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Wie eine Schnapsidee zum Aufreger des Sommerlochs wurde

DionysJobst
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Berlin. „Die Insel müssten wir eigentlich kaufen“, sagte CSU-Politiker Dionys Jobst vor 20 Jahren und meinte Mallorca, wo viele Deutsche gern Urlaub machen. Es war ein Scherz, doch am nächsten Tag stand es als Schlagzeile in der Zeitung. Von SZ-KorrespondentHagen Strauß

Ein Verbot des Ballermanns? Der aktuelle Plan des Vize-Bürgermeisters von Palma de Mallorca hat im Vergleich zu dem, was vor genau 20 Jahren für helle Aufregung sorgte, nur zu einem müden Rascheln im Blätterwald geführt. Damals, im Juli 1993, rannten die Leute vom Strand direkt zum Zeitungskiosk wegen der Schlagzeile: "Der verrückteste Vorschlag aus Bonn - Mallorca soll deutsch werden." Die Idee kam von Dionys Jobst, und noch immer klingt ein bisschen Stolz mit, wenn man mit dem heute 85-Jährigen über den größten Sommerloch-Coup aller Zeiten redet.

Es sei eigentlich Zufall gewesen, dass er "zum richtigen Zeitpunkt einen richtigen Treffer" gelandet habe, so Jobst zu unserer Zeitung. Am Anfang der Geschichte stand eine lustige Unterhaltung des damaligen CSU-Verkehrspolitikers mit einem Reporter der "Bild"-Zeitung. Irgendwann kamen beide auf Mallorca zu sprechen und dass die meisten Urlauber aus Deutschland dort hinfahren würden. Worauf Jobst scherzhaft anmerkte, "die Insel müssten wir eigentlich kaufen". Launig wurden dann ein paar Details besprochen, aus dem Stehgreif auch der Kaufpreis genannt: 50 Milliarden Mark! Oder aber das Urlaubsparadies müsse für 99 Jahre gepachtet werden. Vor Lachen klopften sich der Politiker und der Journalist auf die Schenkel. "Es war lustig - aber eben nicht ernst gemeint", so Jobst. Am nächsten Tag stand die Geschichte auf der Titelseite, seitdem wird von Mallorca als "17. Bundesland" gesprochen.

Manche Urlauber nahmen die Idee für bare Münze. Der damalige CDU-Generalsekretär Peter Hinze soll sauer gewesen sein, Kanzler Helmut Kohl blieb hingegen gelassen. Anrufe aus der ganzen Welt erreichten Jobst, aus New York, London, das spanische Königshaus schaltete sich ein. Besonders in Großbritannien ärgerte man sich, dass die Deutschen ihnen die auch bei Briten so beliebte Balearen-Insel wegnehmen wollten. Die "Sun" schrieb: "Wir kämpfen um jeden Liegestuhl." Es dauerte Wochen, bis Ruhe einkehrte und auch dem Letzten endlich klar wurde, was die Idee in Wahrheit war - eine Schnapsidee.

Jobst ist seitdem der "König des Sommerlochs". Denn nie wieder hat eine Geschichte für so viel Wirbel in der journalistisch "sauren Gurkenzeit" gesorgt. Weder die Einführung einer Vier-Tage-Woche für Pendler wegen hoher Spritkosten, die 2008 der Grüne Winfried Hermann forderte. Noch die Idee des CDU-Verkehrsexperten Gero Storjohann, Nummernschilder für Fahrräder einzuführen, da viele Radler "bei Rot über die Ampel" fahren würden. Nah dran an Jobst war nur CDU-Mann Philipp Mißfelder mit dem Vorschlag, gesetzliche Krankenkassen mögen der Generation 85 plus keine künstlichen Hüften mehr bezahlen. Oder der bayerische Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der 2006 vom "Problembär" Bruno in Turbulenzen gebracht wurde.

Inzwischen ist es ruhig an der politischen Sommerlochfront geworden, und das schon seit einigen Jahren. Vor der parlamentarischen Pause werden die Abgeordneten regelmäßig von ihren Fraktionsführungen gewarnt, doch bitteschön keine Gastrollen in irgendeinem Sommertheater zu übernehmen. Viele halten sich daran. Außerdem gibt es die nachrichtenarme Zeit so gut wie gar nicht mehr - das Sommerloch fällt regelmäßig wegen Ernsthaftigkeit aus. In diesem Jahr: Eurokrise, Drohnendebakel, Spähaffäre, Wahlkampf. Da bleibt wenig Platz für Spinnereien.