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Masar-i-Scharif
Von der Leyen wünscht am Hindukusch „Frohe Weihnachten“

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU, r.) gestern mit der Soldatin Livia im afghanischen Feldlager Camp Marmal in Masar-i-Scharif.
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU, r.) gestern mit der Soldatin Livia im afghanischen Feldlager Camp Marmal in Masar-i-Scharif. FOTO: Michael Kappeler / dpa
Masar-i-Scharif. Lichterketten im Feldlager: Die geschäftsführende Verteidigungsministerin nutzt den Besuch in Afghanistan, um eine Aufstockung der Truppe zu fordern.

() Die „Oase“ im Feldlager der Bundeswehr in Masar-i-Scharif hallt wider von wummernden Bässen und Lachen. Mitten im Camp Marmal im Norden Afghanistans feiert das deutsche Kontingent zusammen mit Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf dem Weihnachtsmarkt. Mit Lichterketten, Feuer, Bratwürsten und Glühwein für „eens fuffzich“. Der fast ganz normale Weihnachtsmarktwahnsinn, wie ihn jede deutsche Kleinstadt derzeit erlebt. Nur dass es hier in Afghanistan wie ein Paralleluniversum wirkt.


Sinnbildlich wird das an Details auf dem Weihnachtsmarkt in Camp Marmal deutlich: Pistole tragende Soldatinnen mit roter Weihnachtsmannmütze wärmen sich am Feuer, am Glühweinstand schenkt ein Soldat im Flecktarn mit weißen Engelsflügeln aus. Schon besser zur Lage passen die Flecktarn-Nikolausmützen mit weißer Plüschborte, die eine Soldatin aus Marburg für sich und fünf ihrer Kameraden bei Freunden in der Heimatstadt in Auftrag gegeben hat. „Wir machen es uns schön“, sagt Christina. Es sind ihre ersten Weihnachten im Feldlager am Hindukusch.

Auch im 16. Jahr des internationalen Militäreinsatzes ist die Lage weiter angespannt. Eine Oase der Sicherheit ist Afghanistan noch lange nicht. „Komplex“ nennt die Ministerin die Lage. Die afghanische Regierung sei zwar in der Lage „zwei Drittel des Landes zu kontrollieren, zwei Drittel der Bevölkerung zu schützen“. Das sei „aber mit einem hohen Preis versehen“. Die Taliban „greifen massiv mit spektakulären Anschlägen an, insbesondere in Kabul und insbesondere dort, wo die internationalen Gemeinschaft ist“.

Es ist erst rund ein Jahr her, dass das deutsche Konsulat in Masar-i-Scharif attackiert wurde. Die Diplomaten zogen nach dem Angriff im November 2016, bei dem das Gebäude schwer beschädigt wurde, vorübergehend ins Camp; inzwischen haben sie sich mit einer Rumpfmannschaft in der US-Vertretung einquartiert. Die deutsche Botschaft in Kabul war erst im Mai dieses Jahres Ziel eines Anschlags.

Aber es zeigten sich langsam Fortschritte, sagen ranghohe Militärs. Im vergangenen Jahr hätte die Taliban acht Mal erfolglos versucht, Provinzstädte einzunehmen, 2017 habe es nur einen einzigen Versuch gegeben. Zudem würden die afghanische Luftwaffe und die Spezialkräfte immer schlagkräftiger. Erstmals gehöre der Luftraum über Afghanistan den Afghanen – ein wirksames Mittel gegen die Aufständischen ohne Luftwaffe.



Der Einsatz „trägt langsam aber sicher Früchte“, sagt von der Leyen. Davon will sie auch die Fraktionen im Bundestag überzeugen. Denn derzeit läuft das neue Mandat, das in der vergangenen Woche verabschiedet wurde, nur bis zum 31. März, um eine neue Bundesregierung nicht in ihrem Handlungsspielraum einzuschränken. Die Ministerin will aber schnellstmöglich eine Verlängerung der Mandate für Auslandseinsätze über ein Jahr erreichen.

Deutschland müsse Verlässlichkeit gegenüber den internationalen Partnern schaffen, sagt von der Leyen. Deutschland trägt als „Rahmennation“ im Norden Afghanistans die Verantwortung für die Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte im Zuge des internationalen Einsatzes „Resolute Support“ der Nato.

Die Verteidigungsministerin kündigte an, im Bundestag so bald wie möglich über eine Aufstockung der Truppe in Afghanistan diskutieren zu wollen. „Mir sagen die Soldaten, aber vor allem die Ausbilder: Wir haben genug Ausbilder, wir könnten aber deutlich mehr machen, wenn wir bessere Schutzkomponenten hätten, mehr Schutzkräfte“, sagte von der Leyen. „Jetzt ist es so, dass Aufträge liegen bleiben. Das bedauern die Soldaten hier.“ Bislang hatte die Bundesregierung zurückhaltend auf Forderungen reagiert, mehr Soldaten an den Hindukusch zu schicken.

Um außenpolitische Kontinuität zu gewährleisten und wegen der Hängepartie bei der Regierungsbildung, hatte der Bundestag den Afghanistan-Einsatz jedoch erst vergangene Woche um drei Monate verlängert.

Es ist bereits der sechste Besuch von der Leyens als Verteidigungsministerin in Afghanistan und ihr fünfter vorweihnachtlicher Besuch im Feldlager. Sie nennt es „ein Ritual, das mir lieb geworden ist“. Neu ist nur, dass sie diesmal geschäftsführend gekommen ist.