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Verheerende Unwetter
Vier Wochen nach der großen Flut im Saarland

Sieht eigentlich ganz idyllisch aus, doch der Schein trügt: Im trüben Wasser des Fechinger Bads liegt massenhaft Geröll.
Sieht eigentlich ganz idyllisch aus, doch der Schein trügt: Im trüben Wasser des Fechinger Bads liegt massenhaft Geröll. FOTO: Lisa Kutteruf
Kleinblittersdorf. Innerhalb weniger Tage wüteten mehrere Unwetter im Saarland. Seitdem wurde viel aufgeräumt, doch die Spuren des Verwüstung sind noch deutlich erkennbar. Von Lisa Kutteruf

„Alles, was hier stand, ist kaputt“, sagt Bernhard Dissieux und sieht sich in seinem Keller um. „Heizanlage, Rasenmäher, Waschmaschine.“ Die Tür wurde vom Wasser eingedrückt. Wie hoch es stand, zeigt eine schlammfarben-trübe Linie, die sich über die Wände zieht. Es riecht modrig.


Bliesransbach, Ortsmitte. Die Sonne brennt, der Himmel ist wolkenfrei. Im Wartehäuschen der Bushaltestelle stehen Jugendliche. Auf der anderen Seite des Marktplatzes verlässt eine Frau mit ihren Einkäufen den Bliestal-Markt. Auf den ersten Blick sieht alles gewöhnlich aus. Auf den zweiten Blick fallen sie ins Auge: die herausgerissenen Pflastersteine auf dem Parkplatz, die Container, in denen sich der Schutt stapelt. Die zugerichteten Autos in den Einfahrten, die eingestürzten Mauern vor den Gärten der Häuser. Die trüben Ränder an den Fassaden und in den Häusern von Bliesransbachern wie Dissieux. Und die Garagentore, die offen stehen, damit der Boden trocknet. Es sind die Spuren des Unwetters. Das Unwetter in der Nacht auf den 1. Juni, das gewaltige Wassermassen von allen Seiten in den Ort trieb, die Straßen des Kleinblittersdorfer Ortsteils in reißende Ströme verwandelte. Schlammige Ströme, die alles an sich rafften, was im Weg stand, die Straßen mit Wucht unterspülten, Häuser fluteten und viele Einwohner am Rande ihrer Existenz zurückließen.

Unwetter trifft Bliesransbach schwer FOTO: BeckerBredel


Jetzt, knapp vier Wochen später, steht Ortsvorsteher Günter Lang auf trockenem Untergrund in der Ortsmitte. „Drinnen stand das Wasser“, sagt er und zeigt auf den Bliestal-Markt. Dann geht er über den Platz und biegt in eine schmale Straße ab, deutet auf ein Haus. „Hier mussten die Kinder mit Bettlaken aus dem Erdgeschoss gerettet werden.“ Ein paar Meter weiter ein tiefes Loch. Rohre und Leitungen sind zu sehen, der Asphalt ist komplett zerstört. Am Rand des Lochs ein Berg aus Geröll, gespickt mit Pflastersteinen. Auf einem Rasenstück stapeln sich Gegenstände, die Wasser und Schlamm zum Opfer fielen: Holzbretter, ein Staubsauger, ein Ordner. Aber auch Autoreifen. Manche nutzen das Chaos nach der Katastrophe, laden auf den Trümmerbergen Unrat ab.

Seit der Unglücksnacht ist Lang unablässig auf den Beinen. Wenn er nicht durch den Ort eilt, ist er im Ortsratszimmer der alten Schule für die Bürger da. Es gibt zusätzliche Bürgersprechstunden, eine nach dem Unwetter eingerichtete Nachbarschaftshilfe und Listen, in die man eintragen kann, was man braucht. Der Schaden im Ort ist immens. Was das in Zahlen heißt, kann Lang immer noch nicht abschätzen. Klar ist, dass es in die Millionen geht. Fast kein Haus blieb vor den Fluten verschont, einige Häuser sind nicht mehr bewohnbar. Lang sorgt sich jetzt um vieles. Unter anderem um eine Familie in der 500 Meter entfernten Eduard-Mörike-Straße. Sie wohnt dort, wo die Brücke eingestürzt ist und ist seitdem vom Ort abgeschnitten. Die Telefone im Haus funktionieren nicht mehr. Der Ortsvorsteher will sich gemeinsam mit der Verwaltung dafür einsetzen, eine Lösung zu finden. „Vielleicht kann man zumindest einen Steg bauen“, überlegt er.

Am tiefsten Punkt von Bliesransbach, im Talkessel, liegt der Sportplatz. In der Nacht auf den 1. Juni konnte das Wasser von allen Seiten ungehindert auf den Rasen strömen. Das Schotterbett ist zerstört, die Drainagen liegen frei. Der Kunstrollrasen liegt zusammengeschoben da – „wie wie ein nasses Handtuch“, sagt Michael Becker vom Fußballverein SC Blies. Inzwischen war ein Gutachter da und hat den Schaden auf 400 000 bis 500 000 Euro geschätzt. Dazu kommen weitere Kosten. „Wir haben in Absprache mit der Gemeinde beschlossen, dass wir, wenn wir den Sportplatz wieder aufbauen, Schutzmaßnahmen installieren müssen“, sagt Becker. Das könnten Beruhigungswälle am Hang sein, am besten bepflanzt, und ein Wasser-Auffangbecken. Damit sich so etwas wie Anfang Juni nicht wiederholen kann. Den alten Kunstrasen will der Verein selbst entsorgen. Einen neuen Kunstrasen hätte man ohnehin bald gebraucht. Das Unwetter hat jedoch auch die Schicht unter dem Rasen zerstört, sie muss nun ebenfalls ausgetauscht werden. Den Spielbetrieb hat der Verein trotzdem nicht eingestellt, die Mannschaften trainieren im französischen Frauenberg.

Schwere Unwetter im Saarland FOTO: BeckerBredel

Ähnlich sieht es rund 40 Kilometer weiter nördlich in Eppelborn aus. Noch ein Fußballplatz, noch ein aufgerollter Kunstrasen, noch eine zerstörte Tragschicht. Das Illtalstadion des Eppelborner Fußballvereins wurde am 11. Juni, zehn Tage nach Bliesransbach, vom Starkregen heimgesucht. Zwischen 260 000 und 270 000 Euro netto wird es kosten, den Platz wieder herzurichten, sagt Günter Schmitt vom FV Epppelborn. „Wir sind dennoch zuversichtlich“, sagt Schmitt. Inzwischen lägen Angebote von drei Firmen vor. Der Gemeinderat habe einen Zuschuss von 75 000 Euro genehmigt. Und die vielen freiwilligen Helfer, auch aus den Nachbarvereinen, machen Mut.

Zwischen Bliesransbach und Eppelborn liegt das Fechinger Kombibad. Die Grünflächen sind vom Geröll befreit, erste Blumen angepflanzt. Doch das Wasser in den Außenbecken ist trüb, das Geröll reicht bis unter die Wasseroberfläche. Vor dem Bad steht ein Transporter. „Schadensmanagement“ steht darauf. Ein Mann schiebt eine Schubkarre voller PVC-Platten aus der Gymnastikhalle. In der Halle schmutzige Ränder an den Wänden und wieder der spezielle Geruch nach Moder. Etwa einen Meter hoch stand hier das Wasser am 1. Juni. Im Technikraum ist alles zerstört: Maschinen, Verteilerkästen, 15 Pumpen. Das Blockheizkraftwerk, das erst vergangenen Dezember in Betrieb genommen wurde. Es ist versichert, die anderen Sachen nicht. Der Schaden beläuft sich auf etwa 800 000 Euro. Dazu kommen etwa 10 000 Euro, die der Ausfall pro Woche kostet. Wie lange es dauern wird, bis das Bad wieder öffnen kann, wagt Gabriele Scharrenberg-Fischer, Geschäftsführerin der Saarbrücker Bäder, nicht zu sagen. „Wir arbeiten darauf hin, dass das Bad im August wieder öffnen kann.“ Versprechen will sie aber nichts.

Zurück in Bliesransbach: Vor der Turnhalle lehnen Besen, wie vor so vielen Gebäuden im Ort. Innen ordentlich. Kein Schlamm, kein Wasser mehr. Doch die Dielen des Parkettbodens in der Halle wölben sich nach oben. Und die Sportgeräte im Keller sind ebenfalls dahin, wie Monika Bender vom Turn- und Sportverein sagt. Die Kegelbahn sieht mitgenommen aus, die Spuren des Schlamms sind nicht mehr wegzukriegen. Selbst die Stepaerobic Bretter, die sich an der Wand stapeln, sind von Schmutzflecken gezeichnet – obwohl sie bereits mehrmals gewaschen wurden. Wie es weitergeht, wissen weder Bender noch Ortsvorsteher Lang, als sie den Keller begutachten. Dennoch wirkt Lang hoffnungsvoll. „Es kamen schon Spenden von überall her“, sagt er. Dann steigt er die Kellertreppe hinauf. An der Wand die trübe Linie, in der Luft der modrige Geruch – bis sie verschwunden sind, wird es wohl noch dauern.

In Bliesransbach richtete das Unwetter viel Schaden an: im Ortskern, auf dem Sportplatz und im Keller der Turnhalle, wo zuvor eine Kegelbahn stand.
In Bliesransbach richtete das Unwetter viel Schaden an: im Ortskern, auf dem Sportplatz und im Keller der Turnhalle, wo zuvor eine Kegelbahn stand. FOTO: Lisa Kutteruf
Foto: Heiko Lehmann
Foto: Heiko Lehmann FOTO: Heiko Lehmann
Spuren des Unwetters
Spuren des Unwetters FOTO: Lisa Kutteruf