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Vom Reformer zum Volkspräsidenten

Berlin. Jetzt könnte Horst Köhler es allen einmal beweisen. Der alte Markt vis-à-vis des Rathauses von Magdeburg liegt ihm zu Füßen. Nur eine Stufe, dann über die Straße, hin zum Blumenstand, wo die Hängegeranie nur 1,80 Euro kostet. An diesem schönen Maitag herrscht dort reger Trubel, einige warten schon, weil sie Köhlers Limousine mit der präsidialen Standarte entdeckt haben Von SZ-Korrespondent Hagen Strauß

Berlin. Jetzt könnte Horst Köhler es allen einmal beweisen. Der alte Markt vis-à-vis des Rathauses von Magdeburg liegt ihm zu Füßen. Nur eine Stufe, dann über die Straße, hin zum Blumenstand, wo die Hängegeranie nur 1,80 Euro kostet. An diesem schönen Maitag herrscht dort reger Trubel, einige warten schon, weil sie Köhlers Limousine mit der präsidialen Standarte entdeckt haben. Ein ausgiebiges Bad in der Menge, das wäre es jetzt doch, so kurz vor der Präsidentenwahl. Und dann kommt er aus dem Rathaus, er lacht, er winkt, vor allem: er zögert. Es wäre ihm zuzutrauen, dass er einfach in seinen schwarzen Daimler steigt und davon rauscht. Aber es macht klick im Kopf: Er ist nicht mehr der Köhler von früher, als Präsident muss man schon etwas volksnah sein. Also geht er rüber zu den Rentnern und Frauen mit Kindern, die am Geranienstand warten. "Haben Sie eine Autogrammkarte?" Hat er nicht. "Wo kommen Sie her?" fragt Köhler. Ausgerechnet aus Bayern. "Ist hier auch jemand aus Magdeburg?" Eine Frau nickt. Viel sei ja erreicht worden im Osten, sagt er zu ihr. "Aber ich sehe auch große Probleme." Der Mann hat Verständnis, das zeigt er landauf landab. Und schon ist der Präsident wieder fort. Ein Bad in der Menge geht anders. Es ist eher eine kurze, scheue Dusche. Sicher, wer ihn trifft, der findet ihn danach "nett" oder "toll", was vor allem daran liegt, dass der Bürger erstaunt bemerkt, der Präsident ist tatsächlich aus Fleisch und Blut. Wer Köhler indes länger begleitet, der merkt schnell: Er ist kein Volksheld, Umarmungen sind ihm eigentlich fremd. Seine Nähe wirkt mitunter antrainiert; sie ist die Folge eines präsidialen Rollenwechsels. Er, der einst als cholerisch beschrieben wurde, hat im Laufe seiner Amtszeit verstehen müssen, dass er nicht dazu da ist, Politik zu machen. Sondern dazu, möglichst von seinen Untertanen gemocht zu werden. Auch, wenn es ihm andersherum lieber gewesen wäre. Also hat er sich notgedrungen gewandelt, nachdem er mit dem Versuch, sich einzumischen und unbequem zu sein, im Laufe der fünf Jahre an den Mächtigen in Berlin gescheitert ist. Wie zur eigenen Wiedergutmachung robbt er sich seitdem von Flensburg bis Konstanz an die Menschen heran, kurz, schmerzlos und spröde. Belanglos menschelnd sind solche Begegnungen meist, unoriginell, genau das macht ihn für viele aber noch leibhaftiger und sympathischer. Horst Köhler: geboren am 22. Februar 1943 im polnischen Skierbieszów, verheiratet mit Eva Luise Köhler, zwei Kinder, seit dem 1. Juli 2004 Bundespräsident. Er war bis zum 4. März 2004 Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Gerne wird auch ein wenig spöttisch darauf verwiesen, dass er Staatssekretär im Bundesfinanzministerium gewesen ist, vor allem aber Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Ein Technokrat in Bellevue, das war die von Merkel und Westerwelle gewollte Ausgangslage. Seine Präsidentschaft sollte eigentlich den schwarz-gelben, neoliberalen Reformern den Weg ebnen; sie wollten Deutschland auf Marktgläubigkeit trimmen, er sollte dies als dynamischer "Macher" unterfüttern. "Wir brauchen den Mut der Bundesregierung zu Initiativen, die den Weg der Erneuerung konsequent fortschreiben", hatte er bei seiner Antrittrede verkündet. Genickt wurde fleißig im damals noch oppositionellen, aber so hoffnungsfrohen, bürgerlichen Lager. Es kam anders, große Koalition statt radikale Reformen, und Köhlers Präsidentschaft wurde zum Irrtum; er gab anfänglich den Reformer, den Antreiber, meldete sich zu Wort, mischte sich in die Tagespolitik ein und unterschrieb zwei Gesetze nicht. 2006 forderte er Union und SPD auf, endlich die "politischen Sandkastenspiele zu beenden". Danach war es so schlecht wie nie um Köhler bestellt: Tiefes Misstrauen herrschte in der politischen Klasse, selten wurde ein Präsident so hart attackiert. Eine zweite Amtszeit? "Bloß nicht", hieß es damals. Köhler flüchtete sich immer häufiger nach Afrika, sein Herzensthema. Heute sagt er: "Ich mache meine Arbeit und verfolge alles mit Interesse." So spricht jemand, dem mit der Kühle der Macht bedeutet wurde, dass er als präsidialer Reformmotor nicht mehr gebraucht wird. Angela Merkel lässt grüßen. Seitdem ist er in seine neue Rolle als Volkspräsident geflüchtet. Die Deutschen verlangen nun mal von ihrem Mieter im Schloss Bellevue auch ein Markenzeichen: Johannes Rau, der Joviale und ewige Landesvater, Roman Herzog, der Ruckredner, Richard von Weizsäcker, der royale Feingeist. Horst Köhler hat noch kein haftendes Rollenetikett, außer seiner exorbitanten Beliebtheit. Und vielleicht seiner Kunst des oft trivialen Zwiegesprächs mit dem Volk: "Jetzt frag' ich mal die jungen Leute", sagt er bei einem Termin in einer Magdeburger Firma, "Sie fühlen sich wohl in der Ausbildung?" "Es macht riesig Spaß", antwortet der Azubi im frischen Blaumann. "Gut, prima, und einen Gruß daheim", freut sich Köhler. Ebenso, und gute Fahrt, ist man gewillt zu erwidern. Je weniger er sich einmischt, desto größer wird der Zuspruch. Der Azubi hat nun ein "sehr gutes Bild" vom Staatsoberhaupt. Im Magdeburger Dom steht ein Herr mit Schnäuzer, an dem der Präsident vorbeihuscht. Wie er ihn denn finde, wird er gefragt. "Hervorragend. Ich werde ihn wieder wählen." Das kann der Mann zwar nicht, dafür ist am Samstag die Bundesversammlung zuständig. Die Szene zeigt aber: Viel näher können sich Präsident und Volk nicht sein. "Jetzt frag' ich mal die jungen Leute."Horst Köhler bei einem Termin mit Auszubildenden


HIntergrundHorst Köhler geht als Favorit in die Bundesversammlung an diesem Samstag. CDU/CSU und FDP, die Köhler wählen wollen, stellen 604 Wahlleute. Die Freien Wähler aus Bayern haben 10 Vertreter. Damit käme Köhler auf 614 Stimmen - eine mehr als die absolute Mehrheit (613). SPD und Grüne stellen zusammen 514 Wahlleute. Die Linke, die mit dem Schauspieler Peter Sodann ins Rennen geht, hat 90 Delegierte. Weitere vier Stimmen entfallen auf NPD und DVU mit dem rechtsextremen Liedermacher Frank Rennicke. Zwei fraktionslose Bundestagsabgeordnete, die früher zur Union und zu den Grünen gehörten, stimmen ebenfalls mit. Spannend wird es ab dem dritten Wahlgang, wenn die einfache Mehrheit reicht. Dann kann Schwan ebenfalls mit 604 Stimmen rechnen, sollte die Linke geschlossen ihren aussichtslosen Kandidaten Sodann zugunsten der SPD-Bewerberin aufgeben. Auch dann kommt es wieder vor allem auf die Freien Wähler an. dpa