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Berliner Mauer
Warum der Freiheitsdrangniemals sterben wird

FOTO: Roby Lorenz / SZ
Der Mensch gewöhnt sich an alles. Wirklich? Ich fuhr oft mit dem Fahrrad an der Berliner Mauer entlang, von Westen. Es war mein Arbeitsweg, schön ruhig. Man sah sie praktisch nicht, sie gehörte dazu. Wir picknickten manchmal im Niemandsland. Wir dachten nicht an die Menschen hinter der Mauer. Jedenfalls nicht oft. Als nach der Maueröffnung dort bestimmte Straßen wieder in Betrieb genommen werden sollten, gab es Proteste. Man wollte, dass alles so bleibt. Von Werner Kolhoff

Am 9. November 1989, als sich die Mauer plötzlich öffnete, strömten die bisher Eingesperrten überglücklich auf uns zu. Abertausende. Sie riefen „Wahnsinn“, das Wort der Nacht. Viele weinten. Ich dachte: Wir haben da wohl etwas übersehen. Sie jedenfalls hatten sich nie gewöhnt. Heute ist die Mauer genauso lange weg, wie sie gestanden hat. 28 Jahre und knapp drei Monate. Erich Honecker, der letzte Diktator der DDR, sagte Anfang 1989: „Die Mauer steht noch 50 und auch noch 100 Jahre“. So kann man sich irren. Zehn Monate später waren beide weg: Mauer und Honecker.



Die Berliner Mauer (und mit ihr auch die innerdeutsche Grenze aus Stacheldraht und Todesstreifen) ist ein epischer deutscher Beitrag für die Moral dieser Welt, diesmal ein tröstender. Deshalb strömen Millionen von Touristen jedes Jahr an die alten Schauplätze. Dieser Beitrag handelt von der Hybris der Herrschenden, die sich und ihre Herrschaft für ewig halten. Ihre kurzsichtige Ideologie, ihre zur Schau gestellte Wichtigtuerei, ihre meist nur notdürftig kaschierte Selbstbereicherung. Wie sich zeigt, ist nichts ewig, und darin liegt eine große Hoffnung. Aktuell für die Menschen in Nordkorea, im Iran, in Russland, in der Türkei, in vielen anderen Ländern. Regime kommen und gehen. Selbst in der einbetoniertesten Diktatur gibt es Veränderung. Manchmal kommt sie von außen, zum Beispiel über das Internet, manchmal von innen. Informationen lassen sich nicht einmauern, die Gedanken sind frei.

Man muss mit Diktaturen zurechtkommen. Aber man darf Repression und Fremdbestimmung nie anerkennen. Der Versuch war richtig, die Mauer durch Verhandlungen durchlässiger zu machen. Aber manche sind in der alten Bundesrepublik damals auch zu weit gegangen. Sie haben Verträge geschlossen und den Gedanken „Die Mauer muss weg“ verdrängt. Es waren durchaus ehrbare Motive, und dennoch waren sie falsch. Jedenfalls hat die Geschichte diesem Ansatz Unrecht gegeben.

Vor allem aber ist die Mauer ein Lehrstück über den Freiheitsdrang, der nie wirklich ganz erstirbt. Es gibt eben menschliche Urbedürfnisse, die sich nicht ersticken lassen. Man nennt es auch Menschenrechte. Freiheit ist der Kern, in allen ihren Facetten. Freies Reisen. Freie Meinungsäußerung. Freie Religionsausübung. Freie Sexualität. Man kann das alles unterdrücken, bis fast auf Null. Es bricht sich dennoch irgendwann wieder Bahn. Der Mensch gewöhnt sich eben doch nicht an alles. Er beseitigt das Unerträgliche, sobald er die Chance dazu hat. Das jedenfalls ist die große Hoffnung der Welt seit dem Fall der Mauer vor 28 Jahren, zwei Monaten und 26 Tagen.