| 21:02 Uhr

Lehman-Pleite
Der Tag, der die Welt bis heute prägt

Panik in Chicago: Den Mitarbeitern der größten Optionsbörse der Welt, der CME Group, stand am 15. September 2008 das Entsetzen über die fallenden Aktienkurse ins Gesicht geschrieben.
Panik in Chicago: Den Mitarbeitern der größten Optionsbörse der Welt, der CME Group, stand am 15. September 2008 das Entsetzen über die fallenden Aktienkurse ins Gesicht geschrieben. FOTO: AP / M. Spencer Green
New York. Einer der größten Finanzmarktschocks der Wirtschaftsgeschichte jährt sich zum zehnten Mal: Am 15. September 2008 ging die US-Bank Lehman Brothers pleite – mit verheerenden Folgen. dpa

Das Unheil schlich sich auf leisen Sohlen an – selbst von Fachleuten wurde es unterschätzt. Alles sieht im Frühjahr 2007 zunächst nach einer auf die USA begrenzten Krise des dortigen Immobilienmarkts aus. Doch dann rauschen sie durch die Medien: die Bilder von Bankern, die ihre Sachen packen und mit Kartons das Hochhaus verlassen.


An diesem Samstag, 15. September, vor zehn Jahren erschütterte der Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers die Finanzmärkte und brachte die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs. „Den 15. September 2008 werde ich niemals vergessen“, sagt Chefvolkswirt Jörg Krämer von der Commerzbank. Der Tag steht für eines der schwärzesten Kapitel der Wirtschaftsgeschichte: Millionen Menschen werden arbeitslos, viele verlieren ihre Eigenheime oder Ersparnisse und werden in die Armut gedrängt. Die Folge sind tiefe gesellschaftliche Risse, denn während verantwortliche Manager kaum belangt werden, zahlt die breite Bevölkerung die Zeche. Die Wut darüber bereitet radikalen politischen Strömungen den Boden.

Wie konnte es so weit kommen? „Lehman war keine besonders große Bank, doch sie hätte beinahe das globale Finanzsystem in den Abgrund gezogen“, erklärt Experte Harold James von der Universität Princeton. Mit vielen Töchtern und Zweckgesellschaften sei Lehman typisch für das Dickicht der Finanzmärkte gewesen, in dem faule Immobilienkredite zu toxischen Wertpapieren verpackt und – mit dubiosen Gütesiegeln großer Ratingagenturen versehen – weltweit bei Investoren platziert werden. Als die Preise am US-Häusermarkt sinken und die Hypotheken der heillos überschuldeten Eigenheimer wertlos werden, entsteht der Flächenbrand. Die Hypothekenmarktkrise wächst sich zu einer Bankenkrise aus. Großbanken berichten weltweit von Milliardenverlusten. Im September erklärt die Investmentbank Lehman Brothers ihre Insolvenz und wird nicht vom Staat gerettet. Wachsende Verwerfungen lassen den lebenswichtigen Geldstrom innerhalb des Finanzsektors versiegen. Banken trauen einander nicht mehr über den Weg. Zentralbanken pumpen Milliarden in die Märkte und senken die Leitzinsen drastisch. Erstmals treffen sich die Staats- und Regierungschefs der führenden Wirtschaftsnationen (G20) in Washington. Sie wollen die den Absturz verhindern und beschließen einen umfassenden Plan zur Neuordnung der Finanzmärkte.



Auch bei der Kreditvergabe klemmt es. Praktisch alle wichtigen Volkswirtschaften stürzen in eine Rezession. Milliardenschwere Konjunkturpakete werden aufgelegt. Weil Niedrigzinsen nicht die erhoffte Wirkung zeigen, überschwemmen Notenbanken die Welt immer mehr mit Geld, indem sie in beispiellosem Ausmaß Anleihen kaufen. Die Folgen der Rezession – wegbrechende Steuereinnahmen, explodierende Arbeitslosigkeit, steigende Sozialausgaben und Rettungsmilliarden für Banken – belasten die Staatshaushalte besonders in den schwächeren Volkswirtschaften des Euroraums. Investoren verlieren das Vertrauen, dass Krisenländer wie Griechenland ihre Schulden zurückzahlen können. In kurzer Folge müssen auch für Portugal, Irland und Zypern internationale Hilfsprogramme aufgelegt werden – jeweils gegen strenge Reform- und Sparauflagen. Spanien erhält Milliardenhilfen zur Sanierung seines Bankensystems.

Doch all das reicht nicht, um die Euro-Schuldenkrise beizulegen – bis EZB-Präsident Mario Draghi im Juli 2012 ein Machtwort spricht: Die Europäische Zentralbank werde alles tun, um den Euro zu retten („Whatever it takes“). Die EZB beschließt, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenländern zu kaufen – ein heftig umstrittenes Programm, das jedoch nie zum Einsatz kommt. Allerdings kauft die EZB bis heute für etliche Milliarden Staatsanleihen – und hält die Zinsen voraussichtlich bis weit ins nächste Jahr auf dem aktuellen Rekordtief.

„Alles in allem sind Banken heute stabiler“, befindet EZB-Chef Draghi heute, zehn Jahre später. Und in der Tat: Die Banken müssen heutzutage mehr Eigenkapital haben, sie können also nicht mehr so stark wie früher auf Kredit zocken. Nach Einschätzung von Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Sylvie Matherat ist die Finanzwelt zehn Jahre nach der Lehman-Pleite deutlich stabiler. Sie glaube nicht, dass sich ein solcher Fall wiederholen könne. Commerzbank-Chefökonom Krämer ist da etwas skeptischer. Die Bankenaufseher hätten in Europa zwar Konsequenzen gezogen. Dennoch würden die Notenbanken nach wie vor Übertreibungen an den Finanzmärkten durch lockere Geldpolitik begünstigen. „Ein weiteres Risiko, das auch zehn Jahren nach der Lehman-Pleite nicht gelöst ist, ist der schlechte Zustand der öffentlichen Finanzen in vielen Ländern der Währungsunion.“ So seien die Staatsschulden mit Ausnahme von Deutschland und Malta in allen Euroraum-Ländern höher als vor dem Kollaps. „In Italien, Spanien und Griechenland sind sie sogar deutlich höher als 2009 vor Ausbruch der Staatsschuldenkrise.“

Auch der Blick in die USA gibt wenig Anlass zum Aufatmen: Die Regierung von Donald Trump ist schon wieder dabei, die Gesetze aus der Obama-Ära zu lockern, die beschlossen worden waren, um die Finanzmärkte zu regulieren.

Der ehemalige Sitz von Lehman Brothers in New York: Mitarbeiter der US-Bank tragen im September 2008 ihre Habseligkeiten aus dem Gebäude.
Der ehemalige Sitz von Lehman Brothers in New York: Mitarbeiter der US-Bank tragen im September 2008 ihre Habseligkeiten aus dem Gebäude. FOTO: AP / Mary Altaffer
Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi.
Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi. FOTO: dpa / Arne Dedert