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Indien
Vergewaltigung als Kavaliersdelikt

Neu-Delhi/Dubai. Vor fünf Jahren vergingen sich in Indien sechs Männer an einer Studentin. Der Aufschrei war groß – doch geändert hat sich so gut wie nichts.

(epd) „Wer eine Zwölfjährige vergewaltigt, ist kein Mensch, sondern ein Dämon“, sagte der Ministerpräsident des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh, Shivraj Singh Chouhan, Anfang Dezember. Zuvor hatte das Parlament der Region die Todesstrafe bei Vergewaltigungen von Kindern von zwölf Jahren oder jünger erlaubt. Die Region müsse mit gutem Beispiel vorangehen, sagte Chouhan. Der Politiker erhofft sich von dem Gesetz Auswirkungen auf ganz Indien.



Madhya Pradesh gilt als einer der unsichersten Bundesstaaten für Frauen in Indien. Nach offiziellen Zahlen werden hier jeden Tag mehr als elf Frauen vergewaltigt. Von Februar 2016 bis Februar 2017 waren es 4279 Frauen und Mädchen – mehr als die Hälfte von ihnen Kinder. Gleichzeitig wurden in diesem Zeitraum 248 Gruppenvergewaltigungen registriert. Obwohl Madhya Pradesh nur sechs Prozent der indischen Bevölkerung ausmacht, wurden hier 2014 laut nationaler Verbrechensstatistik 14 Prozent aller erfassten Vergewaltigungen verübt.

Das Bewusstsein für das Problem stieg in Indien schlagartig durch die brutale Vergewaltigung der Studentin Jyoti Singh vor fünf Jahren, am 16. Dezember 2012. Die 23-Jährige starb an ihren inneren Verletzungen, nachdem sie von sechs Männern in einem Bus in der Hauptstadt Neu-Delhi misshandelt worden war. Ein Gericht verurteilte vier Männer im September 2013 zum Tod, zuvor hatte ein zur Tatzeit 17-Jähriger drei Jahre Jugendarrest bekommen. Der mutmaßliche Drahtzieher erhängte sich in seiner Zelle. Das Verbrechen löste wochenlange Proteste im ganzen Land aus und stieß eine Debatte über die Sicherheit von Frauen an, die bis heute anhält. Seither hat Indiens Regierung die Strafen für Vergewaltigung drastisch verschärft. Doch das Problem bleibt bestehen. Erst vergangenes Wochenende wurde ein etwa fünfjähriges Mädchen derart brutal mit einem Stock vergewaltigt, dass es starb.

Kürzlich starteten indische Frauen eine #MeToo-Kampagne auf Twitter, um zu zeigen, wie weit verbreitet sexuelle Gewalt weiterhin ist und wie sie oft als „Kavaliersdelikt“ verharmlost wird. Frauen, die öffentlich über ihre Erfahrungen sprechen, müssen mit negativen Folgen rechnen. So wurde die Schauspielerin Kangana Ranaut im Oktober als Schlampe beschimpft, nachdem sie erklärt hatte, auf einer Party von einem Kollegen begrapscht und mit anzüglichen Bemerkungen belästigt worden zu sein. Die Übergriffe wurden ihr angelastet, da er verheiratet ist.

Ein Gericht in Neu-Delhi sprach den wegen Vergewaltigung angeklagten Regisseur Mahmood Farooqui im September frei: Das Opfer habe nicht klar genug gemacht, dass es keinen Sex wolle, hieß es in der Begründung. „Ein schwaches Nein vonseiten der Frau kann während einer sexuellen Handlung als ein Ja gedeutet werden“, erklärte der Richter.



Auch die Polizei argumentiert oftmals so. Die Sicherheitskräfte wollen keine Anzeigen wegen Vergewaltigung aufnehmen und setzen die Frauen und Mädchen erniedrigenden Verhören aus. Auch inzwischen verbotene medizinische Untersuchungen wie der berüchtigte Zwei-Finger-Test wenden sie weiter an. Damit sollen die Ärzte feststellen, ob das Opfer noch Jungfrau war oder nicht.

Bei Frauen ohne offensichtliche Verletzungen wie blaue Flecken oder Kratzspuren geht die Polizei automatisch davon aus, dass der Sex einvernehmlich war. „Heute haben wir härtere Gesetze und Regeln, aber es gibt noch viel Nachholbedarf, um sicherzustellen, dass Polizei, Ärzte und die Gerichte die Überlebenden mit Würde behandeln“, sagt die Südasien-Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Meenakshi Ganguly.

Doch das Umdenken hat begonnen. Als im vergangenen Jahr an Silvester in Bangalore Frauen auf der Straße von einem Mob junger Männer belästigt und angegriffen wurden, war die Reaktion der Öffentlichkeit eindeutig: „Solch ein Verhalten ist eine Schande für das ganze Land“, kritisierte die Zeitung „Banglore Mirror“ und forderte die Polizei auf, besser für die Sicherheit von Frauen zu sorgen. Es kam zu spontanen Protesten und unter dem Twitter-Hashtag „IWillGoOut“ (Ich werde ausgehen) erklärten Frauen, dass sie nicht die Absicht hätten, nun einfach daheim zu bleiben.

Dennoch: Nur Stunden nachdem die Abgeordneten von Madhya Pradesh die Todesstrafe für die Vergewaltigung von unter Zwölfjährigen einführten, drang in dem Bundesstaat ein 19-Jähriger ins Haus seiner Nachbarn ein und vergewaltigte deren achtjährige Tochter.