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Amri-Attentat
Wie Feuerwehreinsatzleiter Kirstein das Attentat erlebte

Berlin. Von Sebastian HULD

Auf dem Weg zum schlimmsten Einsatz in seinen 25 Jahren als Feuerwehrmann lauscht Thomas Kirstein gebannt dem Funk. „Mehrere Tote, mehrere Schwerverletzte – schickt alles, was ihr könnt“, ruft jemand an diesem Abend in sein Funkgerät. Es ist der Einsatzleiter am Breitscheidplatz. Kirstein überlegt kurz, was vorgefallen sein könnte. Messerstecherei? Bandenkrieg? Alles unwahrscheinlich. Dann denkt er: „Jetzt ist es passiert.“


24 Minuten nach den ersten Notrufen erreicht Brandoberrat Kirstein um 20.28 Uhr den Weihnachtsmarkt rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Sein Verdacht verdichtet sich in diesen Minuten zur Gewissheit. Berlin wurde Ziel eines islamistisch motivierten Anschlags. Kirstein steht im Zentrum des Geschehens und koordiniert als zweiter Einsatzleiter die Arbeit der rund 150 Rettungskräfte. Viele wird das Erlebte über Monate nicht loslassen.

Kirstein trifft mit der zweiten Welle ein. Die ersten Sanitäter am Platz haben da schon die schwierigste Aufgabe hinter sich – das Sichten. Sie schreiten die 77 Opfer ab, die von einem 40 Tonnen schweren Lastwagen überrollt oder von den Trümmern der zerstörten Buden verletzt wurden. Eine weitere Verletzte wird erst gegen 21 Uhr gefunden.



Die Sanitäter sortieren für die nachfolgenden Retter: Wer braucht als erstes Hilfe? Die drängendsten Fälle sind nicht die, die noch die Kraft haben, vor Schmerzen zu brüllen. Elf Menschen sterben auf dem Breitscheidplatz, manche unter den Händen der machtlosen Sanitäter. Hinzu kommt der vom Attentäter Anis Amri erschossene Lastwagenfahrer Lukasz U. als zwölftes Todesopfer.

Auch erfahrene Rettungskräfte sind erschüttert. „Wir sehen im Alltagsgeschäft viele schlimme Dinge, aber halt nicht so gebündelt“, sagt Kirstein und ergänzt: „Der große Unterschied ist – da wollte jemand ganz bewusst möglichst viele Leute treffen.“ Doch Berlins Feuerwehr ist in Erwartung eines Anschlags vorbereitet.

Bei den Rettungskräften setzt schnell Routine ein. Sie tragen die Opfer in ein Zelt, geben Fusionen, priorisieren erneut und schicken die Verletzten nacheinander in Krankenwagen weg. Derweil ist unklar, ob womöglich ein zweiter Attentäter den Rettern auflauert – das sogenannte Zweitschlagszenario. Binnen 90 Minuten liegen alle Verletzten auf Operationstischen. „Besser hätte es nicht laufen können“, sagt Kirstein heute. Weil Berlin viele Krankenhäuser hat, werden viele Verletzte gerettet – und weil es vor Berlin andere Orte traf. Nach jedem großen Attentat fragte die Berliner Feuerwehr Kollegen in Brüssel, Paris und London nach ihren Erfahrungen.

Nach dem Wegbringen der Verletzten beginnt die Feuerwehr mit der Bergung der Leichen. Erstmals kehren die Feuerwehrleute nach ihrem Einsatz nicht zurück zu ihren Heimatwachen. Stattdessen kommen sie in der Feuerwache Moabit zusammen. Das Einsatznachsorgeteam erwartet dort ihre erschöpften Kollegen.

Kirstein spricht von „besonderen Eindrücken“, die es zu verarbeiten gelte. Vor dem ersten Jahrestag räumt der 41-jährige Kirstein ein: „Ich hatte zu knabbern.“ Mehr als an jedem anderen Einsatz. „Ich kann damit jetzt gut umgehen, die meisten anderen auch.“ Mehrere Dutzend Rettungskräfte nehmen weiterhin Gesprächsangebote wahr. Sie müssen auf die Möglichkeit eines weiteren Anschlags gefasst sein, Kirstein auch. Wie würde er reagieren? Er sagt: „Dann wuppen wir es halt wieder.“