| 00:00 Uhr

US-Botschafterin von Hollywood nach Budapest

Washington. Colleen Bell hat Seifenopern produziert, nun wird sie Botschafterin in Ungarn. In den USA werden diplomatische Posten immer öfter an Großspender vergeben. Dass diese über ihre Gastländer nur wenig wissen, scheint zweitrangig. Von SZ-KorrespondentFrank Herrmann

Welche strategischen Interessen die USA in Ungarn haben? "Also, wir haben unsere strategischen Interessen", sagt Colleen Bell, "und was unsere Schlüsselprioritäten in Ungarn angeht, ich denke, unsere Schlüsselprioritäten sind die Sicherheitsbeziehung, die Strafverfolgung, und dass wir den Handel fördern". "Großartige Antwort", spottet John McCain. Der Senatsveteran mit Hang zum Sarkasmus hat mitzuentscheiden, ob sich Bell für den Botschafterposten in Budapest eignet.

In der weiteren Befragung wird klar: Ungarn ist für Bell bislang Terra incognita. Ihr Metier ist Hollywood, wo sie eine Seifenoper mit dem Titel "The Bold and the Beautiful" produziert. Dass sie ihr Land an der Donau vertreten soll, hat allein mit ihrem Geschick beim Rühren der Spendentrommel zu tun. Bell sammelte 2,1 Millionen Dollar fürs Wahlkampfkonto Barack Obamas, wofür sie nun ihre Belohnung kassiert.

Die Botschafter, das Geld und die Inkompetenz, es ist eine alte Geschichte. Obama ist keineswegs der erste Präsident, der sich des diplomatischen Karussells bedient, um sich bei Gönnern zu revanchieren. Was in den 60er-Jahren als Ausnahme begann, ist längst zur Regel geworden. Doch mit Obamas zweiter Amtszeit hat die Praxis Dimensionen erreicht, die Fachleute Alarm schlagen lässt: Die USA, protestiert etwa Ex-Diplomat James Bruno, seien die einzige westliche Macht, die es "in diesem Punkt mit einer Bananenrepublik aufnehmen kann". Mittlerweile kommt jeder zweite Botschafter aus dem Kreis der Nicht-Berufsdiplomaten. Welche Vorteile das bisweilen bietet, abgesehen vom frischen Blick des Seiteneinsteigers, illustriert das Beispiel Caroline Kennedys. Als die Tochter John F. Kennedys nach Tokio entsandt wurde, beschränkten sich ihre Japan-Kenntnisse auf Rudimentäres, aber es war klar, sie hat das Ohr des Präsidenten, was im Zweifelsfall wichtiger ist als enzyklopädisches Wissen. Als Caroline Kennedy auf dünnem Eis das Bestätigungsverfahren im Kapitol absolvierte, bewies sie zumindest, dass sie dabei war, das Wichtigste über ihr Gastland zu lernen. Was sich von Colleen Bell eher nicht sagen lässt.

Oder George Tsunis, ein Hotelmagnat, der nach Oslo gehen soll. Er blamierte sich, indem er vom Präsidenten Norwegens sprach, offenbar nicht wissend, dass es sich um eine konstitutionelle Monarchie handelt, mit einem König als Staatsoberhaupt. Dann quälte ihn McCain mit Fragen zur rechtspopulistischen Fortschrittspartei, worauf der Geschäftsmann völlige Ahnungslosigkeit offenbarte. Die norwegische Regierung habe sich distanziert von den Rechtspopulisten, behauptete Tsunis. Darauf McCain: "Die Regierung hat sich distanziert? Die Rechtspopulisten sind Teil der Regierungskoalition." Tsunis übrigens hat 988 500 Dollar für Obamas Kampagne 2012 gesammelt.