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Wenn Ostern bloß noch ein Hasenfest ist "Die missionarische Aggressivität ist verwunderlich"

Trier/Mainz. Auf dem Kopf hatten sie Hasenohren, in der Hand ein Glas Sekt, im Gesicht ein breites Grinsen. So haben zehn Austrittswillige am Gründonnerstag vor dem Trierer Standesamt der Kirche den Rücken gekehrt und die Blicke der Passanten auf sich gezogen Von epd-Mitarbeiterin Jasmin Maxwell und dpa

Trier/Mainz. Auf dem Kopf hatten sie Hasenohren, in der Hand ein Glas Sekt, im Gesicht ein breites Grinsen. So haben zehn Austrittswillige am Gründonnerstag vor dem Trierer Standesamt der Kirche den Rücken gekehrt und die Blicke der Passanten auf sich gezogen. Zu der Aktion aufgerufen hatten die "Evolutionären Humanisten Trier", eine Hochschulgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS). Das Ziel: den kirchlichen Einfluss in der Gesellschaft abbauen.Die Trierer Veranstaltung war Teil der bundesweiten Aktion "Austritt zum Hasenfest - kollektiver Kirchenaustritt Ostern 2012". Auch in Mainz, Wiesbaden, Limburg, München und Mannheim versammelten sich Kirchenkritiker, um gemeinschaftlich aus der Kirche auszutreten.



Zu den Initiatoren gehören unter anderem das Online-Magazin Ficko und die Regionalgruppe Mainz/Rheinhessen der GBS. Bereits im vergangenen Jahr hatten sie in Mainz zum Kirchenaustritt aufgerufen, damals machten etwa 30 Menschen mit. "Das war eher eine spontane Facebook-Aktion", sagt Thorsten Barnickel, zweiter Vorsitzender der GBS. Barnickel ist mit 16 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Besonders die Ungleichbehandlung von Mann und Frau und die Ablehnung von Homosexualität störten den 33-Jährigen.

Viele junge Menschen seien zwar als Getaufte Kirchenmitglieder, hätten sich aber durch ihre Lebenspraxis und Überzeugungen weit von der christlichen Lehre entfernt, findet Barnickel. "Sie sollten konsequent sein und austreten." Die Aktion sei "eine Möglichkeit, nicht nur für sich im stillen Kämmerlein auszutreten, sondern ein politisches Statement zu setzen".

Die Hasenfest-Initiatoren setzen bewusst auf Provokation. "Bislang gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung ein Missverhältnis", findet Barnickel. Die Kirchen seien etwa in den Medien sehr präsent. "Ein Drittel aller Deutschen sind konfessionslos, sie würden aber nie ein Zeitfenster im Radio zur besten Sendezeit bekommen", kritisiert er.

Eine intensive Auseinandersetzung mit Kirchenkritikern empfiehlt Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. "Der Dialog mit Atheisten ist eine Aufgabe, bei der die Kirchen noch am Anfang stehen." Sie müssten sich damit auseinandersetzen, dass immer mehr Menschen dem Thema Religion mit großer Distanz gegenüberstünden. Mit ihnen müsse man ebenso ins Gespräch kommen wie mit Vertretern atheistischer Verbände. "Wenn aber diese Verbände die Meinung vertreten, dass religiöses oder gläubiges Bewusstsein krankhaft ist, dann ist ein Dialog schwierig", schränkt der Theologe ein.



Thorsten Barnickel betont, er sei offen für eine Diskussion mit den Kirchen. Ohnehin glaubt er nicht, mit dem auf Spaß ausgerichteten Hasenfest überzeugte Christen ansprechen zu können. Barnickel sagt: "Wir freuen uns, wenn wir die komplexeren Beweggründe für den Kirchenaustritt außerhalb der Spaßaktion erklären können." Dann auch gerne ohne Hasenkostüm.Foto: B&B

Herr Weyer, was denken Sie über den Aufruf zum kollektiven Kirchenaustritt?

Weyer: Grundsätzlich hat jeder in Deutschland die Freiheit, das zu tun oder zu lassen, was er für richtig hält. Wir sind kein Staat, der von einer Religionsgemeinschaft dominiert ist. Für mich ist es aber verwunderlich, mit welch missionarischer Aggressivität hier vorgegangen wird. Wir als Christen haben schon seit Langem von solchen Methoden Abstand genommen, und es ist befremdlich, dass das jetzt von anderer Seite her geschieht.

Ein Argument der Kritiker ist, dass sich viele Kirchenmitglieder von der christlichen Lehre entfernt haben und deshalb austreten sollten. Sehen Sie diese Entfremdung nicht auch?

Weyer: Die Aktion ist sicher auch ein Auftrag an die Kirchen, dafür zu sorgen, dass die Bindung nicht verloren geht. Wir sehen mit Sorge, dass vielen Menschen Kirche eigentlich nicht so wichtig ist. Daher müssen wir uns auch fragen, was wir falsch gemacht haben.

Wie belastend sind für Sie Kirchenaustritte?

Weyer: Jeder Austritt schmerzt. Nicht wegen des Geldes, sondern vor allem, weil ich der Meinung bin, dass Kirche wichtig ist für die Gesellschaft, zum Beispiel wegen der vielen sozialen Einrichtungen, die wir mitfinanzieren. Auch ist die Kirche als Gemeinschaft wichtig, weil sie Menschen Halt und Orientierung gibt.

Was folgt perspektivisch aus der Vielzahl von Kirchenaustritten?

Weyer: Was uns derzeit noch mehr zu schaffen macht, ist der demografische Wandel. Der macht etwa zwei Drittel unserer Probleme aus, die Austritte etwa ein Drittel. Die Folge ist, dass wir darüber nachdenken müssen, welche Einrichtungen und Angebote wir noch aufrechterhalten können. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass sich die Mentalität verändert, dass die Kirche sich aus der Mitte der Gesellschaft verabschiedet. Das ist aber nicht unser Weg. Wir haben uns klare Ziele gesetzt: Wir wollen eine Volkskirche sein und bleiben - im Volk und für das Volk.

Christian Weyer
Christian Weyer