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„Unser Land“ kämpft für das Elsass

Bei den französischen Regionalwahlen am Sonntag droht den regierenden Sozialisten eine weitere Pleite. Die Umfragen sagen dafür einen Wahlsieg des rechtspopulistischen Front National voraus. Und im Elsass kämpft eine Regionalpartei für mehr Eigenständigkeit. Christine Longin

Um "unsri Heimet" geht es in diesen Tagen viel im Elsass . Zumindest bei den Wahlkampfveranstaltungen von "Unser Land". Denn die Regionalpartei nimmt die Départementswahl am Sonntag zum Anlass, für ihr Anliegen zu werben. "Unser Land" kämpft dafür, das Elsass als Region zu erhalten und es mit mehr Kompetenzen auszustatten. "Wir möchten, dass das Elsass weiterlebt und unsere Sprache nicht ausstirbt", sagt Vize-Präsident Jean-Georges Trouillet. Chancen, das Elsässische zu stärken, sieht er nur, wenn die geplante Regionalreform nicht kommt. Die sieht nämlich vor, das Elsass mit Lothringen und der Champagne-Ardenne zu verschmelzen. Die elsässischen Interessen würden dann untergehen, fürchtet "Unser Land", das sich selbst als konservativ-ökologisch bezeichnet.

Tausende Menschen brachte die 2009 gegründete Partei im Herbst gegen die Regionalreform auf die Straße. Nun sammelt "Unser Land" Unterschriften für ein Referendum gegen die Zusammenlegung. Die Partei stößt mit ihren Forderungen durchaus auf Sympathie, denn viele Elsässer wehren sich gegen den Neuzuschnitt der Regionen. Auch in anderen Parteien gibt es Stimmen, die Gebietsreform zurückzunehmen. Doch für Trouillet zählen die konservative UMP und die Sozialisten nicht: "Die haben die Elsässer verraten." Der größte Feind von "Unser Land" ist aber der Front National (FN), denn die im Elsass starken Rechtspopulisten setzen auf einen strammen Zentralismus.

Gerade dem FN könnte "Unser Land" am Sonntag Stimmen abjagen. In 22 Kantonen treten Kandidaten der neuen Partei an. Damit sind die Regionalisten nach Kandidaten gerechnet die drittstärkste Partei - hinter UMP und FN und vor den im Elsass traditionell schwachen Linksparteien . "Wir werden nach der Wahl auf alle Fälle bekannter sein als vorher", sagt Kandidat Jean-Marie Lorber, der im Kanton Saverne, 40 Kilometer westlich von Straßburg, antritt. Dass er im Vergleich zu den anderen Kandidaten nur Außenseiter ist, weiß der Geschäftsführer, der fließend Deutsch und Elsässisch spricht. Die Regionalsprache ist nur noch wenig zu hören. "Sie hat das Image, eine Sprache der Alten zu sein." "Unser Land" will dafür sorgen, dass das "Elsasserditsch" nicht ausstirbt. Doch die elsässische Identität geht für die Partei über die Sprache hinaus: Sie liegt auch in der wechselvollen Geschichte der Region und dem Lokalrecht. So wird im Elsass im Gegensatz zum Rest Frankreichs an den Schulen noch Religion unterrichtet.

All das könnte die Grenzregion verlieren, wenn sie mit Lothringen und der Champagne-Ardenne verschmilzt, fürchtet "Unser Land". "Eine Finanzierung der zweisprachigen Schulen durchzusetzen, wird dann problematisch", warnt Trouillet.

Doch genau auf den deutsch-französischen Unterricht legt die Partei wert. In rund zwölf Prozent der Grundschulen wird derzeit in beiden Sprachen unterrichtet. Viel zu wenig, findet Lorber. "Das wurde dilettantisch angegangen, weil ein Teil der Bevölkerung noch Komplexe hat." Noch vor 30 Jahren habe kaum einer gewagt, gut von Deutschland zu sprechen. "Doch die junge Generation hat diese Hemmungen nicht." Denn gerade die Jugend sehe, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland deutlich niedriger sei.

Die Zugehörigkeit zu Frankreich stellt im Elsass aber kaum einer in Frage. Auch "Unser Land" geht es nur um Kompetenzen, wie sie etwa die deutschen Bundesländer haben. "Wir betreiben keine Rückkehr in die Vergangenheit", stellt Trouillet klar.


Front National könnte wieder zum Wahlsieger werden


Das politische Frankreich ist hypernervös. Dabei geht es eigentlich nur um die erste Runde der Départementswahlen. Dennoch könnte das Ergebnis das Nachbarland erschüttern.

Paris/Metz. Rote, gelbe und blaue Punkte sind ziemlich gleichmäßig über Frankreich verteilt. Die "Karte der Entgleisungen" nennt die Zeitung "Libération" den bunten Mix. Denn jeder der rund hundert runden Flecken markiert einen Ort, wo es zu islamfeindlichen, antisemitischen oder rassistischen Beleidigungen von Kandidaten des Front National gegen Muslime, Juden, Schwule und Ausländer kam. So hetzte beispielsweise Thierry Kern gegen die "Scheiß-Muslime, die wir loswerden müssen". Kern, gegen den die Anti-Rassismus-Organisation SOS Racisme Anzeige erstattete, tritt trotzdem bei der Départementswahl am Sonntag in Brunstatt bei Mulhouse an.

Auf landesweit rund 30 Prozent soll der FN Umfragen zufolge kommen. Damit wäre die rechtspopulistische Partei von Marine Le Pen zum zweiten Mal nach den Europawahlen die stärkste Kraft in Frankreich, knapp vor dem konservativen Lager und deutlich vor den Sozialisten. Das Mehrheitswahlrecht dürfte zwar verhindern, dass die Partei, die offen einen Einwanderungsstopp und den Ausstieg aus dem Euro fordert, mehr als ein oder zwei der 101 französischen Départements gewinnt. Doch das Ergebnis wäre ein Zeichen für die Dynamik, die die Rechtspopulisten seit vier Jahren trägt.

Und genau gegen diese Dynamik kämpft Regierungschef Manuel Valls erbittert. "Verloren sind nur die Schlachten, die man gar nicht erst geschlagen hat", sagte der Sozialist im Wahlkampf im Norden des Landes. Dort, in der alten Arbeiterregion um Lille, ist der FN besonders stark. Denn die Menschen sind enttäuscht von der Politik der Regierung, die die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff bekommt. Die Sozialisten, die bisher mit den Linksparteien 60 der Départements kontrollieren, dürften mindestens 30 davon an das konservative Lager verlieren.

Doch die Konservativen können sich nicht so richtig am Niedergang des Erzfeindes freuen, denn die neue Konkurrenz kommt von rechts außen. "Es gibt vor allem auf lokaler Ebene eine wachsende Durchlässigkeit zum FN", beschreibt der FN-Experte Jean-Yves Camus das Wahlverhalten der Konservativen. Bei der Nachwahl im ostfranzösischen Doubs stimmten im Februar 49 Prozent der Wähler der UMP in der zweiten Runde für die Kandidatin des FN. Auch in der Stichwahl der "Départementales" am 29. März müssen sich die UMP-Anhänger in einigen Wahlkreisen zwischen FN und PS entscheiden, wenn der eigene Kandidat in der ersten Runde ausscheidet. "Weder/noch" lautet die Parole, die die Parteispitze im Februar ausgab. Doch unumstrittenen ist diese Haltung nicht, die Parteichef Nicolas Sarkozy schon bei den Wahlen 2011 vertrat. So plädiert beispielsweise Ex-Außenminister Alain Juppé dafür, in solchen Fällen mit den Sozialisten eine "republikanische Front" gegen den FN zu bilden.

Auch im lothringischen Dépar-tement Meurthe-et-Moselle könnte der Front National laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Election-Scope" als Sieger hervorgehen. In ganz Lothringen könne die Partei 17 von 157 Kantonen für sich gewinnen, so die Prognose. clo/rob
Meinung



Finstere Perspektive

Von Christine Longin

Der Vergleich mit der Sonnenfinsternis drängt sich auf, denn die politische Zukunft sieht düster aus in Frankreich. Der ausländer- und europafeindliche Front National dürfte am Sonntag zum zweiten Mal in Folge stärkste Partei werden. Chefin Marine Le Pen schwärmt schon, danach die Nationalversammlung und den Elysée-Palast zu erobern. 2017 dürfte ihr Sieg bei den Präsidentschaftswahlen noch nicht möglich sein, sagen Umfragen. Doch das Abschneiden Le Pens hängt vor allem von der Konkurrenz ab. Schaffen die Sozialisten es, sich zusammenzuraufen? Findet die UMP einen Kandidaten, der mehr überzeugt als Nicolas Sarkozy? Ob sich der Himmel über Frankreich verdunkelt, entscheiden die Wähler in zwei Jahren.