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Pallotti-Förderschule in Neunkirchen
Wenn Schule ohne Schema F funktioniert

Gemeinsames Frühstück in der Pallotti-Schule Neunkirchen. Mit dabei: Lehrerin Gabi Wahrheit und Sonderpädagogin Nadine Schönecker.
Gemeinsames Frühstück in der Pallotti-Schule Neunkirchen. Mit dabei: Lehrerin Gabi Wahrheit und Sonderpädagogin Nadine Schönecker. FOTO: Thomas Seeber
Neunkirchen. Obwohl im Saarland die Inklusion in der Bildung gilt, gibt es weiter Förderschulen. Das ist nötig und auch gut so, heißt es in der Pallotti-Schule Neunkirchen. Ein Besuch. Von Ute Kirch
Ute Kirch

Es ist auffallend still im Klassenzimmer. Neben Arbeitsmaterialien stapeln sich in einer Ecke Hulahoop-Reifen und Gymnastikbälle, gegenüber liegen Lego-Steine. Während Lena (Namen aller Schüler geändert) überlegt, welche der Wörter „morgens, glücklich, matt“ ein „Wie-Wort“ sind, knobelt Luca an einer Mathe-Aufgabe „Was ist die nächste Zehnerzahl?“. Philipp spült am Waschbecken die Teller ab, die seine Klasse beim Frühstück benutzt hat. Lehrerin Katharina Becker läuft zwischen ihren acht Schülern hin- und her – jeder arbeitet an für seinen Wissensstand ausgewählten Aufgaben – unterstützt und hilft bei Fragen. Sind das wirklich die Schüler mit sozial-emotionalem Förderbedarf, über die seit Monaten diskutiert wird? Über die viele Lehrer in Brandbriefen klagen, sie machten den Unterricht unmöglich und trieben mit ihrer aggressiven Art Lehrer an ihre Belastungsgrenze?


„Ja, es sind diese Kinder. Wir geben ihnen hier den überschaubaren Rahmen und die Struktur, die sie benötigen, um den Schulalltag zu bewältigen“, sagt Agnes Schaadt-Lentes, Leiterin der privaten Pallotti-Schule in Neunkirchen, einer der vier Förderschulen für sozial-emotionale Entwicklung, die Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse aufnimmt. 26 Lehrer kommen auf 150 Schüler, darunter nur zehn Mädchen. Viele der Kinder haben eine Odyssee an Regelschulen hinter sich. Dort hielten sie sich nicht an Regeln, beleidigten, schlugen, bissen Mitschüler und Lehrer, randalierten, verweigerten den Unterricht.

Probleme mit Gewalt gebe es aufgrund der festen Strukturen an der Pallotti-Schule selten. „Die Schüler merken, dass ihr Fehlverhalten Konsequenzen hat. Für Klärungen wird sich viel Zeit genommen“, sagt Schaadt-Lentes, „Kinder suchen Struktur. Viele wollen im Grunde nur wahrgenommen werden und sagen mit ihrem Verhalten: Zeig mir, wo meine Grenzen sind. Wenn sie außer Rand und Band sind, tun sie das nicht aus Böswilligkeit. Wenn sie schreien, fordern sie das ein, was sie brauchen, nämlich Halt. Das können wir verstehen“, sagt die Schulleiterin. Viele ihrer Schüler haben zusätzlich einen Förderbedarf „Lernen“. „Diese Schüler gehen an Regelschulen leicht unter, denn sie fallen nicht immer durch schlechtes Verhalten auf.“



Ob Schulküche oder Werkraum, Sportplatz, Schwimmbad, Kletterwand, Mountainbike-Trail oder ein Tonstudio mit Instrumenten – die Pallotti-Schule, deren Trägerschaft vor einigen Jahren von der Ordensgemeinschaft der Pallottiner auf die katholische Marienhaus-Stiftung übergegangen ist, – bietet ihren Schülern in kleinen Lerngruppen viel. „Unsere Schüler brauchen eine Lernumgebung, die sie motiviert, sei es Musik oder Sport“, sagt Schaadt-Lentes. Aber auch Spiritualität sei wichtig. „Gemeinsam gefeierte Gottesdienste vermitteln ein Gefühl von Gemeinschaft und Miteinander.“ Konfession spiele dabei keine Rolle. Ohne das Engagement ihres Kollegiums ginge das ganze Angebot nicht, betont die Leiterin. Jeder Lehrer bringe sich auch außerhalb seiner Dienstzeiten ein. So finden bei Bedarf Elterngespräche auch mal abends statt.

Nachdem im Saarland 2015 die Inklusionsverordnung in Kraft trat, wonach alle Kinder zunächst als Regelschüler betrachtet werden und Eltern einen Extra-Antrag auf den Besuch der Förderschule stellen müssen, sei die Zahl der Erstklässler an der Pallotti-Schule zunächst zurückgegangen. Dafür seien vermehrt Kinder erst nach der zweiten oder dritten Klasse gekommen, wenn es an der Regelschule nicht geklappt habe. „Viele müssen erst mal die Grundregeln, die für den Schulbesuch wichtig sind, lernen“, sagt Schaadt-Lentes. Zum Beispiel auf dem Stuhl sitzen zu bleiben und sich zu melden.

Inzwischen kämen wieder mehr Erstklässler. Weil sich bei Eltern herumgesprochen hat, dass die Inklusion nicht immer so reibungslos funktioniert, wie ihnen versprochen wurde? Das Thema ist heikel, weiß die Rektorin. „Auch wir sind offen für Inklusion. Aber wenn der Regelschulbetrieb an Grenzen stößt, darf sie auch nicht auf Biegen und Brechen durchgesetzt werden“, sagt Schaadt-Lentes. Damit die Inklusion an Regelschulen gelinge, müsse es zum Beispiel durchweg eine Doppelbesetzung von Klassen geben, Lehrer schon während des Studiums auf individuelle Schülerbedürfnisse vorbereitet werden. „Zudem brauchen Schulen auch pädagogische Freiheiten, damit sie für die jeweiligen Bedürfnisse ihrer Schüler passende Konzepte entwickeln können.“

Doch eine Lösung für alle Kinder sieht sie darin nicht: „Selbst wenn alle Regelschulen optimal ausgestattet wären, wird es immer Kinder geben, die ein ,Geheischnis’ in Form eines kleinen, überschaubaren, fast familiären Rahmen brauchen“, plädiert sie für den Erhalt der Förderschulen. Wenn sie Äußerungen von Interessenverbänden für Menschen mit Behinderung liest, Schulen wie ihre verstießen gegen die Menschenrechte, lässt sie das kopfschüttelnd zurück: „Dieser Satz verletzt mich. Diese Stimmung gegen Förderschulen ist nicht in Ordnung. Wir separieren die Kinder nicht. Wir inkludieren sie in dem Rahmen, der ihnen gut tut“, sagt sie. So nähmen die Pallotti-Schüler auch an Sportwettkämpfen, den Schultheater-Tagen oder dem „Trialog der Kulturen“ teil. Ein von Schülern entworfenes Brettspiel im Luther-Jahr gewann bundesweit den zweiten Platz und die Schüler reisten zur Preisverleihung nach Dresden. Es gibt Kooperationen mit Künstlern, Vereinen und den saarländischen Theatern. „Das große Ziel auch in Förderschulen ist die Verselbständigung der Kinder, sie steht über allem. Wir wollen sie hier nicht in einer Oase verwahren“, sagt die Rektorin.

Aber die teilweise öffentlich ablehnende Stimmung mache es manchen Eltern mitunter schwer, sich für diese Schulform zu entschieden. „Eltern saßen schon voller Sorgen bei mir im Büro, weil sie den Eindruck hatten, versagt zu haben und dass ihr Kind nun keine Chance mehr habe. Wenn sie sehen, wie es sich dann bei uns entwickelt und nicht mehr der Störenfried der Klasse ist, sind sie häufig überrascht und erleichtert.“ Inzwischen gebe es eine Warteliste für die Schule.

„Leistungsmäßig wären die Kinder häufig zu viel mehr in der Lage. Viele könnten die mittlere Reife schaffen, manche sogar das Abitur. Aber ihre Lebensumstände, die sich in ihrem Verhalten spiegeln, stehen ihnen im Weg“, sagt Schaadt-Lentes. Doch am Verhalten lasse sich arbeiten, vor allem wenn die Eltern zur Mitarbeit gewonnen werden. Im optimalen Fall haben die Kinder nach der Grundschulzeit das nötige Selbstbewusstsein und Sozialverhalten, um an eine Regelschule zu wechseln. „Das gelingt auch. Je früher die Kinder zu uns kommen, desto wahrscheinlicher ist eine Rückkehr“, sagt die Rektorin.

Aber auch im Pallotti-Haus gibt es kein Schema F, nach dem alles funktioniere. „Es ist nicht so, dass ein Kind zu uns kommt und in einem halben Jahr sind alle Probleme gelöst“, sagt sie. Oft dauere es mehrere Jahre, in denen die Schüler im Pallotti-Haus leben, einem Zentrum für Erziehungshilfe. Rund 150 Mitarbeiter – vom Koch bis zum Erzieher – arbeiten hier. In Wohngruppen von neun Kindern werden sie rund um die Uhr an fünf oder sieben Tagen betreut. Manche Kinder bleiben nach der Schule in Tagesgruppen und fahren abends nach Hause. Ältere Schüler sind in Wohngruppen in der näheren Umgebung untergebracht.

„Unser Geheimnis ist, dass Schule und Jugendhilfe sehr gut miteinander vernetzt sind“, sagt der pädagogische Leiter des Pallotti-Hauses, Sozialpädagoge Andreas Jung. „Und dass wir auf Augenhöhe miteinander reden“, ergänzt Agnes Schaadt-Lentes. Schule und Jugendhilfe vereine das Ziel, Eltern und Kinder zu stärken, um die Kinder möglichst verantwortet in ihre Familien zurückzuführen.

Woran es liegt, dass Kinder derart verhaltensauffällig sind, dass sie an der Regelschule scheitern, darauf hat das Kollegium keine eindeutige Antwort. Einige Lehrer führen es auf einen Werteverlust in der Gesellschaft zurück. Auch Überforderung in der Erziehung oder Traumata seien Gründe.„Wir setzen uns für jeden Schüler ein und versuchen, individuelle und passgenaue Unterstützung zu geben“, sagt Schaadt-Lentes. Zum Beispiel für Marwin. Sein Tisch steht in der Ecke einer Klasse – etwas abseits seiner Mitschüler. „Die Arbeit in der Kleingruppe überfordert den Achtjährigen noch“, sagt Lehrerin Katharina Becker. „Bis er die Nähe zu anderen Kindern besser aushalten kann, wird es noch dauern.“

Schulleiterin  der Palottischule Neunkirchen.
Schulleiterin der Palottischule Neunkirchen. FOTO: Thomas Seeber