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Überall lauern Fettnäpfchen auf Benedikt

Francesco ist ein nicht gerade unbeleibter Mitarbeiter im Pressesaal des Heiligen Stuhls, der sich stolz als Vegetarier bezeichnet, weil er keine Steaks esse, nur Schinken und Wurst. Selbst wenn sein oberster Vorgesetzter, Papst Benedikt XVI., nur eine Pfarrgemeinde im römischen Stadtteil Magliana besucht, spricht Francesco nervös von bewegten Zeiten. Nun aber reist Benedikt XVI Von SZ-Mitarbeiter Martin Zöller

Francesco ist ein nicht gerade unbeleibter Mitarbeiter im Pressesaal des Heiligen Stuhls, der sich stolz als Vegetarier bezeichnet, weil er keine Steaks esse, nur Schinken und Wurst. Selbst wenn sein oberster Vorgesetzter, Papst Benedikt XVI., nur eine Pfarrgemeinde im römischen Stadtteil Magliana besucht, spricht Francesco nervös von bewegten Zeiten. Nun aber reist Benedikt XVI. nach Jordanien und Israel. Nicht nur Francesco, sondern der ganze Vatikan ist in gespannter Erwartung. Gründe für Nervosität gibt es genug: Erst zum dritten Mal überhaupt reist ein Papst nach Israel, nach zwei Jahrtausenden oft unheilvollen Umgangs von Christen mit Juden. Zudem ist dieser Papst ein Deutscher, zudem aus der Kriegsgeneration, eine Tatsache, die in Israel immer eine Rolle spielt, ob man will oder nicht. Und es ist vor allem auch die Reise eines Papstes, der die Beziehungen der Katholischen Kirche zum Judentum trotz wichtiger Gesten und klarer Bekenntnisse belastete. Vor allem, als er Anfang des Jahres vier Bischöfen der Pius-Bruderschaft die Exkommunikation erließ, bevor er erfuhr, dass einer von ihnen den Holocaust leugnet. Längst seien die Beziehungen normalisiert, sagt man beim "Rat für die Einheit der Christen", der auch für die Kontakte mit den Juden zuständig ist. Der Dialog laufe auch bei trübem Himmel weiter. Doch dann hört man wieder Kurienangestellte, denen nicht nur der Schock der Williamson-Aktion, sondern auch noch die Regensburger Rede in den Knochen sitzt. Selbst der geschickteste Diplomat laufe auf dieser Reise Gefahr, ins Fettnäpfchen zu treten.


Oben im zweiten Stock des Apostolischen Palastes, einen Stock unter den Gemächern des Papstes, versucht man, die Nervosität durch demonstrative Zuversicht zu überdecken. Hier ist das Kardinalstaatssekretariat, Monsignori und Bischöfe - keiner spricht weniger als fünf Sprachen - huschen durch von Rafael bemalte Gänge. "Es wird so sein, wie auf allen Reisen des Papstes", sagt ein Prälat, "vorher fragt man bang, wie es wohl werden wird. Doch ist der Papst erst einmal vor Ort, wird er mit Gesten und Worten begeistern." Ein anderer Kurienangestellter mahnt: "Benedikt ist sehr intelligent, aber er ist nicht sehr klug."

"Ich komme als Pilger des Friedens" sagte Benedikt am vergangenen Sonntag und meinte damit: Er wird zwar in Amman und Tel Aviv als Staatsoberhaupt empfangen, doch vor allem will er als Hirte die Christen im Nahen und Mittleren Osten bestärken. Er sieht es als seinen Auftrag an, alles zu tun, damit dort, wo vor 2000 Jahren der Religionsstifter lebte, auch weiterhin Christen leben. "Wir beten für" oder "wir denken an die Christen im Heiligen Land", dies sind feststehende Formeln Benedikts geworden. Doch das Verhältnis zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel ist auch belastet, weil es Streit über die Besteuerung von Kirchengütern gibt.



"Der Papst ist kein Politiker, sondern Pilger", lautet das Mantra von Beschwichtigern, und doch wissen sie: Auch Papst Benedikt XVI. wird schon am Flughafen in Tel Aviv sagen, es bedürfe eines palästinensichen wie eines israelischen Staates, um zum Frieden zu gelangen. Er wird in einem Flüchtlingslager im Westjordanland zum Frieden aufrufen - und immer droht ihm die Gefahr, vereinnahmt zu werden und jedes Wort, jedes Gebet könnte als politische Stellungnahme verstanden werden. Zumal er am 14. Mai, dem Gründungstag Israels, im Lande ist. Wenn man vom Ölberg auf Jerusalem schaut, dann wirkt die Stadt wie ein friedliches Vorbild für die ganze Welt. Lange Schlangen christlicher Pilger ziehen durch die Via Dolorosa zur Grabeskirche, Muezzine rufen zum Gebet. Doch dann sieht man wieder schwer bewaffnete Soldaten oder die Comiczeichnungen, die Kindern erklären sollen, wie eine Bombe aussieht.

Als Johannes Paul II. im Jahr 2000 an der Klagemauer betete, hinterließ er einen Zettel, in dem er die Juden um Vergebung bat. Wird auch Benedikt XVI. noch einmal um Vergebung für die Vergangenheit bitten? Oder wird er eine Bitte für die Gegenwart hinterlassen, die er, in ihrer Gottferne, doch so oft in düsteren Farben beschreibt? Johannes Paul II. hatte im Nahen Osten einen Sympathiebonus, den hat Benedikt nicht. Hier kann er vielleicht durch Worte, vielmehr noch durch Gesten, Vertrauen und Sympathien gewinnen.

Alles, was der Papst sagen wird, wird zuhause in Rom Francesco, der kräftige Pförtner des Pressesaals, dutzendfach kopieren und mittags um zwölf zur Abholung bereit auf den Tresen vor sich legen. An einem Tag wird er Ansprachen hinlegen, die Anstoß erregen; am nächsten Tag eine Predigt die Hoffnung geben soll. Bewegte Zeiten für Francesco.

Hintergrund

Äußerungen und Entscheidungen von Papst Benedikt XVI. kamen nicht immer gut an, lösten gar Entsetzen aus:

März 2009: Bei seinem ersten Afrika-Besuch sagt Benedikt, das Aids-Problem lasse sich mit Kondomen nicht lösen. "Im Gegenteil, das verschlimmert nur das Problem".

Januar 2009: Benedikt nimmt vier exkommunizierte Bischöfe der Bruderschaft Pius X. wieder in die Kirche auf. Darunter ist der Brite Richard Williamson, ein Leugner des Holocaust.

Februar 2008: Die Karfreitags-Fürbitte wird neu gefasst: "Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen", lautet der Text. Viele Juden empfinden den Satz als anmaßende Aufforderung zur Judenmission.

Juli 2007: Der Vatikan betont die Einzigartigkeit der katholischen Kirche. Protestanten dürfen sich nicht "Kirche" nennen.

September 2006: Bei einer Vorlesung in Regensburg zitiert der Papst einen byzantinischen Kaiser: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden. . . " Aus dem Zusammenhang gerissen lösen die Worte in der muslimischen Welt scharfe Proteste aus. dpa