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„Wie kostbar das Leben ist“

„Ein Wunder, dass ich noch lebe“: Ralf Braun alias Popeye in seinem Laden, in dem er Fahrräder repariert. Foto: Oliver Dietze
„Ein Wunder, dass ich noch lebe“: Ralf Braun alias Popeye in seinem Laden, in dem er Fahrräder repariert. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Partys, Drogen, Vollrausch: Über Jahre führt Ralf Braun alias Pop eye ein exzessives Leben. Nach dem Tod eines Freundes beschließt er, „reinen Tisch zu machen“ – und geht durch die Hölle des Entzugs. Heute führt er ein drogenfreies Leben und gibt seine Erfahrungen weiter. Von SZ-MitarbeiterMarc Prams

Tagelang haben Popeye und sein Kumpel Augustino durchgefeiert. 48 Stunden? 72 Stunden? Vielleicht länger. Speed, Kokain, Ecstasy und Wodka in Massen haben die Grenzen zwischen Tag und Nacht verwischt. Keine Pause, kein Limit - nur Party. Wie so oft. Irgendwann haben sie genug, verlassen den Club, machen sich auf den Heimweg. Pop eye ist müde, Augustino fühlt sich schlecht. Er muss sich übergeben. In seiner Wohnung wollen sich die beiden noch einen Drink genehmigen. Einen letzten. Popeye will schlafen. Seinem Kumpel geht es nicht gut. Der Körper macht schlapp. Wehrt sich gegen die Exzesse der letzten Tage.

Popeye setzt sich zu ihm, nimmt ihn in den Arm. Dann schlafen beide ein. Stunden später wacht Popeye auf. Augustino nicht. Er rüttelt ihn. Nichts. Sagt seinen Namen. Nichts. Immer und immer wieder versucht Pop eye, seinen Kumpel aufzuwecken. Ruft seinen Namen lauter, schüttelt ihn heftiger. Nichts. "Irgendwann habe ich dann gemerkt: Er ist tot."

Schon oft hat der 45-Jährige, der mit richtigem Namen Ralf Braun heißt, von seinem Leben erzählt und von diesem Tag vor zwölf Jahren. Dem Tag, der für ihn alles verändert hat. "Jeder fällt mal auf die Fresse, aber manche müssen erst richtig hart fallen, um zu merken, wie kostbar das Leben eigentlich ist. So wie ich", sagt Popeye mit ernster, fast trauriger Miene, die sonst selten bei ihm zu sehen ist. Locker, lustig - so kennen ihn seine Freunde, und so kennen ihn die Kunden in seinem kleinen Laden "Außergewöhnliche Räder". Dort steht Popeye heute tagtäglich, in einem Hinterhof in der Mainzer Straße in Saarbrücken, baut Räder zusammen, ist gerne bereit für ein Schwätzchen und freut sich, dass sein Laden "ganz okay läuft". "Vor allem die City-Cruiser kommen gut an", erzählt er. "Ich habe den Absprung geschafft. Hab' was gemacht aus meinem Leben", sagt Popeye stolz. Denn es hätte alles ganz anders kommen können. "Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe", gibt er zu. Eine Selbsteinschätzung, die nachvollziehbar ist, wenn man Popeyes Geschichte hört.

Schon während der Schulzeit auf einer katholischen Schule in Fraulautern macht er erste Erfahrungen mit Drogen. "Mit Alkohol hat es angefangen. So fängt es immer an. Alkohol ist immer die Einstiegsdroge", sagt er. Mit elf trinkt Popeye sein erstes Bier, mit 13 raucht er Marihuana. "Ich komme aus einem guten Elternhaus. Und so verrückt es sich anhört, dort hat nie jemand was bemerkt. Auch nicht in der Schule."

Nach dem Hauptschulabschluss lernt er Maler und Tapezierer, mit 18 Jahren bekommt er einen guten Job bei einem Automobilhersteller, wo er 22 Jahre arbeitet. Alles läuft in geregelten Bahnen. Ab und an wird auf Partys Speed gezogen, ab und an auch Kokain. "Ich wollte immer gut drauf sein. Spaß haben."

Wann genau aus "ab und an" regelmäßig wurde, kann er rückblickend nicht mehr sagen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt habe er mit seiner damaligen Freundin eher aus Langeweile Drogen genommen. Das war Mitte der 90er, als die Frankfurter Club-Szene das Eldorado für Techno-Anhänger war. Auch für Popeye, der unter der Woche seiner Arbeit im Saarland nachgeht und am Wochenende immer häufiger in Frankfurt unterwegs ist. Wochenende heißt für ihn: Party und Drogen. "Alk, Gras, LSD, Koks, Heroin hab ich auch gezogen. Nie gespritzt, aber gezogen. Sehr beliebt waren Cocktails aus Amphetaminen, Ecstasy, Koks und Wick-Medinait. Dann ging es richtig ab. Da ist man jenseits von Gut und Böse", erzählt er. Finanzieren kann er sein exzessives Leben mit dem Geld, das er im Schichtbetrieb verdient. Er mietet sogar eine kleine Wohnung in Frankfurt, taucht immer tiefer in die Szene ein und erlebt "Dinge, die ich nie mehr erleben will". Zu seinem Freundeskreis zählen Junkies und Dealer. Einmal schaltet er anonym das Jugendamt ein, als er bei einem Besuch bei Bekannten - beide auf Heroin - zwei verwahrloste Kinder im Laufstall vorfindet, umgeben von Müll und Fäkalien. "Ich habe so lange vor der Tür hinter einem Auto gewartet, bis Hilfe gekommen ist", erinnert sich Pop eye und gibt zu: "Klar war das schlimm und schockierend, aber dann bin ich nach Hause und habe selbst wieder was genommen. So ist das, wenn man auf Drogen ist. Dir ist alles scheißegal, du denkst im Endeffekt doch nur an dich." Dass er sein Doppelleben über all die Jahre aufrechterhalten kann, wundert ihn im Nachhinein selbst, aber es läuft. Bis zu jener Nacht vor zwölf Jahren. "Es kam endlich alles raus. Ich musste reinen Tisch machen, um mein altes Leben hinter mir zu lassen. Ich habe mir damals geschworen, mein Leben zu ändern. Und das war verdammt schwer."

Popeye begibt sich freiwillig in eine Klinik, macht einen Entzug. "Das ist die Hölle. 14 Tage dauert die körperliche Entgiftung. Dann geht der Wahnsinn erst richtig los: Depressionen und Paranoia. Man denkt oft, dass man es nicht schafft." Eine Therapie bricht er nach drei Monaten ab. "Das wurde mir einfach zu viel. Ich musste es alleine schaffen. Das war der einzig richtige Weg für mich. Das war mir damals klar." Aus der Therapie nimmt er etwas mit, das ihn bis heute anspornt. Es wird zu seinem Motto: "Man braucht immer ein Ziel vor Augen." Er sagt sich von seinem Umfeld los, kündigt später sogar den sicheren Job.

Enttäuscht sei er von seinen Kollegen gewesen, erzählt Pop eye. Nach seiner "Beichte" hätte man ihn gemieden. Mit Aushilfstätigkeiten hält er sich über Wasser. Seine Familie unterstützt ihn. Popeye zieht nach Saarbrücken und nimmt sich vor, den Kampf gegen Drogen auf seine Weise anzugehen. "Ich wollte meine Geschichte jungen Leuten erzählen. Mit meinen Worten. Von den Verlockungen der Drogen, von ihrer Macht, und wie sie dich runterziehen."

Sechs Jahre besucht er Schulen und Jugendclubs und unterstützt die Polizei bei einem Präventivprogramm. Bei seinen Vorträgen legt er sein Leben schonungslos offen und erhält viel positive Rückmeldung. "Ich denke, so etwas kommt bei jungen Leuten besser an als Flyer und Broschüren. Viele haben sich später bei mir gemeldet und sich bedankt. In Mails und Briefen. Und, ganz wichtig, es hat auch mir geholfen, das alles zu erzählen. Es war eine Art Selbsttherapie." In Schulen geht er zwar nicht mehr. "Keine Zeit. Ich hab' ja jetzt den Laden."

Doch ein neues Ziel hat er vor Augen. Er möchte seine Lebensgeschichte aufschreiben und ein Buch veröffentlichen. "Hinter den Gardinen" soll es heißen.


Zum Thema:

HintergrundDrogen werden unterteilt in biogene, halbsynthetische und synthetische Substanzen. Alkohol, Nikotin, Marihuana und auch Kokain zählen zur Gruppe der biogenen Substanzen. Sie werden überwiegend direkt aus Pflanzen oder Pilzen gewonnen. Als halbsynthetische Drogen bezeichnet man Substanzen, die aus natürlich vorkommenden Stoffen im Labor hergestellt werden können - Heroin aus Opium, LSD aus Mutterkorn. Synthetische Rauschmittel wie Speed, Ecstasy und Crystal werden ohne natürlichen Ausgangsstoff produziert. Cannabis ist laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung "die meistkonsumierte illegale Droge" in Deutschland. Danach folgen Ecstasy, Kokain und Heroin. Die Zahl der Drogentoten sank im vergangenen Jahr auf 944 Personen und damit auf den niedrigsten Stand seit 1988. Im Saarland gab es 2012 zwölf Rauschgifttote. red