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Wenn fünf Eltern ein Baby haben

Bad Salzschlirf. Samenbanken, Befruchtungslabors, Leihmutterschaft: Was an den neuen Fortpflanzungstechniken so irritiert, ist die Tatsache, dass sie die intime Paarbeziehung sprengen und Dritte, Vierte oder gar Fünfte in den Menschwerdungsprozess einbeziehen Von epd-Mitarbeiter Dieter Schneberger

Bad Salzschlirf. Samenbanken, Befruchtungslabors, Leihmutterschaft: Was an den neuen Fortpflanzungstechniken so irritiert, ist die Tatsache, dass sie die intime Paarbeziehung sprengen und Dritte, Vierte oder gar Fünfte in den Menschwerdungsprozess einbeziehen. Mit solchen "neuen Formen gespaltener Elternschaft" hat sich der Bundesverband der Deutschen Standesbeamtinnen und -beamten (BDS) am Samstag im mittelhessischen Bad Salzschlirf befasst.Ein Kind kann neben den rechtlichen und sozialen Eltern eine männliche Person zum genetischen Vater ("Samenspender") haben, eine weibliche Person zur austragenden Mutter und eine weitere Person zur genetischen Mutter (Eizellenspenderin). Das deutsche Embryonenschutzgesetz aus dem Jahr 1991 verbietet jedoch letztere Formen der Reproduktionsmedizin. Deshalb nutzen Paare nicht selten den Weg über das Ausland, um sich ihr Glück zu erfüllen.



Eizellenspenden sind beispielweise in Belgien, Spanien und der Ukraine rechtens. In Russland, Großbritannien und zahlreichen US-Staaten ist die Leihmutterschaft erlaubt, in Indien sogar die kommerzielle. Doch spätestens bei der Ausreise der sozialen Eltern gibt es Probleme, etwa bei der Pass-Ausstellung. Erhebliche Schwierigkeiten treten nach Darstellung von BDS-Präsident Jürgen Rast auch bei der nachträglichen Beurkundung von Geburten im Ausland auf, etwa bei der Feststellung der rechtlichen Eltern, der Abstammung und der Namensführung.

Entdeckten die Standesbeamten, dass es sich um ein Leihmutterbaby handele, könnten sie das Kind nicht ins Personenstandsregister eintragen. Denn Mutter nach deutschem Recht sei die Frau, die das Baby geboren habe, und Vater deren Ehemann oder Partner. Dies habe das Oberlandesgericht Stuttgart im Februar dieses Jahres noch einmal bestätigt. Nach dem Urteil können die genetischen Eltern die rechtliche Abstammung nur durch eine Adoption herbeiführen.

Dies sei eine unhaltbare Situation, sagt Rast. Deswegen trete der BDS für eine Gesetzesänderung ein. "Wir brauchen für unsere Arbeit eine sichere Rechtsgrundlage", appelliert der langjährige Leiter des Kasseler Standesamtes an die Politik. Rückendeckung erhält Rast dabei auch von dem Gießener Rechtsprofessor Christoph Benicke. Es stelle sich die Frage, "inwieweit eine Elternschaft aufgrund eines ausländischen Rechts auch in Deutschland anerkannt werden muss". Eine untergeordnete Rolle spielten in Bad Salzschlirf dagegen die gesellschaftlichen, die ethischen und die medizinisch-psychologischen Aspekte einer Leihmutterschaft. Denn nach Meinung vieler Experten werden die Kleinen im Bauch der Tragemutter auch geprägt - von den Herzgeräuschen, über die Stimme bis zur Bewegung. Die plötzliche Trennung könne zur Frühtraumatisierung führen, warnt etwa der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther.

Der BDS mit Sitz in Bad Salzschlirf ist Dachverband von 17 Landes- und Fachverbänden. Er versteht sich als Interessenvertretung für die rund 30 000 Standesbeamtinnen und -beamten in rund 5000 Standesämtern der Bundesrepublik.