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Volkskrankheit Depression

Düsseldorf. Immer mehr Deutsche werden wegen Depressionen behandelt. Es wird derzeit vermutet, dass auch der Copilot von Flug 4U 9525 an der psychischen Krankheit litt. Bei Männern wird sie häufig nicht erkannt. Rainer Kurlemann

Thomas Müller-Rörich ist kein typischer Mann. Denn er redet über seine Krankheit, Depressionen . Der Vorsitzende der Deutschen Depressionsliga erzählt in Vorträgen über seine vierjährige Krankengeschichte . Der 61-jährige Geschäftsführer einer Firma für Steuerungskomponenten konnte keine Texte mehr lesen, auf den Lärm seiner Kinder reagierte er aggressiv. "Alles in meinem Leben fand ich anstrengend", berichtet Müller-Rörich, "ich hatte immer das Gefühl, ich kann das nicht." Gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit sind die Hauptsymptome einer Depression.

Die Krankheit gilt noch immer als typisch weiblich. In den Lehrbüchern steht, dass jede vierte Frau in ihrem Leben eine Depression durchmacht. Dagegen sei nur jeder achte Mann betroffen. Doch diese Einschätzung sei vermutlich falsch, heißt es im Bericht "Männergesundheit 2014" des Robert-Koch-Instituts (RKI). Untersuchungen belegen, dass Hausärzte vor allem bei jüngeren Männern Depressionen weniger häufig erkennen, als ihnen das bei Patientinnen gelingt.

Männer gehen mit der Krankheit anders um als Frauen. "Depressionen passen nicht in das männliche Selbstbild, und deshalb versuchen Männer häufig, sie zu verdrängen", berichtet Anne Maria Möller-Leimkühler, Professorin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität München. Typisch männliche Reaktionen sind der Griff zum Alkohol, eine erhöhte Aggressivität und Feindseligkeit, aber auch intensive Aktivitäten. Die Betroffenen treiben extrem viel Sport, stürzen sich rund um die Uhr in Arbeit oder verbringen Stunden vor dem Computer im Internet.

Durch diesen selbstgemachten Stress schüttet der Körper ständig mehr Stresshormone aus. Der Hormonspiegel kann so hoch steigen, dass die Betroffenen keinerlei Ruhe mehr finden. Männer wollen häufiger und länger als Frauen allein gegen die Krankheit kämpfen. Sie verleugnen die Symptome und schleppen sich weiter zur Arbeit. Einer der Gründe könnte die fehlende Akzeptanz der Krankheit in der Gesellschaft sein. "Depressive Menschen werden häufig als Leistungsverweigerer angesehen", sagt Müller-Rörich. Depressionen sind aber eine ernstzunehmende Erkrankung. Die Zahl der Fehltage durch Depressionen habe sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Nach Prognosen der Weltgesundheitsorganisation wird die Depression im Jahr 2020 nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Krankheitsursache weltweit sein. Die Erkrankung von Thomas Müller-Rörich konnte mit Medikamenten, Anti-Depressiva, behandelt werden. Das trifft auf viele Depressionen zu, vor allem wenn sie früh genug erkannt werden. Doch das ist leider nicht immer der Fall. Nicht optimal behandelte Erkrankungen bilden die Hauptursache der etwa 10 000 Suizide, die jedes Jahr in Deutschland begangen werden.


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HintergrundDie ärztliche Schweigepflicht gehört laut Bundesärztekammer zur Berufsethik: "Ärzte haben über das, was ihnen in ihrer Eigenschaft als Arzt anvertraut oder bekanntgeworden ist, zu schweigen." Laut Kammer dürfen sich Ärzte aber über die Schweigepflicht hinwegsetzen, wenn dadurch "besonders schwere Verbrechen" verhindert werden sollen oder Gefahr für Leib und Leben besteht. dpa