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Gemeinschaftsschule Bruchwiese
Wenn Lehrer Angst vor Schülern haben

Die Gemeinschaftsschule Bruchwiese in der Saarbrücker Innenstadt. Hier gibt es derzeit offenbar große Probleme.
Die Gemeinschaftsschule Bruchwiese in der Saarbrücker Innenstadt. Hier gibt es derzeit offenbar große Probleme. FOTO: SZ
Saarbrücken. Das Kollegium der Gemeinschaftsschule Bruchwiese schildert in einem Brandbrief an die Landesregierung verheerende Zustände. Von Gerrit Dauelsberg

„Niemand ist verpflichtet, etwas objektiv Unmögliches zu leisten! Das Ministerium hat eine Fürsorgepflicht für uns Lehrerinnen und Lehrer.“ Mit diesem verzweifelten Appell endet ein Hilferuf, den das Kollegium der Saarbrücker Gemeinschaftsschule Bruchwiese verfasst hat. Auf den vier Seiten zuvor wird der Schulalltag in düsteren Farben geschildert: schwerste Beleidigungen gegenüber Lehrern, Gewalt, Drogen- und Alkoholkonsum. Der Brandbrief ruft Erinnerungen an die damaligen Zustände an der Berliner Rütli-Schule hervor, die 2006 bundesweit negative Schlagzeilen machte.


Verfasst wurde das Schreiben, das der SZ vorliegt, bereits im Juni dieses Jahres. Nach Informationen unserer Zeitung haben es alle Lehrer der Schule unterschrieben. Adressiert ist der Brief unter anderem an den saarländischen Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD), Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sowie die Schulleitung. Dem Vernehmen nach soll sich die Situation im vergangenen halben Jahr nicht gebessert haben. „Wir stellen seit einigen Monaten eine Zunahme von Respektlosigkeit, Aggressivität und Ignoranz gegenüber dem Lehrpersonal fest“, heißt es in dem Schreiben. Es werden einige Beleidigungen aufgezählt, die sich Lehrer bereits anhören mussten ­­– zum Beispiel „Cracknutte“, „Hurensohn“ oder „Wichser“. Verbale Entgleisungen gebe es täglich. Wie es in dem Brief wörtlich heißt, werde zum Teil auch „die Größe der Geschlechtsteile (. . .) in die Beschimpfungen miteinbezogen“. Einige Beleidigungen würden in fremden Sprachen an die Lehrer gerichtet. Auch frauenverachtende Bedrohungen würden ausgesprochen. Ein Schüler soll zu einer Lehrerin gesagt haben, nachdem diese ihn auf seine aggressive und freche Ausdrucksweise hinwies: „Ich rede mit Ihnen, wie ich mit Frauen rede.“ Die Lehrerinnen seien zum Teil eingeschüchtert: „Viele Kolleginnen haben Angst, bestimmte Schüler zu unterrichten“, heißt es in dem Brief. Und: „Mittlerweile müssen wir bei unseren pädagogischen Maßnahmen immer unseren Eigenschutz im Auge behalten, da wir im Umfeld dieser hoch gewaltbereiten Jugendlichen auch privat leben.“

Die Gewaltbereitschaft der Schüler untereinander wachse ebenso wie gegen das Lehrerkollegium. In dem Brief werden zahlreiche Vorfälle aufgelistet, die alle innerhalb von sechs Monaten passiert seien: „Durch aggressives Pausenverhalten“ sei einem Schüler der Arm gebrochen worden. In einem anderen Fall musste aufgrund einer Prügelei von Achtklässlern die Polizei kommen. Pfefferspray wurde vor dem Lehrerzimmer versprüht, ein Klassenbuch verbrannt, ein Handy als Schlagwerkzeug benutzt. Auch echte Waffen kommen zum Einsatz: Innerhalb von zwei Monaten hätten Schüler dreimal ein Messer benutzt. Einer Schülerin sei ein solches an den Hals gedrückt worden.



Glaubt man den Lehrern, ist ein geregelter Unterricht kaum möglich: „Eine nicht geringe Anzahl von Schülern erscheint nicht zu dem vorgegebenen Unterrichtsbeginn beziehungsweise gar nicht. Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schülern mitgebracht. In vielen Unterrichtsstunden wirkt sich das Verhalten einiger Schüler so störend auf den Unterricht aus, dass eine Vermittlung von Fachwissen nicht oder nur unzureichend möglich ist.“ Auch Drogen und Alkohol seien ein Problem: „Wiederholt können wir Drogen riechen und an körperlichen Auffälligkeiten auch Drogenkonsum vermuten.“ Ein Schüler der Klasse 8 sei in der Pause hochalkoholisiert zur Schulleitung geschickt worden. In einem anderen Fall übergab sich ein betrunkener Schüler im Sekretariat.

Es herrschten Zustände an der Schule, die es so vor wenigen Jahren noch nicht gab, sagt eine Quelle der SZ. Wie konnte es zu so einer Situation kommen? Die Lehrer bringen ihren Hilferuf mit der Zusammensetzung der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Zusammenhang: Demnach sei der Gesamtanteil der Kinder und Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft gestiegen und betrage inzwischen etwa 86 Prozent. Stand Juni wurden den Angaben zufolge 61 Flüchtlinge und Zuwanderer ohne oder mit nur geringen Deutschkenntnissen separat unterrichtet. Von den tagsüber insgesamt 350 Schülern hatten dem Brief zufolge zudem 50 Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf – darunter 16 im Bereich geistige Entwicklung und 16 im emotional-sozialen Bereich.

Gerade beim letztgenannten Punkt setzen die Lehrer an und kritisieren indirekt das Bildungsministerium: „Durch die radikale Umsetzung der Inklusion ohne die Schaffung der notwendigen Voraus­setzungen in personeller, materieller, sächlicher und räumlicher Hinsicht sind wir Lehrer/innen zunehmend belastet, und es ist die Grenze der Zumutbarkeit erreicht.“ Man sei der Meinung, dass sich das Verhältnis von Regelschulkindern zu Inklusionskindern negativ verändert hat.

In einem umfangreichen Forderungskatalog pochen die Lehrer unter anderem auf eine andere Verteilung von Schülern mit Förderbedarf: „Inklusion muss die gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegeln. Es muss sichergestellt sein, dass die Umsetzung der Lehrpläne eingehalten werden kann.“ Zudem fordert das Kollegium „den Erhalt von Förderschulen und eine wirklich auf das Wohl des Kindes ausgerichtete Beratung durch das Ministerium, um den Besuch der entsprechenden Förderschule als Chance für eine gute Entwicklung zu sehen.“ Die Lehrer wollen auch ein Vetorecht für die Schulleitung bei Zuweisungen von Schülern, die mehrfach von einer Regelschule ausgeschlossen wurden. Nötig sei zudem Hilfe von Trägern der Schulsozialarbeit, die den Lehrern unterstützende Hilfsmöglichkeiten anbieten sollen. „Es ist eine Verbesserung und Intensivierung der momentan gängigen Angebote notwendig.“

In dem Schreiben setzte das Kollegium dem Ministerium eine Frist bis zum 1. September für eine „angemessene Reaktion“.

Und eine Reaktion gab es, wie das Bildungsministerium auf SZ-Anfrage mitteilte. Man habe das Schreiben im Juni erhalten und „von Anfang an ernst genommen“, sagte Sprecherin Marija Herceg. „Natürlich wissen wir auch, dass wir im Regionalverband Schulen haben, die mehr zu schultern haben als andere Schulen im Saarland.“

Bereits Anfang August hätten sich Staatssekretärin Christine Streichert-Clivot (SPD) und Mitarbeiter des Bildungsministeriums mit der Schulleiterin der Gemeinschaftsschule Bruchwiese getroffen, „um Lösungen für die besondere Belastung der Schule zu finden“. Infolgedessen habe das Ministerium der Schule vor allem beim Personal unter die Arme gegriffen. „Im neuen Jahr sind weitere umfassende Maßnahmen zur systematischen Entlastung von Schulen mit besonderen Belastungen – wie die Gemeinschaftsschule Bruchwiese – in Vorbereitung. Wir möchten diese Schulen dazu befähigen, besser und erfolgreicher mit den ungünstigen schulischen Bedingungen umzugehen“, so Herceg weiter. Das Ministerium unterstütze die Gemeinschaftsschule Bruchwiese „in ihrer schwierigen Lage“ durch zusätzliche Klassenteilungen und Fortbildungen. Darüber hinaus seien der Schule zusätzlich 109 Lehrerwochenstunden zugewiesen worden, was vier Lehrerstellen entspreche, sowie 60 Stunden zur Sprachförderung. Es gebe Unterstützung bei der Lösung von Konflikten sowie Streitschlichtungsgespräche mit dem Kollegium, letztlich unter Hinzunahme eines externen Mediators. Derzeit gebe es auch keine weitere Aufnahme von Kindern und Jugendlichen mit Fluchthintergrund. Ein weiterer Standort zur Unterrichtung von Schülern mit Förderbedarf im Bereich geistige Entwicklung sei in Kleinblittersdorf errichtet worden, zudem habe jeder Schüler einen eigenen Eingliederungshelfer, so Herceg weiter.

Die Leiterin der Gemeinschaftsschule Bruchwiese, Pia Götten, warnte davor, ihre Schule in ein allzu schlechtes Licht zu rücken: „Hier herrscht kein Mord und Totschlag“, sagte sie. Die in dem Brief beschriebenen Sachverhalte seien „Spitzen, die das Kollegium an die Grenze der Belastbarkeit bringen“.  Und: „Fakt ist, dass es nicht nur an meiner Schule so ist.“ Das grundsätzliche Problem sei: „Die Ressourcen haben sich nicht verändert, aber die Herausforderungen sind enorm gewachsen.“ Das Berufsbild eines Lehrers gleiche inzwischen eher dem eines Sozialarbeiters als dem eines Fachlehrers.