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Wenn Kinder sterben wollen

Als Marie vor vier Jahren zum ersten Mal wegen ihrer Leukämie ins Krankenhaus musste, fand sie eine Freundin: Jeanine. Die beiden damals zehn Jahre alten Mädchen freundeten sich an. Von SZ-KorrespondentDetlef Drewes

"Ihr ging es viel schlechter als mir", erzählt Marie heute. "Sie hat oft vor Schmerzen geweint, sie wusste, dass sie sterben würde, sie wollte es." Immer wieder habe ihre Freundin Arzt und Eltern gebeten, doch "was zu machen, damit das alles aufhört." Doch damals war aktive Sterbehilfe in Belgien noch tabu. Jeanine litt über ein halbes Jahr, ehe sie erlöst wurde.

Marie ist heute gesund. Sie sagt: "Ich wünschte, man hätte etwas für Jeanine tun können." Man kann. Ab Mai. Denn am gestrigen Donnerstagabend beschloss das belgische Parlament, das zwölf Jahre alte Sterbehilfe-Gesetz auszuweiten. Künftig dürfen auch Minderjährige unter 18 Jahren vom Arzt den eigenen Tod verlangen. "Man hat alle Kinder, von null bis 18 Jahren, in dieselbe Kategorie gesteckt", empörte sich die Abgeordnete Marie-Christine Marghem noch in den letzten Tagen. Ein todkrankes Kind wolle zwar nicht mehr leiden. "Das ist aber nicht dasselbe wie sterben." Doch die Mehrheit der Abgeordneten teilte gestern die Meinung der Liberalen Carina van Cauter: "Der Gesetzentwurf, der vorliegt, geht aus von einem Recht auf ein menschenwürdiges Lebensende. Warum soll dies kein Grundrecht auch für Minderjährige sein?"

Das Land ist gespalten, noch am Dienstagabend demonstrierten einige hundert Gesetzgegner vor dem Amtssitz von Ministerpräsident Elio di Rupo. Doch sie kamen zu spät. Schon vor einigen Monaten hatte der Senat der Reform zugestimmt, gestern folgten die Regierungsparteien Sozialisten und Liberale, die flämischen Nationalisten und die Grünen stimmten aus der Opposition zu. Nur die christliche CDH hatte versucht, das Gesetz in letzter Minute noch zu stoppen, um alles noch einmal "in Ruhe zu beraten". 160 Kinderärzte reichten eine Petition ein, auch sie wollten Zeit gewinnen. Andere Kindermediziner appellierten an die Abgeordneten, die neuen Vorschriften in Kraft zu setzen. "Skandalös sind die Krankheit und der Tod von Kindern, nicht die Sterbehilfe", argumentierte Senator Philippe Mahoux, selbst Mediziner.

Der Streit drehte sich bis zuletzt um die Frage, ob Minderjährige tatsächlich wissen, was sie tun, wenn sie aktive Sterbehilfe einfordern. "Ein 17-Jähriger kann genauso leiden wie ein Erwachsener", argumentierte der belgische Abgeordnete Jean-Jacques De Gucht, der zu den Initiatoren zählt. Aber er habe nicht die gleichen Rechte. Im Gegensatz zu den Niederlanden, wo ein Patient mindestens zwölf Jahre alt sein muss, um den Tod verlangen zu können, gibt es im belgischen Gesetz keine Altersgrenze nach unten. Tatsächlich aber dürfte die bei sechs Jahren liegen, denn zu den Voraussetzungen gehört eine ausdrückliche Willensäußerung des Betroffenen, die mehrfach schriftlich und mündlich abgegeben werden muss. Außerdem soll ein Psychologe die intellektuelle Reife des Erkrankten feststellen. Die Zustimmung der Eltern ist Pflicht. Das beruhigte die Kritiker keineswegs: "Was macht man, wenn ein Elternteil einverstanden ist und der andere nicht?", fragte der Fraktionschef der Christdemokraten im belgischen Parlament, Christian Brotcorn.

Wie viele Kinder von der Neuregelung betroffen sind oder sie in Anspruch nehmen, gilt als offen. Beobachter sprechen von fünf Fällen im Jahr. Der Chef der Intensivstation des Königin-Fabiola-Kinderkrankenhauses, Dominique Biarent, nennt die Neuregelung eine "Erleichterung". Schon heute werde Sterbehilfe an Minderjährigen durchgeführt, man könne nur nicht darüber sprechen. "Das wissen wir alle", sagte er. Aber künftig seien die rechtlichen Fragen geregelt.