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Tag für gewaltfreie Erziehung
Wenn Mama und Papa schlagen, treten und beißen

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Berlin. Kinder in Deutschland haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Daran erinnert heute ein Gedenktag. Aber die Realität sieht anders aus. Von Anja Sokolow

Eltern, die ihren Kleinkindern Zigaretten auf dem Po ausdrücken, um sie zur Sauberkeit zu „erziehen“. Eltern, die ihre Kinder beißen, mit Gürteln schlagen, treten, sie an Heizkörpern oder auf Herdplatten verbrennen. Kinder mit blauen Flecken an ungewöhnlichen Stellen. All das hat Sylvester von Bismarck schon erlebt.


Seit 18 Jahren haben Kinder in Deutschland ein gesetzlich festgeschriebenes Recht darauf, ohne körperliche oder psychische Bestrafung aufzuwachsen. Am heutigen Montag erinnert der Tag für gewaltfreie Erziehung daran, dass selbst der kleine Klaps auf den Po verboten ist. „Das ist leider noch nicht überall angekommen“, sagt von Bismarck, der gemeinsam mit Rainer Rossi die Kinderschutzambulanz im Vivantes-Klinikum Berlin-Neukölln leitet – und es meist mit deutlich schwereren Fällen zu tun hat.

Das wissen alle, während sie in einem Behandlungszimmer der Ambulanz auf den nächsten Patienten warten. Die Anspannung ist spürbar. Kaum jemand sagt etwas. Koordinatorin Susanne Rother und ihre Kolleginnen warten auf einen kleinen Jungen. „Man weiß nie, was kommt“, sagt Rother. Fast täglich untersucht sie mit ihrem Team verletzte Mädchen und Jungen. Die Experten versuchen herausfinden, ob die eigenen Eltern für eine Verletzung verantwortlich sind.



Sylvester von Bismarck, Ärztliche Leitung der Kinderschutzambulanz Neukölln.
Sylvester von Bismarck, Ärztliche Leitung der Kinderschutzambulanz Neukölln. FOTO: dpa / Christophe Gateau

Etwa 150 Kinder und ihre Eltern schicken die Jugendämter und andere Institutionen jährlich in die Neuköllner Ambulanz. Bundesweit gibt es verschiedene andere Kinderschutz-Zentren. In Neukölln können die Experten in jedem fünften Fall sicher sagen, dass Verletzungen zugefügt wurden. In 60 Prozent der Fälle bleibt die Herkunft der Wunden unklar. Bei weiteren 20 Prozent können sie die Eltern entlasten. „Manchmal können die Eltern glaubhaft machen, dass das Kind mit einer schweren Kopfverletzung tatsächlich vom Wickeltisch gefallen ist“, sagt Leiter Rainer Rossi.

Gewalt gebe es in allen Schichten. „Besonders hoch ist das Risiko aber da, wo der Stress am größten ist“, sagt sein Kollege von Bismarck mit Blick auf Familien mit wenig Geld. Bei den meisten Eltern funktioniere die Erziehung im Großen und Ganzen. Doch in Situationen, in denen plötzlich Stress auftrete, wüssten manche Eltern sich nicht mehr anders zu helfen als zuzuschlagen. Vor allem, wenn sie in ihrer eigenen Kindheit Gewalt als probate Erziehungsmethode erlebt hätten. „Ab einem gewissen Punkt können sie nicht mehr anders. Das ist wie eine Übersprungshandlung“, sagt von Bismarck.

Studien zeigen, dass das Gesetz aus dem Jahr 2000 durchaus ins Bewusstsein vieler Eltern gerückt und Gewalt gegen den Nachwuchs rückläufig ist. Doch sie ist nach wie vor da. Rund drei Prozent der Deutschen haben bereits schwere körperliche Misshandlungen erlebt, zeigt eine Studie von Wissenschaftlern um Ulrich Fegert, dem ärztlichen Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Ulm. Weitaus häufiger sind leichtere körperliche Strafen wie der berühmte Klaps auf den Po. Etwa 45 Prozent der Eltern halten ihn heute noch für ein angebrachtes Erziehungsmittel. 2005 waren es indes noch 76 Prozent, wie eine weitere Studie zeigt.

„Noch in den 1950/60er Jahren galt es als ganz normal, Kinder zu schlagen“, sagt Heidemarie Arnhold, Vorstandsvorsitzende des „Arbeitskreises Neue Erziehung“. Heute wollen die meisten Eltern ihre Kinder anders erziehen als es ihre Eltern und Großeltern taten. „Ob sie es im Alltag auch durchhalten, ist eine andere Frage. Es fehlt manchmal an Vorbildern“, sagt Arnhold, die mit ihrem Verein unter anderem Elternbriefe mit Erziehungstipps herausgibt.

„Eltern sind heutzutage unter Druck. Viele deutsche Mütter haben das Super-Mütter-Syndrom. Da liegt ein hohes Maß an Überforderung drin“, sagt Arnhold. Perfekt sei aber niemand. „Kinder versuchen, Grenzen zu überschreiten. Eltern müssen akzeptieren, dass das ein ganz normaler Prozess ist“, betont sie. Es sei aber auch normal, dass man selbst an seine Grenzen komme. Für schwierige Situationen mit dem Nachwuchs empfiehlt sie: „Tief Luft holen, aus der Situation rausgehen und später, wenn man sich beruhigt hat, überlegen, wie man es gemeinsam regelt. Das Verfahren kann man mit Kindern von null bis 18 durchziehen.“

Der Deutsche Kinderschutzbund bietet deutschlandweit seit Jahren Seminare an, die Eltern stärken sollen. „Wir arbeiten an den Stellschrauben, wo es zu Überlastung kommt“, sagt Bundesgeschäftsführerin Cordula Lasner-Tietze. In den Seminaren werde Eltern vermittelt, wie sie für einen ruhigeren Alltag für die Familie sorgen könnten. Das Konzept sei erfolgreich und sorge dafür, dass es deutlich seltener zu stressigen Situationen und somit auch Gewalt komme.

Auch die Eltern, die ihre Kinder im Neuköllner Klinikum vorstellen, seien meist an Hilfe interessiert, sagt Leiter von Bismarck. „Sie wissen ja in der Regel, dass etwas schief läuft“. Den Mitarbeitern der Ambulanz vertrauten sich die Eltern oft eher an als dem Jugendamt, sagt der Arzt. Die Ambulanz baue die Brücke zum Amt, da es schließlich nötige Hilfen finanziere und organisiere. „Wir wollen die Kinder ja nicht aus ihren Familien nehmen. Sie wollen ja zu Hause bleiben, eben nur nicht mehr geschlagen werden.“