gesprochen haben könnte.

Die Nachbarn beschreiben Andreas L. als freundlichen Mann, der immer gegrüßt habe und hilfsbereit gewesen sei. "Er hat auf seine Gesundheit geachtet, Sport getrieben, nicht geraucht. Er war ein guter Kerl", sagt Johannes (23), der im Nachbarhaus wohnt. L. joggte in seiner Freizeit. Er nahm an Marathons teil, zum Beispiel am Sparkassen-Halbmarathon 2009 in Köln.

Am Düsseldorfer Stadtrand ist von Polizei nichts mehr zu sehen. Die Fernsehteams sind ebenfalls fast alle verschwunden. Einige wenige sind in ein nahegelegenes Waldstück ausgewichen, filmen Jogger, weil ja auch Andreas L. ein begeisterter Läufer war. Eine ältere Frau, die im Wald spazieren geht, meint sich sicher zu sein, ihn häufiger gesehen zu haben. "Er ist hier schon mehrfach vorbeigelaufen." Dann sagt sie das, was wahrscheinlich viele in dem Ortsteil denken: "Ich finde es unglaublich, dass hier bei uns ein Mörder wohnte. Das hätte ich niemals für möglich gehalten." Niemand hätte das für möglich gehalten. Nicht in Düsseldorf . Nicht in Montabaur . Nirgends.