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Weißer Täter, schwarzes Opfer

Jacksonville. Ein halbes Jahr nach dem Freispruch für den Todesschützen Zimmermann löst ein neues Urteil in Florida Irritationen aus. Wieder ist der Schütze weiß, das Opfer ein junger Schwarzer. Und wieder beruft sich der Täter auf Notwehr. Von Gabriele Chwallekund Johannes Schmitt-Tegge (dpa)

"Ich bin schockiert", sagt CNN-Rechtsexperte Paul Callan. Und er ist nicht der einzige. Ein halbes Jahr nach dem spektakulären Freispruch für George Zimmermann, den Todesschützen des schwarzen Teenagers Trayvon Martin, löst wieder ein Urteil in einem Prozess um den gewaltsamen Tod eines jungen Afroamerikaners in den USA Überraschung aus. Und wieder stand im Hintergrund die Frage, ob rassistische Vorurteile bei der Tat eine Rolle spielten, wieder ging es um das umstrittene Recht auf Selbstverteidigung im US-Staat Florida.

Was ist passiert? Der 47-jährige Weiße Patrick Dunn stört sich im November 2012 an lauter Musik, die aus einem Auto mit vier schwarzen jungen Leuten kommt. Von "Thug Music" - übersetzt ungefähr "Gangster-Musik" - spricht er. Es entzündet sich ein Streit mit dem 17-jährigen Jordan Davis, Dunn fühlt sich angeblich bedroht und schießt - auch dann noch, als das Auto davonrast. Davis wird tödlich getroffen, die drei anderen im Wagen haben Glück. Die Waffe, die Dunn bei Davis gesehen haben will, wurde nie gefunden. Dennoch können sich die Geschworenen nur auf einen Schuldspruch wegen dreifachen versuchten Mordes an den Begleitern von Davis einigen - nicht aber im Hauptanklagepunkt Mord.

Auch dieser Schuldspruch reicht höchstwahrscheinlich aus, um Dunn für den Rest seines Lebens hinter Gittern zu schicken. Und daran liegt es wohl auch, dass im Gegensatz zum Zimmermann-Urteil diesmal lautstarke wütende Proteste auf der Straße ausblieben. Es gab eher Erstaunen und Irritation, denn anders als damals hatte ein Sieg der Anklage diesmal als sicher gegolten. Das auch wegen der besonders scheußlichen Begleitumstände. Nach den Schüssen fuhr Dunn mit seiner Verlobten in ein Hotel und bestellte sich eine Pizza. Die Meldungen vom Tod des 17-Jährigen las Dunn abends auf seinem Handy - die Polizei rief er nicht.

So spricht denn auch Ken Jefferson von neuem Frust in der schwarzen Gemeinschaft in Jacksonville, dem Schauplatz des Prozesses. Jefferson ist Vizepräsident einer Gruppe namens "Save our sons" (Rettet unsere Söhne), die jungen schwarzen Männern in der Stadt hilft. "Es herrscht das Gefühl, dass man schwarze Leute erschießen kann und nicht dafür bestraft wird", zitiert ihn die "New York Times".

Die Staatsanwaltschaft will versuchen, in einem neuen Prozess doch noch einen Schuldspruch wegen Mordes zu erreichen. Kritiker der laschen Waffengesetze in den USA und insbesondere in Florida sind ebenfalls entschlossen, ihren Kampf für Verschärfungen fortzusetzen. Ihre Aussichten sind jedoch wenig vielversprechend. Großzügige Notwehr-Gesetze gekoppelt mit dem in der Verfassung verankerten Recht, eine Waffe zu tragen, sind weiter nicht nur für konservative Amerikaner so etwas wie ein unantastbares Heiligtum - trotz Zimmermann, trotz Dunn.

So ist etwa Floridas Abgeordneter Dennis Baxley geradezu stolz auf das Notwehr-Gesetz im "Sunshine State". "Die Leute danken mir fast jede Woche", sagt der Politiker, der sich besonders vehement für eine Beibehaltung der Regelung eingesetzt hat.

500 bis 700 mehr Tötungsfälle als im Durchschnitt gibt es in den 23 US-Staaten, die ein ähnlich großzügiges Gesetz zur Selbstverteidigung haben wie Florida. Das haben Forscher der A&M-Universität in Texas ermittelt - ein Unterschied von acht Prozent zu den anderen Bundesstaaten mit restriktiveren Regeln. Aber das beeindruckt die Befürworter freizügiger Regeln nicht.

Jordan Davis wäre am gestrigen Sonntag 19 Jahre alt geworden. Die Eltern wollten den Tag in aller Stille und Abgeschiedenheit begehen. Mutter Lucia McBath äußerte sich dankbar darüber, dass Dunn nicht ungeschoren davonkommt - wenn auch der Tod ihres Jungen bisher rechtlich ungeahndet bleibt.

Der Anwalt des Schützen, Cory Strolla, sagte, sein Mandant sei schockiert über das Urteil, und Dunns Eltern seien "völlig am Boden zerstört". Und fügt er hinzu, was wohl viele denken: "Es hat keine Sieger gegeben, jeder hat verloren."