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Von Katastrophe zu Katastrophe

Zerstörung programmiert: Vielen Immobilienbesitzern in Italien ist die Erdbeben-Prävention zu teuer und zu aufwändig. Foto: Grimm/dpa
Zerstörung programmiert: Vielen Immobilienbesitzern in Italien ist die Erdbeben-Prävention zu teuer und zu aufwändig. Foto: Grimm/dpa FOTO: Grimm/dpa
Rom. Nach dem schweren Beben mit mehr als 250 Toten steht Italien – wieder – vor dem Wiederaufbau. Das Land wird regelmäßig von Erschütterungen heimgesucht. Trotzdem mangelt es an Schutzmaßnahmen, beklagen Kritiker. Julius Müller-Meiningen

Matteo Renzi gab sich am Tag der Katastrophe ebenso staatsmännisch wie mitfühlend. "Jetzt müssen die Tränen trocknen", sagte der italienische Ministerpräsident nach seinem Besuch im Erdbebengebiet, "dann geht es an den Wiederaufbau." Noch immer sind nicht alle Opfer und Vermissten nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien vom Mittwoch mit bislang mindestens 250 Toten gefunden. In der italienischen Politik ist bereits von der Rekonstruktion die Rede. Die italienische Regierung hat signalisiert, die Überlebenden in den vom Beben zerstörten Dörfern wie Amatrice, Accumoli oder Aquata del Tronto nicht im Stich zu lassen.


In Italien wurden seit 1968 insgesamt 180 Milliarden Euro für den Wiederaufbau nach Erdbeben investiert, hat der italienische Verband der Bauunternehmer errechnet. 13,7 Milliarden Euro wurden alleine für die Rekonstruktion nach dem Erdbeben 2009 in den Abruzzen bereitgestellt. Alle paar Jahre wird das Land von einem schweren Erdbeben heimgesucht, zuletzt 2012 in der Emilia-Romagna. Der Wiederaufbau ist zweifellos notwendig, aber Geologen, Seismologen und Angehörige des italienischen Zivilschutzes beklagen vor allem den Mangel an Erdbeben-Prävention in Italien. "Immer unvorbereitet", titelte die Mailänder Zeitung "Libero" gestern.

"In Italien haben wir trotz allem keine Präventions-Kultur", sagt Francesco Peduto, Vorsitzender des italienischen Geologen-Rates. 24 Millionen der knapp 60 Millionen Italiener leben laut Peduto in Gegenden mit erhöhtem Erdbeben-Risiko, die betroffenen Gegenden reichen vom Friaul über den Apennin bis nach Kalabrien und Sizilien. "Wir geben uns damit zufrieden, den Notstand zu verwalten", kritisiert Massimo Cocco, Erdbebenforscher des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (Ingv). Enzo Boschi, Seismologe und ehemaliger Präsident des Ingv behauptet: "In Italien wird nur nach Erdbeben verantwortungsvoll gebaut." Der Fall war dies etwa in der umbrischen Stadt Norcia, die bereits 1979 und 1997 von Erdbeben betroffen war. Nach entsprechenden Baumaßnahmen gab es beim jetzigen Beben weder Tote noch Verletzte und kaum Schäden, obwohl das Epizentrum in unmittelbarer Nähe lag.



Unisono fordern die Experten nun einen mehrfachen Wandel. Zum einen bedürfe es einer neuen "Kultur der Prävention". Die oft ahnungslose Bevölkerung in den entsprechenden Gebieten müsse für die Risiken sensibilisiert werden und eine Anleitung für richtiges Verhalten im Fall von Erdbeben bekommen, das sei bisher nicht der Fall. Bereits in der Schule müssten Kurse gegeben werden. "Zwischen 20 und 50 Prozent der Todesfälle haben ihre Ursache in Fehlverhalten der Personen während eines seismischen Ereignisses", sagt Peduto.

Andererseits monieren die Experten die mangelnde Sicherung der Gebäude gegen Erdbeben . Ihr Einsturz verursacht die meisten Todesfälle. Obwohl Italien das am meisten von Erdbeben betroffene Land in Europa ist, seien 70 Prozent aller Immobilien nicht erdbebensicher. Grund dafür ist auch die alte Bausubstanz, wie in den teils mittelalterlichen Dörfern Amatrice oder Accumoli. Steuerbegünstigungen für erdbebensichere Renovierungen privater Gebäude erwiesen sich bislang als Flop, Eigentümer haben oft weder Mittel noch Interesse an aufwändigen Umbauten. Gegen die Kategorisierung privater Gebäude wehrten sich Italiens Immobilieneigentümer bislang erfolgreich.

"Die Regierung müsste wenigstens Krankenhäuser und Schulen sichern lassen", sagt Seismologe Massimo Cocco. Geologe Peduto fordert gar einen "nationalen Plan" zur Sicherung der Gebäude.

Erst als im Herbst 2002 in der Region Molise 27 Kinder und eine Lehrerin nach einem Erdstoß in ihrer Schule erdrückt wurden, begann die Regierung mit der Unterteilung des Landes in verschiedene Gefahrenzonen. Erdbebensicheres Gebiet gibt es demnach seit 2004 in Italien offiziell nicht mehr. Konsequenzen wurden aber nur ungenügend gezogen. Immer noch sind etwa zahlreiche Schulen nicht erdbebensicher.

So stürzte beim jetzigen Beben in Mittelitalien unter anderem auch das Schulgebäude von Amatrice ein, obwohl es 2012 angeblich erdbebensicher renoviert worden war. Da sich das Beben nachts ereignete, war das Haus glücklicherweise leer. Trotzdem: Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

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Am Rande Unter den Opfern des Erdbebens sind auch eine Spanierin und fünf Rumänen, die in Italien Urlaub machten. Das bestätigten die Außenministerien in Madrid und Bukarest gestern. Ob auch Deutsche bei dem Beben ums Leben kamen, ist bislang nicht bekannt. Trotz der verheerenden Erdbeben-Bilanz ist Italien im Vergleich zu anderen Regionen der Welt recht katastrophensicher. Die Gefahr, dass sich Erdbeben oder extreme Wetterereignisse zu Naturkatastrophen ausweiten, ist auf den Pazifikinseln Vanuatu, Tonga und auf den Philippinen am größten. Das geht aus dem Weltrisikobericht hervor, den das "Bündnis Entwicklung Hilft" gestern in Berlin vorstellte. Italien steht auf Rang 119 von 171 erfassten Staaten und gilt als relativ sicher. Deutschland folgt auf dem noch sichereren Platz 147. Die Studie will zeigen, welche Staaten besonders von extremen Naturereignissen bedroht sind und wie gut sie strukturell darauf vorbereitet sind. dpa/kna

2000 Feuerwehrmänner sind im Erdbebengebiet im Einsatz. Foto: Gambarini/dpa
2000 Feuerwehrmänner sind im Erdbebengebiet im Einsatz. Foto: Gambarini/dpa FOTO: Gambarini/dpa