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Wie das Treffen mit dem Diplomaten zustande kam

Berlin. Worte wie „Diktatur“ oder „isoliertes Land“ waren verboten. Ansonsten verlief das SZ-Interview mit dem nordkoreanischen Botschafter lockerer als erwartet. Ri Si-Hongs Auftrag lautet, für Entspannung zu werben. kol/vet

Mitte Januar ist Ri Si-Hong zu einer Botschafterkonferenz von Berlin nach Pjöngjang gereist. Es blieb damals unklar, ob Nordkorea seine Diplomaten seinerzeit alle nach Hause beorderte, um die Säuberungen auch unter ihnen fortzusetzen. Denn im Dezember war der Onkel des derzeitigen Machthabers Kim Jong-Un, Jang Song-Thaek, hingerichtet worden - zusammen mit etlichen "Komplizen" und angeblich auch seiner kompletten Familie. Jang wurde vorgeworfen, einen Umsturz geplant zu haben. Ri aber kehrte wohlbehalten zurück, mit einem ungewöhnlichen Auftrag im Gepäck. Er sollte ein Interview geben. Für die "Entspannungsinitiative" des "Nationalen Verteidigungskomitees" und gegen die bevorstehenden südkoreanisch-amerikanischen Frühjahrsmanöver. Ri wurde damit Teil einer "Charme-Offensive", die nach Einschätzung von Beobachtern womöglich nur als Vorwand für umso schärfere militärische Drohgebärden herhalten muss, falls das Manöver trotzdem stattfindet. Auch die Botschafter in London und Peking gaben letzte Woche Interviews.

Ri Si-Hong suchte nun von sich aus zum ersten Mal den Kontakt zur deutschen Presse. Nur einmal war bisher über ihn berichtet worden - als er in Berlin an der Havel ohne Angelschein angelte und dabei erwischt wurde. Aktuelle Fotos von ihm gab es nicht. Die Botschaft machte in den Vorgesprächen zur Bedingung, dass nur Fragen zum Vorstoß des Verteidigungskomitees gestellt werden dürften und dass Worte wie "Diktatur" oder "isoliertes Land" nicht vorzukommen hätten. Außerdem seien die Fragen vorher schriftlich einzureichen. Allerdings war der Gesprächsverlauf dann viel freier und der Botschafter gab sich entspannt. Sein sehr gut deutsch sprechender Stellvertreter übersetzte - korrekt, wie ein externer Dolmetscher anhand des Tonbands hinterher feststellte. Auf eine Prüfung des ausgeschriebenen Interviews verzichtete Ri. Er vertraue der Presse.

Das Treffen fand in der Botschaft im Berliner Stadtzentrum statt. Zu DDR-Zeiten arbeiteten hier über 100 Diplomaten, jetzt nur noch 15. Einen Teil des Komplexes hat Nordkorea an ein stark frequentiertes Hotel für Rucksacktouristen vermietet. An den Wänden des Empfangszimmers der Mission hängen Bilder des "großen Führers" Kim Il-Sung und des "geliebten Führers" Kim Jong-Il, Großvater und Vater des jetzigen Machthabers. Der Botschafter und sein Stellvertreter trugen diese Köpfe auch als Anstecker an ihren Revers. Kim Jong-Un, so war zu erfahren, hat diese Art des Personenkults für sich verboten. Noch.