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Wenn der Arzt nur noch online hilft

Karlsruhe/Saarbrücken. Telemedizin erspart Patienten lästige Wartezeiten und lange Wege. Ärzte werden entlastet. In Baden-Württemberg will man nun die ärztliche Untersuchung ohne persönlichen Kontakt in Projekten erproben. Die Kollegen im Saarland lehnen die Tendenz strikt ab. Fatima Abbas (SZ),Susanne Kupke (dpa)

Keine Diagnose ohne Arztbesuch! An diesem Prinzip will die Landesärztekammer des Saarlands nicht rütteln. "Wir wenden uns gegen jede Form der ärztlichen Behandlung ohne direkten Arztkontakt", sagt Kammer-Präsident Josef Mischo. Diese Haltung entspricht auch der aktuellen ärztlichen Berufsordnung: Ein Arzt muss demnach den Patienten "unmittelbar" behandeln. Auch bei einer Tele-Sprechstunde muss er ihn mindestens einmal real untersucht haben. Dabei könnte es doch so bequem sein: Der Patient sitzt zu Hause entspannt im Sessel und schildert dem Arzt per Telefon oder Videoschalte die Symptome. Der entscheidet daraufhin, was zu tun ist - und das Antibiotikum kommt per Drohne ins Haus.



Im Ausland gibt es schon verschiedene Ansätze der Telemedizin, die eine derartige Sprechstunde möglich machen. Auch die Ärzte in Baden-Württemberg wollen jetzt bundesweit ein neues Modell erproben - nach dem Vorbild der Schweiz.

Bis zu 5000 Telekonsultationen pro Tag, rund 5,7 Millionen seit dem Jahr 2000 zählt allein der Schweizer Dienstleister Medgate - mit 320 Mitarbeitern, darunter 100 Ärzte . Der Patient ruft dort im Callcenter an, gibt beim "Empfang" seine Personalien und Krankheitssymptome durch, schickt im Zweifel noch ein Foto etwa von der Haut- oder Augenveränderung. Ein Medizin-Team berät dann über die Behandlung und der Medgate-Arzt stellt gegebenenfalls ein Rezept aus. Solche Ansätze sieht der Chef der saarländischen Ärztekammer kritisch. Ein Bild reiche nicht aus, um eine professionelle Diagnose zu stellen, sagt Mischo.

Oliver Erens, Sprecher der Landesärztekammer Baden-Württemberg, betont die Vorteile und sieht auch, nicht nur aus Sicht der Patienten , den Bedarf. Etwa bei Medizinern, die nicht nur auf der Schwäbischen Alb oder im Schwarzwald händeringend nach einem Nachfolger suchen und "rund um die Uhr ackern".

Auch Mischo räumt ein, dass die Telemedizin für Ärzte eine Entlastung sein kann. Im Saarland würden Elemente der Fernbehandlung in der Radiologie schon seit Jahren erfolgreich angewandt. Die Krankenhäuser seien vernetzt und die Patienten könnten Messdaten, die sie von zu Hause aus erheben, an eine dritte Stelle zur Auswertung weiterleiten.



Die Ärzte in Baden-Württemberg wollen einen Schritt weitergehen. Die dortige Kammer plant, Modellprojekte zu erlauben, "in denen Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetze durchgeführt werden", sagt Kammerpräsident Ulrich Clever. Das wolle man genau beobachten, "und beim leisesten Zweifel nachjustieren".

Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) will die Satzungsänderung der Ärzte genehmigen, betont aber: "Telemedizin ist für mich kein Ersatz, sondern eine Ergänzung der bisherigen medizinischen Behandlungs- und Versorgungsmethoden." Der Kontakt zwischen Arzt und Patient dürfe nicht generell durch Telemedizin ersetzt werden. Auch nicht auf dem Land.

Von den Patienten würden nach einer Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK) "mehr als die Hälfte der Befragten online mit ihrem Haus- oder Facharzt in Verbindung treten wollen". Fast zwei Drittel könnte sich demnach auch vorstellen, zu Hause ermittelte Messwerte online an den Arzt weiterzuleiten. "Nicht immer wird es möglich sein, aus der Ferne Antwort zu geben", sagt Ärztesprecher Erens. Und Notfälle müssten immer persönlich vom Arzt behandelt werden. Für die TK zeigen aber schon jetzt Projekte für Herz-Patienten, Online-Sprechstunden beim Dermatologen, Teletherapie gegen Stottern oder Apps zur Unterstützung bei Pollenallergie oder Tinnitus, dass digitale Versorgung "funktioniert und dem Patienten Vorteile bringt". Zudem könnten über moderne Kommunikationswege Klinik-Spezialisten bei Diagnose oder Therapie in Arztpraxen mitwirken.

Auch der Chef der Ärztekammer im Saarland glaubt, dass sich Telemedizin als ergänzendes Angebot etablieren kann. Doch er betont: "Um im Einzelfall verantwortlich behandeln zu können, muss der Arzt den Patienten sehen."

Meinung:

Telemedizin ist kein Ersatz

Von SZ-Redaktionsmitglied Fatima Abbas

Dass sich Ärzte heutzutage über moderne Technik besser vernetzen können, ist eine große Errungenschaft. Und es ist logisch, dass Mediziner und Patienten von den aktuellen Möglichkeiten profitieren wollen. Das bedeutet im besten Fall mehr Effizienz und weniger Aufwand. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange klar ist: Das Fernangebot ist nur eine Ergänzung und ersetzt nicht den persönlichen Kontakt zum Arzt. Gerade in Zeiten, in denen Patienten mancherorts unter zeitlichem und finanziellem Druck regelrecht abgefertigt werden, ist es wichtig, die Qualität der Behandlung nicht aus den Augen zu verlieren. Und zur Qualität gehört der Arztbesuch. Das Senden von Smartphone-Bildern an den Hausarzt ist letztendlich genauso zuverlässig wie die Google-Recherche nach Symptomen. Nämlich überhaupt nicht.

Zum Thema:

Hintergrund Erste Versuche der Telemedizin gab es bereits in den 70er Jahren. So konnten Seenotretter per Sprechfunk Kontakt mit Ärzten aufnehmen. Heute können Mediziner aus großer Entfernung per Video Anweisungen geben. Zur Telemedizin gehören auch Internetberatung oder der Austausch von Unterlagen zwischen Ärzten. Deutschland gilt unter Telemedizin-Dienstleistern als "Entwicklungsland". In der Schweiz oder in Großbritannien können Patienten rund um die Uhr per Telefon oder Internet einen Arzt konsultieren. Im Saarland wird Telemedizin beispielsweise im Projekt "Herzstark" der Saarbrücker IKK Südwest angewandt. Seit 2012 können saarländische Herzpatienten ihre Messdaten online an ein Telemedizin-Zentrum übermitteln. dpa