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Wem gehört die deutsche Geschichte?

Berlin. Willy Brandt war eine halbe Sekunde lang als Randfigur im Einspielfilm zu sehen. So wie Gerhard Schröder. Helmut Schmidt, Kurt Schumacher, Petra Kelly oder Rudi Dutschke hatten dieses Privileg nicht. Hans-Dietrich Genschers Stimme konnte man immerhin noch kurz hören. 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre Mauerfall gehören ganz allein der CDU Von SZ-Korrespondent Werner Kolhoff

Berlin. Willy Brandt war eine halbe Sekunde lang als Randfigur im Einspielfilm zu sehen. So wie Gerhard Schröder. Helmut Schmidt, Kurt Schumacher, Petra Kelly oder Rudi Dutschke hatten dieses Privileg nicht. Hans-Dietrich Genschers Stimme konnte man immerhin noch kurz hören. 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre Mauerfall gehören ganz allein der CDU. Das war gestern die Botschaft bei einem Festakt der Partei im "Deutschen Theater" in Berlin.


Im Kampf um die Deutung der deutschen Nachkriegsgeschichte war die Union mit dieser Veranstaltung in die Offensive gegangen. Denn hier hatte sie die alleinige Gestaltungshoheit, nachdem ihr der Koalitionspartner SPD die beim Bürgerfest am 23. Mai in Berlin vorgesehenen drei Festredner vermiest hatte. Das sollten ursprünglich Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel sein - alle CDU. Nun redet auf dem Fest überhaupt kein Politiker mehr. Dafür gestern Angela Merkel (Foto: dpa) umso länger. Die CDU-Chefin benutzte so oft das Wort Glück ("Glück der Einheit", "geglückte Geschichte", "deutsches Glück"), dass man unwillkürlich an eine bekannte Bierwerbung dachte ("glück, glück, glück"). Glaubt man ihr, dann gab es nur zwei wirklich historische Persönlichkeiten seit Kriegsende: Konrad Adenauer, der für Westbindung und Marktwirtschaft gestanden habe. Und Helmut Kohl, den "Kanzler der Einheit". Der Film zeigte auch die CDU-Kanzler Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger sowie - besonders ausführlich - Merkel selbst. "Wenn's darauf ankommt - CDU" lautete die Losung.

Viele Altvordere und aktive Unionspolitiker waren erschienen. Eine fast familiäre Atmosphäre stellte sich ein, mit Sachsen-König Kurt Biedenkopf und Thüringens Ex-Ministerpräsident Bernhard Vogel oder dem letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière. Die fast 90-jährige rheinland-pfälzische CDU-Politikerin der ersten Stunde, Susanne Hermanns, erzählte Moderator Johannes B. Kerner aus der Nachkriegszeit, und Rudolf Seiters, damals Chef des Kanzleramtes, plauderte von seinen Erlebnissen in der mit DDR-Flüchtlingen gefüllten Prager Botschaft im Jahr 1989.

Den heiter-lockeren Rahmen füllte Merkel mit dem Ernst der Krise. Sie nahm die "Erfolgsgeschichte der Bundesregierung, äh, der Bundesrepublik" zum Anlass, Hoffnung zu machen. So wie die Union immer die wirklich wichtigen historischen Weichenstellungen vorgenommen habe, stehe das Land heute wieder vor solchen Herausforderungen und werde sie meistern.

In zehn Tagen wird erneut der 60-jährigen Geschichte der Bundesrepublik gedacht, im Willy-Brandt-Haus der SPD. Dann wahrscheinlich ohne Erwähnung von Adenauer und Erhard und ganz sicher ohne Erwähnung Merkels. Als ob die Deutschen geteilte Geschichte nicht genug gehabt hätten.