| 00:00 Uhr

Von der abgestürzten Germanwings-Maschine sind fast nur noch Kleinteile übrig – Bergung der Opfer soll heute beginnen

Flaggen auf Halbmast, Gebete, Schweigeminuten – nach dem Flugzeugunglück in Südfrankreich steht Deutschland unter Schock. Am Absturzort in den Alpen dankte Bundeskanzlerin Merkel gestern den Menschen dort für ihre Solidarität und Unterstützung. Christine Longin

Immer wieder steigen blau-weiße Hubschrauber von der Rasenfläche hinter dem Supermarkt Intermarché unterhalb von Seyne-les-Alpes auf. Gegen zwölf Uhr mittags startet eine Gruppe Gebirgsjäger zu der Stelle, wo am Dienstag die Germanwings-Maschine 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf an einem Gebirgsmassiv zerschellte.

"So etwas habe ich noch nicht gesehen", sagt Laurent Jaunatre von der Bergrettung der Bereitschaftspolizei in Grenoble. Der erfahrene Einsatzleiter, der schon viele Lawinenunglücke miterlebte, überflog am Dienstag im Hubschrauber den Absturzort. "Man kann sich nicht vorstellen, dass da die Überreste eines Flugzeugs mit 150 Menschen an Bord liegen", schildert er die traurige Szene. Tausende kleine Teile sind über eine Fläche von vier Hektar verteilt. "Ich habe nur drei Teile gesehen, die länger als einen Meter waren." Der Rest sind Kleinstteile, die über eine Fläche von 150 Metern Höhenunterschied verstreut liegen. "Pulverisé" sei der Airbus A320, heißt es immer wieder - zu Pulver zerborsten.

Die sterblichen Überreste der ersten Opfer wurden nach Polizeiangaben gestern geborgen. Weitere Leichen sollen heute nach und nach vom Absturzort weggebracht werden. Vorerst war an weitere Bergungen nicht zu denken, denn zunächst muss die Unglücksstelle gesichert und alles fotografiert werden. Gestern waren 40 Einsatzkräfte vor Ort, die sich vom Hubschrauber abseilen mussten, da das Gelände so unwegsam ist, dass die Maschinen nicht landen können.

"Wir teilen das Gebiet in Quadrate auf", erläutert Jaunatre das Vorgehen seiner Leute. Das ganze Gebiet zu durchkämmen und die Überreste zu sichern, wird lange dauern. "Das ist eine riesige Aufgabe, die viel Zeit brauchen wird." Von Wochen ist die Rede, vielleicht auch länger. Denn auch die Opfer sind nicht mehr zu erkennen, nur einzelne wenige Leichenteile sind laut Jaunatre noch identifizierbar.

In Seyne-les-Alpes, drei Kilometer Luftlinie vom Unglücksort entfernt, herrscht seit dem Absturz Ausnahmezustand. Denn das Bergdorf mit seinen 1500 Einwohnern ist zum Zentrum für Einsatzkräfte und Angehörige geworden. "Wir können das immer noch nicht realisieren", sagt Fanette Borel vom Tourismusbüro. Der für morgen vorgesehen Markt wurde "wegen der Ereignisse" abgesagt und der Karneval auf den 4. April verschoben. Die Hilfsbereitschaft in dem Ort, der vor allem mit seiner Zitadelle aus dem 11. Jahrhundert wirbt, ist groß. In Digne-les-Bains, rund eine Stunde Autofahrt von Seyne-les-Alpes entfernt, sollen Ärzte und Psychologen in Notfallteams die Angehörigen betreuen. Auch ein deutsches Konsularteam ist vor Ort, um bei den Formalitäten zu helfen. Zum Gedenken haben die Trauernden zwei Andachtsräume: einen in Seyne-les-Alpes und einen in Le Vernet, zehn Minuten entfernt. Dort trugen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU ) und der französische Präsident Francois Hollande gestern in das Kondolenzbuch ein. Der Ort scheint für die Trauernden besser geeignet als Seyne-les-Alpes, denn von dem Dorf aus ist das Bergmassiv zu sehen, an dem die Maschine zerschellte.

Merkel, die sich mit einer dicken schwarzen Daunenjacke gegen die Kälte in den französischen Hochalpen wappnete, wollte sich ein Bild von der Gegend machen. Zusammen mit Hollande überflog sie die Absturzstelle am Nachmittag. In einer Lagerhalle neben dem Hubschrauberplatz sprachen sie danach vor hunderten Journalisten über das Drama. Rund 400 Journalisten aus aller Welt sind allein nach Seyne-les-Alpes gekommen, um über die Bergungsarbeiten zu berichten. Ihre Übertragungswagen beherrschen das sonst so verschlafene Städtchen, in dem die meisten Leute kaum Englisch sprechen. #

Vom Kultur- und Jugendzentrum werden die Journalisten von den 300 Gendarmen, die im Einsatz sind, aber streng ferngehalten. Denn in dem Andachtsraum, der dort im Obergeschoss eingerichtet wurde, sollen die Trauernden allein sein.