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Nach der Katastrophe von Genua
Wie sicher sind die Brücken in Deutschland?

Hier besteht dringend Handlungsbedarf: Die Fechinger Talbrücke an der A 6 soll bis 2030 abgerissen und neu gebaut werden.
Hier besteht dringend Handlungsbedarf: Die Fechinger Talbrücke an der A 6 soll bis 2030 abgerissen und neu gebaut werden. FOTO: BeckerBredel
Berlin . Auch hierzulande sind viele Konstruktionen alt, baufällig und großen Belastungen ausgesetzt. Die Fechinger Talbrücke an der A 6 ist kein Einzelfall. dpa

Ein Brückenunglück wie in Genua ist für Ingenieure in Deutschland schwer vorstellbar. Das heißt aber nicht, dass alles in Ordnung wäre. Ein Überblick.


Wie ist der Zustand von Brücken in Deutschland?



Auf deutschen Bundesstraßen und Autobahnen gibt es laut Bundesanstalt für Straßenwesen knapp 40 000 Brücken. An Autobahnen gilt ihr Zustand jedoch nur bei rund zehn Prozent als gut oder sehr gut. Der größte Teil wird mit befriedigend oder noch ausreichend eingestuft. Zwölf Prozent sind offiziell mit „nicht ausreichend“ bewertet, zwei Prozent erhielten sogar ein „ungenügend“. Das besage aber nicht, dass die Brücke einsturzgefährdet sei, heißt es vom Verkehrsministerium. Es könne aber bedeuten, dass Stäbe fehlten oder es Schlaglöcher gebe.

Gibt es regionale Unterschiede?

Laut Landesstraßenbaubehörden gibt es beim Zustand der Brücken einen Ost-West-Unterschied. Die meisten Schäden sind im Saarland und in Hamburg bekannt, die wenigsten in Thüringen und Sachsen.

Was ist im Saarland bekannt?

Im Saarland hat vor allem der Fall der Fechinger Talbrücke für Schlagzeilen gesorgt. Sie wurde im Frühjahr 2016 von einem Tag auf den anderen komplett gesperrt, weil die Pfeiler der Belastung durch den schweren Lkw-Verkehr nicht mehr standzuhalten drohten. Nach sieben Wochen konnten wieder Fahrzeuge unter 3,5 Tonnen darüber fahren. Nach sieben Monaten wurde sie auch für den Lkw-Verkehr wieder freigegeben. Um einen Neubau – parallel neben der alten Brücke – kommt das Land trotzdem nicht herum. Bis 2030 soll die Talbrücke, die in den 60ern erbaut wurde, abgerissen und dann neugebaut werden.

Wie gut werden Brücken in Deutschland überwacht?

Laut Bundesverkehrsministerium gibt es alle sechs Jahre eine Hauptprüfung. Alle drei Jahre nach einer Hauptprüfung erfolge eine einfache Prüfung. Besichtigungen fänden im jährlichen, Beobachtungen im halbjährlichen Rhythmus statt.

Und wenn das nicht ausreicht?

Dann gibt es Nachbesserungen. Damit können zum Beispiel Geschwindigkeitsbegrenzungen, Fahrspur-Einengungen, Gewichtsbeschränkungen und auch mal vorübergehend eine Stillegung für Sanierungsmaßnahmen gemeint sein. Der ADAC listet auf, dass allein in Berlin mehr als 70 Brücken in einem derart schlechten Zustand sind, dass sie dringend saniert oder neu gebaut werden müssten. In vielen anderen Städten bestehe ebenfalls dringend Handlungsbedarf.

Was sind Gründe für die Mängel?

Viele Brücken seien 40 bis 60 Jahre alt, sagt Prüfingenieur Tiedemann. Häufig wurden Spannbetonkonstruktionen gebaut. Mit dem Alter verschlechtert sich das Material. Seit 1980 verfünffachte sich allein die Gütertransportleistung auf der Straße. Mit rund 44 Tonnen sind manche Lkw heute doppelt so schwer wie in den 50er Jahren.

Was tut die Politik gegen „Problembrücken“?

Das Verkehrsministerium hat die Investitionen für die Erhaltung der Bundesfernstraßen aufgestockt. Für das Jahr 2018 stehen 3,9 Milliarden Euro bereit, die in der Finanzplanung bis 2022 auf rund 4,4 Milliarden Euro im Jahr anwachsen. Davon sollen in diesem Jahr rund 1,4 Milliarden Euro in die Brückenerhaltung fließen.